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Jüdische Rundschau · 1903-04-24 · Heft 17 (24.4.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 150. «Tiicli^olie Xiunclsclinii. No.. 17. genügen, in dem sie arbeitete. Wenn auch heute in. Ländern des Türkischen Reiches von den Allianzschu'eh grosser Wert au! die Kenntnis der tiirkisehen und arabischen Landessprachen gelegt wird, so kann nicht geleugnet werden, dass lange Zeit hindurch die Schulen;wirklich nur französische Sprache pflegten, und dass die Schüler zwar in ihrer Heimat keinen Bescheid wussten, dafür aber sämtliche Departements des französischen Staates vor- und rückwärts herschnurren konnten. Während der Zeitströmung entsprechend, der die Allianz ihre Entstellung verdankt, im allgemeinen grosser Wert dem formalen Sprach- Studium beigelegt wurde, vernachlässigte man die hebräische Sprache als etwas kulturwidrigcs, das Lehrern zu unterrichten nicht zieme, die auf der öeole normale in Paris ihre Vorbildung erhalten hatten. Praktischer Unterricht wurde garnicht erteilt, und Nctters grossartige Schöpfung Miqweh-Jisrael bekam erst Wert, als von zionistischer Seite die ersten Kolonien entstanden, und das wirklich in die Erscheinung treten Hessen, was Netter und Leven und die andern bei der Gründung der Allianz schon geträumt hatten. Aber immer noch konnte sich die Allianz von dem veralteten Vorurteile Europas nicht losmachen, das in dem bekannten, aber darum doch unwahren Satze sich ausspricht, dass Sprachen bilden. Gewiss tun sie das; aber in einem so beschränkten Maasse, dass es mehr als gefährlich war, durch die Lehrer der Alliauzschulen diese falsche europäische Anschauung in Länder tragen zu lassen, wo sie noch unangebrachter war. Darum musste die Allianz viele Angriffe gerade von wohlgesinntester Seite über sich ergehen lassen, und-wer es ehrlich mit der Allianz meinte, konnte nicht anders Propaganda für sie treiben, als dass er gleichzeitig den neuzuge- Winnenden Mitgliedern von vornherein reinen Wein darüber cinschenkte, dass die A. J. U. noch nicht imstände wäre, eine reale Bildung und eine i ii d i s c 11 e Erziehung im Orient unter den Juden zu verbreiten. Anerkannt muss werden, dass die Leitung in Paris, wohl zum Teil unter dem Einfluss der Zentralkomiteemitglieder in andern Ländern mehr und mehr von ihren schweren Fehlern zurückgekommcn ist, und wenn auch noch immer dieselbe Vertrauensperson in den Augelcgenheitcn der Kolonien leider das Vertrauen der Herren in Paris in zu reichem Maasse besitzt, so muss docli unumwunden zugegeben werden, dass in den Schulen eine so durchgreifende Wendung zum Besseren eingötreten ist, dass diese Institutionen sich dem ihnen vorgezeichneten Ziele mit Riesenschritten nähern. Heute wird im allgemeinen in den orientalischen Schulen unseres grossen Kulturvcrcins weniger Wert auf das sprachliche als auf das reale Untcrrichtsgebict gelegt, und von Sprachen aller Nachdruck auf die Landesspräche und auf das Hebräische gelegt, ohne dass damit gesagt sein soll, dass nicht jede Verbesserung in unserm Sinne herzlich.willkommen wäre. Wenn man noch den Einfluss inbetracht zieht, den Konsul Simon in Hannover besitzt und ihn auch im Interesse der Heranbildung einer jüdischen Industriebevölkcnmg in Palästina nutzt, so müssen wir gestehen, dass bei allen noch existierenden Fehlem die Allianz sicli auf dem Wege befindet, den ihr ihre Gründer zum Wöhle des jüdischen Volkes vorgezeichnet hatten. Zum Kritisieren wird darum doch immer noch etwas bleiben. Als unter dem Vorantreten von Kristeller und Makovver der eben verstorbene Prof. Moritz Lazarus im Anfänge der siebziger Jahre es versuchte, der Alliance Tsraelite Universelle einen deutschen Verein, eine ״Deutsche Allianz” entgegeiizusetzen, empfand mau :es mit 'Recht' als einen nicht zu duldenden