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Jüdische Rundschau · 1903-04-24 · Heft 17 (24.4.1903) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 152 •T»sr1:«011«=fc Kiindsohau No. 17 samen Kontrast zu letzterem stehende Art von Pessimisj mus als die Grundzüge des semitischen Volkscharakters; bezeichnet hat, beweist er an der Hand vieler Beispiele, wie grundverschieden eben alle diese Eigenschaften den Juden von den ihn umgebenden Völkern machen und « wie sehr er vereinsamt ist inmitten der ihn zwar beeinflussenden, aber ihm innerlich doch fremdartigen Kultur. Keiner kann aus seiner Haut fahren, so auch der Jude nicht, ja, er kann es vielleicht noch weniger als andere, denn er trägt die seine schon ein Paar tau- י send Jahre, ohne dass eine Blutmisdiung mit anderen Rassen seine Epidermis irgendwie anders gefärbt hätte. J Und so ist es denn sein Schicksal, stets unverstanden! zu sein. Ferrero bringt uns hierüber ein gutes Beispiel, welches er auf die Namen Heinrich Heine und Max Nordau bezieht. ״Es gelingt dem jüdischen Schriftsteller fast immer, auf das arisch-deutsche Publikum einen so grossen Eindruck zu machen, wie ein solcher selbst von den grössten Schriftstellern germanischer Rasse nicht erzielt zu werden vermag. Es gelingt ihm, die Aufmerk- , samkeit aller Kreise auf sich zu lenken und sich zum ’ Mittelpunkt der interessantesten Diskussionen zu machen. 1 Das Publikum bewundert ihn, aber selbst in den heftigsten Ausbrüchen dieser Bewunderung fühlt es dennoch in ihm ein gewisses Etwas heraus, das seinem National- Charakter widerspricht und ihm deshalb missfällt.* Diese Unmöglichkeit des restlosen Aufgehens in einem Fremdkörper hindert den fahnenflüchtig gewordenen Juden nun freilich nicht, auf seinem Wege zu äusserlichem Ruhm und Glanz, den er erstrebt, weiterzugehn. Aeusserliehe Vorteile hat der ״Getaufte“ sicherlich. Der Deserteuraus dem Lager seines Volkes kann, es ist eine herbe Ironie, im Lager ״seines Kaisers“ Reserveoffizier werden. Aber auch da bleibt er ein Fremder. Kaum hat er den! Rücken gewandt, da fliegt auch schon das naserümpiende Wort ״Jude“, nicht als wissenschaftliche Rassenbe- Zeichnung, nicht als terminus technictis für ein in sich geschlossenes Nationalgebilde, sondern als ein verachtliches Schimpfwort hinter ihm her. Und das meiner Ansicht nach mit vollstem Recht.; Was sind die Entstehungsursachen des heutigen *) Guglielmo Ferrero: ״L’Etiropa Giovane“. Milano IS97, p. 353; ähnlich auch Mathias Acher: ״Die Jüdische Moderne“. Leipzig 1S96, p. 3. 230 Millionen Menschen, die Anhänger der Beschneidung sind, haben gegen 200 Millionen, nämlich die nichtsemitischen Muhammedaner und die christlichen Sekten, die Beschneidung in historischer Zeit aus religiösen Gründen angenommen. Rechnet man noch ca. 25 Millionen semitischen Stammes ab, s 0 ü b e n nur etwa 5 Millionen UrVölker die Beschneidüng aut och th ott aus. Da aber die Beschneidung auch nach der Hypothese Kutnas einer vernünftigen Ueberlegung, einer medizinischen Erkenntnis entsprungen ist, so wäre cs sehr wunderbar, dass nicht auch andere Völker der warmen Zone, deren medizinisches Verständnis ein weit höheres ist, auf denselben Gedanken gekommen sind. Darum ist es wollt doch am zutreffendster., die Beschneidung als eine religiös• .nationale Sitte grauer Vorzeit anzusehen. wofür auch ihr überall duichaus stammestünilicher Charakter *•׳־•״'cht. Ganz unabhängig von dieser historischen und ethnologischen Frage »st ■die medizinische, ob es zweckmässig ist, heute noch die Beschueiduug vorzuueluueu. In diesem Punkte sind wir ganz einverstanden mit den Ausführungen Kutnas vom Nutzen der Frühbe.schneidung und mit seine» Forderung, dass dieser nicht gleichgültige Eingriff nach de». Grundsätzen moderner Operationstecimik vorgenommen we: den soll. . Hervorheben aber