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Jüdische Rundschau · 1903-04-03 · Heft 14 (3.4.1903) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 14 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jüdische Biindschnu. No. H. .. FaMU 130. soxgungsanstalt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein Mütterchen, 1dass dort in Ruhe den Lebensabend zubringen will.j 111 herzloser Weise in seinen religiösen Gefühlen vergewaltigt wurde, vergewaltigt lediglich aus dogmatischem Liberalismus heraus. Die alte Frau, die in die Altersversorgung autgenemmen wurde, gewiss nicht aus dem Grunde allzugrosser Arbeitskraft, wird dort gezwungen, ihr Zimmer selbst zu heizen. Der Hausinspektor befiehlt ihr, dasselbe auch am Sabbat zu tun. Da sic sich dessen weigert, hat die alte Frau an drei Sabbaten hintereinander in diesem harten Winter im kalten Zimmer sitzen müssen. Die alte Frau wurde vom gestrengen Herrn Inspektor zur Strafe des Frier e ns verurteilt, weil sic es mit Recht tür ein mosaisches Gesetz ansah, am Sabbat kein Feuer anzuziinden. Dieser Voriall bildete die Unterlage zu einer Besprcchung im Repräsentantensaalc der Gemeinde und Herr Berlin hat durch das Vorbringen dieser Sache seine?3flicht getan. Fr wurde vorn Geh. Rat BI u 111 e n ־ 111 a I unterstützt. Wir hatten erwarte», dass nach der Rede Berlins eine flammende Entrüstung über diese na* mcnlose Gcwissensvergewaltigung einer alten wehrlosen Frau in einem Institute der Jüdischen Gemeinde sich auf allen Seiten der Versammlung geltend machen würde, wurden aber gründlich enttäuscht. Fs iehbe der Mann, der mit Entschiedenheit und freiheitlicher Gesinnung für die Gewissensfreiheit eingetreten wäre, und Bhmicntha! ist nicht der Mann, um dem Vorstande mit dem nötigen Temperament entgegenzutreten. Hier war die Ruhe des Mannes aus der Börde nicht angebracht. So blieb seine Frage an den Vorstand, ob der Inspektor sofort, abgcsetzt sei, unbeantwortet. Sein Ruf ״Der Mann muss fort von dem Platze“ blieb ungehör». und der Vorstand fand es nicht für nötig, die Frage zu beantworten, die im Munde des konservativen Vertreters nicht über rethorischen Wert hinauskam. Der Verstand reagierte ebenso wenig auf die scharf sein sollenden, sanften Worte des alten Herrn Löwenberg, der wiederholte, dass man dem Inspektor so schnell, als dies kontraktlich angängig sei, kündigen müsse; und im allgemeinen begnügte zu vermitteln, und der beste Beweis, dass cs sich beim Neu* hebräischen im allgemeinen mehr um eine L i 11 e r a t u r aL lim cinc Sprache handelt, ist der. dass wir alle Minute gezwungen sind, neue Wörter für uns und unsere Kinder zu schaffen, und dass wir unsere Kindcrlieder in der sonst so pccsicrcichcu Sprache erst selbst zusammcndichten müssen Uns fehlten bisher solche Lieder wie ״Hopp, hopp, hopp. Pierdclicn lauf* Galopp“ und ״Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen!“ Und dieser Mangel ist gar nicht schwer genug cinzuschätzen. Die vorliegenden Gedichte von Teller sind aus solchem Bedürfnis entstanden. Sie atmen das Milieu des Jüdischen Bauernhofes in Palästina. Sie schmecken nach f! ischcm Erdreich und rieche:» nach duftendem Heu. Sie sind in ihrer Einfachheit und ihrer geradezu einzigartigen hebräischcn Sprache cm gewaltiger Schritt voiwfuis für das Wachstum unserer Sprache im Munde unserer Kinder. SinJ auch viele Stücke recht »»!»poetisch und ist auch der Wert der einzelnen Gedichte recht ungleich, so sind doch sein Gcdicht ״Hasch-schMn“ und manche andere recht urwüchsige Stücke ländlicher Poesie. — Nun aber einen Wunsch an Teller, der eben so gut die deutsche Sprache versteht, wie־ er meiste»־* lieh das Hebräische handhabt. Möge er uns ein kleines Hand* wärterbuch der im täglichen Leben notwendigen Ausdrücke hebräisch-deutsch und dcutsch-hebräisci» recht bald bescheren. Seine