Angriff auf das Judentum, obwohl cs gerade Lazarus unendlich fern lag, durch die deutsch« Allianz den Zusammenhang der Ge- Seilschaft, die hebräisch heisst ,,44בל ישראל הברים zu zerreissen und den deutsch - jüdischen Hilfsverein, den er plante, etwa als Vorgespann irgend welcher politischer Parteien benutzen zu wollen. Man empfand in allen treu-jüdischen Kreisen, dass eine solche Treunung von der allgemeinen Vereinigung zum Zwecke territorialen Zusammenschlusses mit dem tiefen, zwar unbewussten, aber darum nicht minder heissen jüdischen Nationalgefühl im Widerstreit stand. Darum wurde die Spaltung der Allianz nicht zur Tatsache. Und ebensowenig werden andere Institutionen Dauer haben, die aus irgend welchen Motiven der Allianz cntgegciigestellt werden. Sic werden vielmehr nur das eine Gute haben, dass sic die Allianz aus ihrer Lethargie auf rütteln, in die sie seit anderthalb Jahrzehnten versunken war. Und schon wittern wir Morgenluft. Es scheint, dass die Allianz nicht mehr nur vom alten Ruhm und dem ihr vererbten Vermögen leben will, sondern den Platz wieder einnelimen, den sie früher inne gehabt bat, als die angesehene Führerin in jüdischen Dingen. Auel! der Aufruf, den die Berliner Organisation unseres grossen Schulvereins soeben erlassen hat, ist ein bedeutsames Zeichen, dass die Mitglieder dieses Lokalkomitees sich bewusst geworden sind, dass es im alten Schlendrian unmöglich fort gehen kann. Freilich ist der Aufruf in so vornehmer Zurückhaltung abgefasst, ist mit geradezu ängstlicher Vornehmheit jeder Titel der Zentralkomiteemitglieder fortgelassen worden, dass er in den Kreisen nicht viel erreichen wird, die an die gröbere Speise von Aufrufen anderer weniger vornehmer Organisationen gewöhnt sind, die niemals müde werden, immer von sich reden zu machen. Dazu ist die Allianz zu vornehm und hat das nicht nötig. Sie wäre uns auch zu gut dazu. Aber man muss nicht nur die eine Tatsache mit Freuden anerkennen, dass die Allianz endlich wieder beginnt, Mitglieder zu werben, sondern man muss diese Tatsache in dem Zusammenhänge betrachten, dass in allernächster Zeit die allgemeine General- Versammlung in Paris stauiindet, die auch schon seit vielen Jahren geruht hat. Es ist bedeutsam, dass die Anregung zu ihrer Einberufung von der allianzfreundlichen Opposition eines zionistischen Mitgliedes herkam. Wenn wir unsere Stellung zur Allianz präzisieren sollen, so müssen wir sagen, dass das Prinzip der grossen jüdischen Kuiturgesellschaft, ״überall die Ehre des jüdischen Namens gegen Angriffe zu verteidigen, — denen, die leiden, eben weil sie Juden sind, wirksamen Beistand zu leisten —, dem durch Knechtschaft und Vcrfolgung hervorgerufenen Elend unserer Stammesgenossen durch Unterricht und Erziehung abzuheltcn'‘. kein anderes ist, als das des Zionismus. Das soll nicht etwa heissen, dass die Allianz zionistisch wäre — das ist sie keineswegs, obwohl wir gestehen müssen, dass der Widerstand gegen die palästinischen Bestrebungen in der Ica nicht von der Allianz, sondern von deren englischen Mitgliedern ausgehen, aber in diesem Grundsatze kommt das Nationaljudentum ihres Gründers Karl Netter zum Ausdruck, der der erste war, der den Spaten in Palästinas Erde setzte, um ein neues jiidisches Bauernlebcn zu schaffen, der erste, der in Palästinas Erde zur Ruhe gebettet ־ wurde von den Kämpfern für Israel im Lande Israel. Wenn auch die Ziele der Allianz und die des Zionismus nicht identisch sind, sic sind nirgends in einem Gegensatz und sie sollten sich ergänzen. Waren doch die Allianz und vor allem der unvergessliche Karl Netter die ersten, welehe praktisch mit einer Selbstemanzi pa tion begönnen haben. Der Zionist soll uneingeschränkt anerkennen, welche grosse Kulturarbeit die Allianz trotz F״

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