möchten wir noch besonders die gewsltige Bedeutung, die die Bcschncidung als nationales Merkmal für das heutige Judentum hat. ־ M e d i c 11 s. Antisemitismus? Die rein physische oder rein intellektueiie oder aus beiden gemischte Abneigung, _ die, bei der noch so unendlich niederen Kulturstufe, auf weicher alle Völker Europas heutzutage noch stehen, jedes Volk vor dem anderen empfindet, weil cs ihm eben fremd, daher unverständlich und deshalb wieder verhasst ist? Oder der Neid des ungewandteren Konkurrenten gegen den begabteren Zuvorgekommenen? Oder der aristokratischc Hochmut den Parvenüs gegenüber? Zweifellos haben alle diese Motive, ethnisches Missverstehen sowie Neid der kleinen Gewerbetreibenden und Hochinut der ״guten Gesellschaft“, an der Wiege des Antisemitismus gestanden, aber der Wechselbalg, den sie gebaren, wäre nie zu solch’ einer Giiedcrkraft, wie wir sie an ihm jetzt leider gewahren, he ränge reiit, hätte ihm nicht die grosse Majorität der Judenschait selbst ausgezeichnete Nahrung gespendet. Und diese Nahrung heisst: mangelndes Selbstbewusstsein. Diejenigen jüdischen Männer, denen die anständig denkenden Nichtjuden — und auch Schreiber dieses persönlich geht es so — die grösste Geringschätzung entgegenbringen, das sind die getauften Juden. Wie können auch Männer Anspruch auf Achtung gemessen wollen, deren ganzes Leben von dem einen Gedanken erfüllt ist, das zu verheimlichen, was sic sind und das zu scheinen, was sic nicht sind, Leute, die ohne innere üeberzeugung den Glauben wechseln, den Namen ändem und vielfach sogar die Jämmerlichkeit so weit treiben, selbst auf . . . sich selbst zu schimpfen. Aber auch die Mehrzahl der nicht iibergetretenen Juden, mögen sie sich nun zu einem mehr oder weniger konsequenten Atheismus bekennen oder in der Religion ihrer Väter beharren, versteht es keineswegs, sich nationalen Respekt zu verschaffen. Die ängstliche Scheu, erkannt zu werden, das feige Leugnen der Existenz selbst der offenbarsten Sondereigentümlichkeiten, das sind Eigenschaften, die sicherlich nicht dazu beitragen, dass der christliche Arier das von ihm seit Jahrtausenden mit solch brutaler Sachkenntnis getriebene Geschäft des Judenprtigelns — in welchen Formen sich dieses vollzieht, kommt hier nicht in Betracht — aufgibt und in dem Juden nicht nur ein häufig vorhandenes intellektuelles Plus, sondern auch eine moralische Voll- Wertigkeit erkennen lernt. Es ist bereits von vielen, auch von einem so durchaus jüdisch-national denkenden Manne, wie Mathias Acher einer ist, zugegeben worden, dass sich selbst unter den heutigen Antisemiten hochanständig denkende und feinfühlende Naturen befinden. Nun, diese Naturen würden sich meines Erachtens mit Abscheu vom Antisemitismus abwenden, wenn sie sich nicht mehr mit Abscheu vom . . . Semitismus abzuwenden brauchten, weil dieser keine Selbstachtung besitzt. Wenn der Jude das Wort ״Jude“, selbst wenn es als Schimpfwort ihtn entgegengeschleudert wird, nicht mehr als ein solches auffasst, sondern sich mit Stolz zu ihm bekeirt, wenn der Jude, ob seiner Nationaliät geschmäht, ei.iporschnellt und dem Angreifer mit stolzen Mienen antwortet, dass er vielleicht noch mehr Grund zu einem Nationalstolz, so weit ein solcher überhaupt als berechtigt anzusehen ist, habe, als jener, weil er einem älteren Kulturvolk angchörc, das bereits zu einer Zeit höchste Kulturarbeit verrichtet habe, als die braven Germanen und Kelten noch Menschenopfer brachten, wenn.der Jude dem Nichtjuden entgegenhält, dass die lange Reihe der Spinoza, Marx, Lassalle, Bernstein, Lombroso, Heine, Börne, Israels, Rubinstein, Franchetti, Mendts, Bizet, M. Mendelsohn, Liebermann, Joachim u. v. a. ein Beweis daiür sei, dass das Judentum in der Neuzeit nicht nur Kulturträger gewesen, sondern

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