Gedichte beweisen von neuen», dass er ganz der Mann dazu ist. wenn er genügend הדין entwickelt. - hl. 111an_sicb mit der Erklärung, dass die alte Frau nicht mehr gezwungen würde, gegen ihr Gewissen-zu handeln״ oder zu frieren. Im übrigen hörten wir kein Wort, dass der Vorstand den liberalen Inspektor auch nur suspendiert hätte. Hier wäre ein scharfer Ton seitens der Ronservativen Vertreter am Platze gewesen. Sie hätten Gelegenheit gehabt, den Liberalen einen Spiegel vorztt* halten, und die Hohlheit der ganzen sogenannten liberalen Phrase zu zeigen. Aber es fehlte ihnen Jugend und Temperament. Es muss also die O e f t e 1111 i c h k e i t sich mit diesem Falle beschäftigen und dem Vorstande klar machen, dass die Beunruhigung im jüdischen Mittelstände keine geringe ist. Denn aus unscrm Stande rekrutieren sich die Insassen der Altersvcrsorgungsanstalten und der Waisenhäuser der Gemeinden, und nicht aus den Herren, die im Tiergarten in ihren Villen liir sich so liberal sein mögen, wie sie wollen. W i r müssen um unserer Briider und Schwestern willen uns gegen die Brutalität weh- :cn. die eine alte Frau traf, weil sie an ihrer Ueberzeu* gting fcsthielt. Gegen die Intoleranz dürfen wir keine Toleranz iihen, und müssen mit aller Unduldsamkeit ge* gen die Unduldsamkeit auttreten, unter welchem Parteinameii sie sich auch breit macht. Vor allein war es die Pflicht des Vorstandes der Gemeinde, in jedem Falle den Inspektor so lange von seinem Amte zu suspendieren, als die Sache nicht geklärt war, und sofort aus seiner Stelle zu entfernen, als sich licrausstellte, dass die Sache sich so verhielt, wie sic von Berlin der Versammlung dargelcgt wurde. Aus der Antwort des Vorstandes har ben wir nicht gesehen, dass das geschehe» ist, und wir fühlen uns beunruhigt, u 11 d wr ü nschcn vom Vorstände eine klare u 11z w c ז d c u t i g c. beruhigende Erklärung. Wenn der Mann dem Vorstand so viel wert ist. dass er unter allen Umständen gehalten werden soll, — nun, wir können ja nicht beurteilen, wer und was für ihn spricht, — so muss der Vorstand ihn eben dort verweilden, wo seine Gcsinnungstüchtigkeit gebraucht werden kann, etwa zur Abrichtung liberaler Kinder in Wilmersdort oder zu irgend einem Posten, wo unentwegter Liberalismus von nöten ist. Der Mann braucht ja nicht gleich ein Märtyrer seiner freisinnigen Intoleranz zu werden, man w ird ein Postchen für ihn schon finden, wo er bei gleichem Gehalt und weniger Sorge nicht mehr den Grund zu einer Gcwisscnsbeunruliigung in w׳eiten Kreisen der Jüdischen Gemeinde bildet. Bei der Debatte; in• der Repräscntantenvcrsatnmlung kamen die Liberalen immer wieder auf ihr altes Steckenpferd von der, Schinkenorthodoxie zu sprechen. Sie warfen den Konservativen vor, dass sie für andere die Beobachtung des jüdischen Gesetzes für unerlässlich hielten, sich aber selbst fein säuberlich um die Beobachtung heniiudriickte״. Mag sein, dass dem so ist. Wir haben keine Veranlassung, für die konservativen Veriidei eine Lanze zu brechen. Aber es gibt umgekehrt eine viel grössere Zahl von freigesinnten Männern, die ihre wirklich liberale Gesinnung nicht erst durch Verletzung und Verhöhnung alter jüdischer Institutionen zu bekräftigen haben, und diese freisinnigen Männer sehen die grösste Gefahr für die Freiheit der Gedanken und des Glaubens, wenn unter dem erborgten Mantel und Namen des Liberalismus und des Fortschritts Unduldsamkeit gegen andere sich birgt. Gerade w i r, die w׳ir dem freien Gedanken huldigen, ohne dem mosaischen Gesetz ins Gesicht zu schlagen, wünschen, dass nicht mit dem Namen des Liberalismus Unfug getrieben wird. Wir wünschen und arbeiten mit aller Kraft dahin, dass die Gedankenfreiheit nicht durch Dogmatismus, der sich , fälschlich Liberalismus nennt, zu nichtc gemacht wird.

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