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Jüdische Rundschau · 1903-04-03 · Heft 14 (3.4.1903) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 14 (3.4.1903)
Date
1903-04-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite‘. 128, Jüdische Hundfechau. No. tt die *nunmehr unmöglich gewordene Auswanderung rasch 1 verdunsten lassen, versenken \v׳ir uns ganz in eine neue . herrliche Hoffnung: dass einige Hundert mildtätige Seelen Rührung empfinden werden, dass sie vielleicht | helfen, vielleicht gar — was wäre schliesslich unmöglieh? — Geld hergeben werden. Das sind ihre letzten Gedanken beim Lesen der Gordonschen Denkschrift. Das ist ihre letzte Weisheit! Nicht in planmässig organisierter Kleinarbeit mit einem grossen Ziel vor Augen wollen sie die Judenfrage lösen, sondern entweder mit Sentimentalität, Hoffnung und Vertrauen oder durch Darreichung von Almosen und eine auf das gleiche Niveau zu stellende Ansiedelung einer verschwindend kleinen Zahl von Familien, zerstreut über die ganze Erde, hier und dort, wo man sich diese Ansiedelung bei peinlichster Vermeidung der Konzentration jüdischer 'Elemente vorläufig noch gefallen lässt —;oder durch eine Kombination beider ״Methoden“. Resigniert starrt man ins Leere. ״Man weist sie überall ab — also sollen sie im Kerker verschmachten?“,! so murmelt man trübe vor sich hin und harret in stiller Ergebenheit einiger fühlender Christenherzen.- Moscheh Rabbenu war bekanntlich ein Freund der radikalen Methoden. Er desinfizierte sehr gründlich — zerstört und zerstäubt wurden die Mauern, an denen : ein Flecken des Aussatzes war. Er Hess, um die Gefahr der Vermischung mit jenen Völkern, deren Treiben ein Oreuel war in den Augen des Herrn, radikal zu beseitigen, die fremden Städte mit allem, was darin ist, dem Boden gleichmachen. Und als er sein Volk aus dem Elend hcrausheben sollte und zu kämpfen hatte gegen Sklavensinn und Mutlosigkeit und Schwäche, da wandte er eine ebenso schonende wie radikale Methode an: er wartete noch vierzig Jahr, ehe er die in neuen Idealen erzogene, junge Mannschaft zur grossen Tat auf rief, bis — die Alten ausgestorben waren. Ist der Mann noch im Amt? Es gibt ganz merkwürdige Arten, für den Fortschritt einzutreten. Es darf dabei niemanden verwundern, wenn der Eifer für Freiheit und Fortschritt manchmal die wunderlichsten Blüten treibt. Die anomale Lage des jiidisehen Stammes trägt dazu bei, dass der Freisinn in seiesse am Judentume erblicken dürfte, das Gegenteil ist davon der Fall. Aber, man wende sich ab von den glänzenden Quais und der prächtigen Andrassystrasse, und betrete das wirkliche Judenviertel. Denn auch in Budapest gibt es ein Ghetto, oder vielmehr zwei; natiirlieh eins für die Reichen, und eines für die andern. In diesem zweiten Judcnviertel, das das erste war, wohnen die zahllosen jüdischen Kutscher und Lastträger, Kleinkaufleute und Gewerbetreibende. Betritt der magyarische Jude diese Strassen und Gassen, so sieht er sich noch einmal scheu um, ob er nicht auch wohl bemerkt würde. Dann setzt er seinen Fuss in das Innere, und mit diesem Augenblicke ist das Ungarische vergessen. Er spricht Judendeutsch und ist Jude. Die Inschrift an der Ecke unter dem rohen Bilde eines schwarzen Topfes היער ווירד עא^עט געזעטצט . ist ihm ein Stück trauten Vaterlandes. Diese hunderte 1 von deutschen Inschriften