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Jüdische Rundschau · 1903-04-24 · Heft 17 (24.4.1903) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite!54. «I־Udis<»11e Hiinclscliau No. 17. sehr, dass Herr Estermann uns die naive Absicht zuschiebt, wir. wollten durch unsere Protestkundgebung zur Entscheidung bringen, ״ob Achad-Haam oder Nordau Recht hat." In diesem Falle wäre allerdings Achad-Haam weit geeigneter als wir, die Hiebe• Nordau’s zu parieren und er hat es auch inzwischen in einer Form getan, die einen Vergleich des in der ״asiatisehen“ Litteratur herrschenden Tones mit dem ״Brauch im ganzen gesitteten Schrifttum" entschieden nicht zu guusten des letzteren ausfallcn lässt. Aber wir wollten mit unserem Protest nichts ״beweisen" und nichts ״entscheiden", wir handclten blos aus einem Qefiihl der Gerechtigkeit heraus, wenn wir einem von uns verehrten und nach unserer Ansicht verdienst• vollen Manne dem Angriffe Nordau’s gegenüber, der, wie sich Herr Estermann so kostbar euphemistisch ansdrückt, ״die Feder zu scharf gespitzt hat", eine geringe Dosis von persönliche, Genugtuung verschaffen wollten. Denn ״cs gibt Angriffe, ge• gen die ein hochgesinnter und stolzer Mann sicli nicht verteidigen kann, die aber gleichwohl abgcwchrt und gesühnt werden müssen, wenn das Gerechtigkeitsgefühl nicht allzu schwc• beleidigt sein soll." Wenn Herr Estermann ״verschiedentlich munkeln hörte,“ das unsere Aktion das Endziel verfolge, ״Not• dau vom nächsten Kongress wegzuekcln lind dadurch indirekt auch Herzl einen Hieb zu versetzen," so will ich hoffen, dass es nichts weiter, als ein blosses ״Gemunkel" ist und dass es allen Beteiligten gänzlich fern liegt. Was mich persönlich bc• trifft, so muss ich, obwohl ich mit einer wahrhaften Herzenserieichterung die Protestkundgebung unterschrieb und auch iüi die Sympathie-Adresse ״eitrigst" Unterschriften sammelte, eint derartige Insinuation mit aller Entschiedenheit zu rück weisen. Ich darf sogar das Bekenntnis ablegen, dass ich von jehe» für Nordau eine ganz besondere Vorliebe hegte, nicht zum mindesten gerade wegen seines glühenden Temperaments, da> mir eine grosse starke Natur offenbarte, die, weil sie heftig hassen, auch heftig lieben kann. Das schliesst aber durchaus nicht die Erkenntnis aus, dass alles in der Welt seine Grenz־-• hat und schliesst vor allem nicht die moralische Pflicht aus, einem Opfer dieses Temperaments ,wenn man Achad-Haam so nennen darf, meine vollste Sympathie zu bezeugen. Und wem. auch unsere Aktion in erster Reihe aus unseren Gefühlen für Achad-Haam heraus entsprang, so würde ich mich — und mit mir sicherlich sehr viele — herzlich freuen, wenn dieselbe auch für Max Nordau eine Folge hätte, die Folge, ihm nachdriicklich zu Gemütc zu führen, dass er in seiner öffentlichen zionistischen Tätigkeit kein privater Schriftsteller, sondern ein durchaus verantwortlicher Führer ist und ihn in energische! Weise an den klugen Ausspruch unserer Alten zu erinnern ״ הנסים הזהדו מ־בדעםIhr Weisen, seid vorsichtig mit Euren Worten!" ’ ' ‘ ׳ י ־ 1' ׳! I!",י־ Privatdozent Dr. J. Friedländcr, Strassburg i. E. Zur Sache Nordau-Achad-Haam. Herr L. Estermann, Hamburg, veröffentlicht in Nr. 15 bei Jüdischen Rundschau einen Exkurs gegen eine ar. Achad-Haam gerichtete Adresse, die ich zwar (wie ich der Genauigkeit halhcr bemerken will) weder angeregt noch abgefa.sst, der ich aber meine Unterschrift gegeben habe und fiir die ich daher auch gern und ganz einstehe. Dennoch würde ich mich wohl kaum zu einer Entgegnung veranlasst sehen, wenn Herr Estermann sich darauf beschränkt hätte, seine Ansicht gegen die "meiner Freunde und die meine zu setzen. Herr Estermann geht aber in zwei wesentlichen Punkten darüber hinaus: er stellt den Tatbestand unrichtig dar und er gebraucht persönlichc Argumente. Ich .habe deshalb geglaubt, die Lc4ser der Jüdischen Rundschau über das Sachliche und das Personliehe aufklären zu sollen. . ־ Zunächst seien die Tatsachen angeführt die für die Abfnssung und Unterzeichnung der Adresse bestimmend waren. Im Dezemberheft 1902 der hebräischen Monatsschrift ״Haschiloach" veröffentlichte deren Gründer und Herausgeber Uscher