Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 15-16 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Denn germanisch ist der ganze Komplex von Ideen des Blutgenusses und seiner zauberhaften Wirkung von der Tötung des Fafncr an und dem Lecken seines Blutes durch Sigurd bis auf die letzten Ausläufer des Aberglaubens, der noch immer in den Herzen des Landvolks nicht .. minder als der Städter thront. Wir würden uns zu erniedrigen glauben, wollten wir uns gegen diese niedriggemeinen Verdächtigungen verteidigen, aber wir können kein.Pessach feiern, ohne in rohester Weise durch Wort und Taten erinnert zu werden, dass wir durch Europas Kriegerscharen unter Roms Herrschaft in die Sklaverei geschleppt worden sind. Und mit unendlicher Grausamkeit hat man unser Freiheitsfest sich ausgesucht, um es zum Ausdruck des schlimmsten Sklavendruckes : •zu machen, der ic auf einem Volke gelastet hat. Es liegt י eine besondere Bosheit darin, dass man sich Pessach auserwählt hat, das Fest unserer nationalen . Freiheit. Keine andere Nation hat so die Freiheit und nationale Selbständigkeit schon• in alten Tagen zu schätzen gewusst, wie gerade unser Volk, dessen ganze Literatur, dessen ganzes Leben selbst im schwersten Drück und in der grausamsten Knechtschaft als eine Erinnerung aufgefasst wurde an den Auszug aus Aegypten. Diese nationale Befreiungstat unseres grössten Mannes, der auch unsere ganze ethische und soziale Kultur geschaffen hat, ist das Memento geworden, das unsenn Volke stets vorgeleuchtet hat. nicht eine Memento mori, sondern ein Memento v i v e r e. Die Geburt unserer Nation beim Auszüge aus Aegypten, der Zug aus der Knechtschaft in die Freiheit, aus Mizrajim ins eigene Land, Ist so in unserm nationalen Gedächtnis haften geblieben, dass dieses Gedächtnis allein Beweis genug ist für die Wahrheit des Auszuges aus Aegypten. Denn die Befreiungstat war eine so grosse und so nachhaltige, dass jeder einzelne von uns es heute noch fühlt, als sei er selbst mit aus Aegypten gezogen. Pessach ist unser nationales Befreiunsfest, es ist zugleich der Geburtstag der jüdischen Nation. Es gehört eine grosse Summe .von Unwissenheit und Unempfindlichkeit dazu, dieses nationale Befreiungsfest des stammestümlichen Gewandes entkleiden zu wollen, um es durch5 ein Haggada zu entweihen, die nichts von Jerusalem‘und Zion welss. Es gehört dazu die Stumpfheit, die nicht die eigene Grösse empfindet, vor der ande re Völker mit geringerer Lebenskraft staunend stehen, auch wenn sic alles versuchen, diese Lebenskraft nci- disch zu zerstören. Es wird ihnen so wenig gelingen, diesem Volke das Leben zu entreissen, wie es unsern Reformern gelungen ist uns von innen her aufzulösen. Beide haben nur gem*einsam gewirkt, den lebendigen nationalen Freiheitsgedanken in uns zu entfachen, und den Zionismus zu schaffen. Pessach ist das Fest des Mosaimus. Es ist das Test der Freiheit. Und Mosaismus bedeutet zugleich die Freiheit Freilich ist es einstweilen nur ein Phantom der Freiheit, das wir feiern. Wir müssen in Wahrheit unsere Kinder schützen,, dass sie uns nicht durch die Rohheit eines aufgehetzten Pöbels geschlagen und . gemordet werden, wie dies ja auch zum diesjährigen Pessachfeste an so vielen Orten geschehen ist. Aber unter dem blutigen Hohne unserer Feindei feiern wir das Pessachfest als die Erinnerung an unsere verlorene Freiheit, als die Hoffnung auf ihre Wiedererringung. Wir knüpfen an die älteste und erste Lebensäusserung unseres Stammes an in der Hoffnung, dass die Sonne nationaler Freiheit und Volksglückes auch einmal wieder über Israel leuchten wird. Das Brot des Elends, ' das wir essen, erinnert uns an das Elend, in dem unsere Väter in Aegypten waren, an das Unglück, das sic durch ' Babylonien betroffen und an die unendliche Kette ven Mühsal und Jammer, an Blut und Tränen, aus denen sich unsere Geschichte seit zwei Jahrtausenden zusammensetzt. Und doch feiern wir in ungestörter Festfreude unsern Feiertag, denn wir .wissen, dass die Lebenskraft unseres Volkes ungebrochen ist, dass wir hoffen dürfen, dermaleinst wieder in einem freien Lande ־ als ein freies Volk der Leiden zu gedenken, die uns I in den Ländern der nordischen Exils betroffen haben. | Und wie einst Mose seine Bestimmung, den Fremden zu hegen und zu schützen, ihn vor den Einheimischen zu privilegieren, damit begründete: ״Du selbst bist ein Fremdling gewesen im Lande Mizrajim“, und musst wissen, wie einem Fremden• zu Mute ist, so werden wir das gleiche Gesetz nicht minder beweiskräftig begründen können: ״Denn du bist ein Fremdling gewesen im •Lande des Nordens". In diesem Sinuc, dass wir einst .gastlich schützen können im eigenen Lande, die uns in;Europa unterdrückt haben, rufen wir uns gegenseitig ■hofintingsfreudig und mit aufrichtigem Herzenswünsche zu: לענה הנאת בירועלם. H. Sachse. Ein Schatz in Palästinas Boden. ־ Von Gotthold Weil. Unter dieser Aufschrift finden wir in Nr. 23 der von Bcn-Jehuda in Jerusalem redigierten Zeitung ״Haschkäf a" einen äusserst interessanten Bericht, den ich in folgendem in deutscher Ucbersetzung wiedergebe. Es handelt sich um die jüdische Kolonie •R i s c h o n 1' Z i o n. ״Am Donnerstag der vergangenen Woche versammelten sich viele Araber, um eine Ruine in der Nähe •von Bet Dagon zu öffnen. Als ein Araber mitteii in der Arbeit auf einen grossen Stein schlug und ihn spaltete, sprang ihm ein goldener Ring ins Auge. Als er darauf voll Staunen über diesen Zwischenfall fortfuhr, diesen Stein weiter zu behauen, sah er in ihm noch viele goldenc Wertgegenstände blitzen. Dreissig solche Gold- Sachen hatte er schon gefunden, da konnte er sich vor Freude und Aufregung nicht mehr halten. Schnell barg er alles in seinem Rocke, verlicss schleunigst den Platz und floh eilends ins Dorf. — ״Wohin rennst du?“ fragten ihn die andern Fellachen. *.״Nach Hause!“ — ״Warum? Was ist dir passiert?“ — ״Leibschneiden!“ —rief er und stürmte weiter. — ״Aber nimm doch deine Kleider, Schuhe und deinen Hut mit.“ ׳«*«»י* *VST ׳fwm** ##־.»#««•ף,»-,