sind charakteristischerweise mit hebräischen Lettern geschrieben. Hier heisst, wer sich Maurus oder M6r im Magyarischen nennt, Moritz oder Mäuscheh. Die grosse Zahl der ungarischen Juden würde es ner Mitte manchmal so putzwunderliche Formen annimmt, dass man sich an den Kopf greift, ob uns denn unsere Sinne nicht täuschen. . Hat sich doch ein ganzes Jahrhundert lang von ausseil her die Idee in das Judentum hineingedrängt, dass jüdisches Wesen mit Fortschritt so wenig zu vereinigen sei, dass man um so freisinniger zu sein glaubte, als man es verstand, den ״Juden“ zu verstecken. Was man uns da ein Jahrhundert lang als Fortschritt gepredigt und gezeigt hat, war nichts anderes als die feigste Art der Vcrleugmmg des •eigenen Wesens. Es war ein Tanz um das goldene Kalb, um'den Götzen der Aufklärung; denn dem wahren Wesen freisinniger Gedanken und religiöser Toleranz war man unendlich fern, viel ferner als vor den Tagen der ״Aufklärung.“ Ein deutscher Dichter, der mehr als alle andern in die Tiefe der Volksseele, auch der jüdischen zu schauen vermochte, unser lieber Fritz Reuter, hat bei aller Freundlichkeit gegenüber dem echten ehrlichen Judentum für das falsche Freidcnkertum, alias Protzen- und Strebertum, nur heissenden, in der Form freilich immer gutmütigen Spott. Derselbe Dichter, der in den jüdischen Kreisen so vorurteilslos verkehrte, der dem echten Mecklenburger Juden in seinem Moses in der ״Stromtid“ ein so ehrenvolles Denkmal gesetzt hat, singt ein ganz anderes Lied, wenn er an die aufgeklärtseinwoilcndcn Juden und Jüdinnen denken muss: ״Un äwer sine Sähns un Döchter Brak ohk de Billung plötzlich rin, As wenns mit ein Nürnberger Trecliter Ehr in den Dätz würd trichtert sin. An Schabbes un an lange Nacht Dor würd nu länger nich an dacht, Dec Standpunkt, dee was äwerwunnen. De Daomen güngen ln den Tee Un lagen op den Kanapee Un läsen in de Schabbesstundcn Den ״göttlich scheuen ew’gen Juden Von*11 göttlich schenen Euscheen Szüh“ .... De jüngst nu äwerst, Benjamin, Das was de Upverklärtst von allen: De Schinken von drei fette Swin Un Mettwurst, Speck un suren Aal, Kort, wat cn annern Minschemnagcn schon an und für sich unmöglich machen, dass dieser so bedeutende Teil unseres Stammes in Andersgearteten und Andersdenkenden aufgehen könnte. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass das ungarische Judentum offen in die neue Phase jüdischer, Geschichte und bewusster Eigenentwicklung cintrctcn wird. Der magyarische Freiheitsdrang wird ihnen nicht immer eine mit dogmatischer Gläubigkeit hinzmichmende Genifitserrcgung sein. Von den Ungarn lernen sie, was Freiheit heisst. Dass sie dabei etwas gelernt haben, wird in die Erscheiming treten, wenn ihnen die Ungarn die vermeintliehe Freiheit wieder nehmen wollen. — In Belgrad betritt man den Orient, wenn es auch manchmal scheinen will, als begönne er schon in Tetsehen. In Serbien ist die Gleichberechtigung der Juden auch in Wirklichkeit durchgeführf. Des ist kein Zweifel möglich. Wer daran zweifelt, erinnere sich der Rede des Ministerpräsidenten Karagcorgios. die noch nicht vergessen ist. Die Regierungsfonn ist freilich keineswegs eine freiheitliche. Das Vcrwaltungssystem ist verrottet und im tiefsten Kerne verderben. Da geht ein ganz anderer Zug durch das aufstrebende Bulgarien.

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