Ginzberg unter seinem ständigen Pseudonym ״Acliad־ Haam" (Einer aus dem Volke) eine Besprechung des Romanes ״Altneuland" von Theodor Herzl. Er warf darin dem Buche zweierlei vor: dass der darin geschilderte Judenstaat nicht ein langsam und organisch gewordenes Gebilde, sondern eine unwahrscheinlich schnell und mechanisch gemachte Sache sei, und dass dieser Judenstaat nicht jüdisch sei, oder doch fast nirgends die spezifisch jüdische Kulturfärbung aufweise, deren Erhaltung und Entwickelung Achad-Haan\ und vielen anderen Zionisten als der tiefste Sinn des Zionismus erscheint. Diese zwei Einwände, nach deren Berechtigung hier nicht gefragt werden soll, brachte Achad-Haam mit beträchtlicher Schärfe und einer gewissen Anhäufung von Ironie (für meinen Geschwach auch etwas zu weitschweifig) vor, aber durchaus innerhalb der Grenzen, die der iitterarischcn Kn'lik in Europa gezogen zu sein pflegen und die nur ganz selten, so etwa von Max Nordau in den Abschnitten seines Buches ..Entartung", Jie Henrik Ibsen, Emil Zola, Leo Tolstoi, Friedrich Nietzsche und einige andere europäische Schriitstcller behandeln, über* schritten worden sind. Von der Tatsache, dass diese Grenzen von Achad-Haam eingchaltcn wurden, kann sich Jeder aus dem Artikel Acliad-Haams — der nun auch in deutscher Sprache (im Aprilheft von ״Ost und West") vorliegt — überzeugen. ln Nr. 11 der ״Welt" vom 13. März 1903 erschien an leitender Steile ein Artikel von Max Nordau. ..Achad-Haam über ״Altneuland“ betitelt, der offenbar eine Widerlegung der Kritik Achad-Häams bezweckte. Die Korrekturbogen dieses Artikels wurden den meisten jüdischen Blättern. — zionistisehen und nichtzionislischen — mit dem Ersuchen um Abdruck zugeschickt. Der Artikel ist denn auch gleichzeitig in einer Reihe von Blättern erschienen. Diese Tatsache verdient her• vorgehoben zu werden. Wenn ich der Kritik Freiheit zu gestehe, werde ich sie auch der Antikritik nicht absprechen dürfen, und ich begreife auch, dass ein Schriftsteller sich und seiner Sache die grösstmöglichc Publizität wünsch♦. Hier aber hat man sich nicht damit begnügt; der!itterarisch übliche Rahmen, dass ein Mann an seinem Platze spricht und ruhig abwartet, ob sein Wort von den dessen Wert Erkennenden nachgesprochen wird, wurde gesprengt. Aus der Antikritik wurde ein organisierter Angriff, aus den Widerlegung eia System des Vernichtenwoilens. Der Artikel Nordaus ist ebenso wie der Achad-Haams den Lesern der Jüdischen Rundschau zugänglich. Ich bitte sie, die beiden neben einander zu halten und sich ganz unbe fangen zu fragen, ob denn wohl die Sprache, die Nordau führt, durch ,,Tempe/iamentsvcrschiedenheit" zu erklären und ׳zu rechtfertigen ist, wie es Herr Estermann zu tun bemüht ist. Ich gebe eine Auswahl aus Nordaus Acusscruugen über Acb ’d- Haam in der Reihenfolge des Originals: Dreistigkeit, böswillige Nörgelei, tückische Anspielungen, nichtswürdige Uut,erstellung, Giftpfeil, verkrüppelt, Missbildung des Oeisfcs, beschränkt und tückisch, albernes Geschwätz, böswillige Demmziationen. Gefasel, anspruchsvolle Nichtigkeit, Chaos quälmiger Redensarten, Blödsinn, Bauernfängerei. Ich bitte tum einen Jeden, der vorurteilslos bestrebt ist, sich ein objektives Urteil über die ganze Angelegenheit zu bilden, er möge die beiden Enunziaiionen nach einander lesen und sich darüber . klar werden, welche von beiden den Eindruck von Böswilligkeit erweckt. Achad-Haam tritt Herzl nicht, wie Herr Estermahn meint, ״in verletzender Weise", sondern mit scharfer, vielleicht allzu scharfer, ironischer, vielleicht allzu ironischer, jedenfalls aber streng sachlicher Kritik entgegen, und nicht, wie Herr Estermann meint, ״ohne jede Veranlassung", sondern veranlasst durch seine Welt- und Lebensanschauung, seine Auffassung vom Heute und Morgen des Judentums, die eben eine andere ist als die Herz.is. und durch die Ehrlichkeit seiner Natur, die ihm befiehlt, seine Ideen rücksichtslos auszusprechen und die Erscheinungen an ihnen zu messen. Nordau hingegen überschüttet in seiner Antikritik, der Herr Estermann 4 nur einen ״gereizten Ton * nachzusagen weiss, Achad-Haam

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