Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 127. f No. R Jlidiseho Rundschau. f » Ein jeder, der im Dienste einer grossen Sache steht, j hat beharrlich, energisch, hoffnungsfroh seine Kleinj ärbeit, seine riesige Kleinarbeit, zu verrichten, aber die Augen aller Arbeiter stets gerichtet auf das eine grosse Zielt r So allein wird auch die Judenfrage ihre Lösung finden. Was der Major Evans Gordon in seinem Berichte über die Frcmden-Kominission in London, in dem er die Ergebnisse seiner Judenstudien nicdergelegt hat, über unsere .östlichen Brüder schreibt, ist gewiss sehr charakteristisch‘; aber weit charakteristischer ist das, was sich unsere Juden beim Lesen jenes Berichtes denken. Der Major Gordon singt in vollsten Akkorden das Lob der russischen Juden: sie machen — die ausgezeichneten Kaufleute — ini Ansiedelungsrayon Hungersnot unmöglich; Libau wäre ohne sie eine tote Stadt; so mancher Handwerker denkt an die Auswanderung, nur um seinen Kindern zu einer ordentlichen Schulbildung zu verhelfen. Und noch höher stehen die rumänischen Juden, die tüchtigen Ackerbauer und Handwerker. Und dabei ist das Elend entsetzlich, und um die Lage der Handwerker in Lodz zu •schildern, ״bedarf es der Feder eines Zola“. Wir übergehen Major Gordons Vorschläge, wie man diesen Unglücklichen dort in ihrem ״Vaterlande“ helfen könne; inwieweit das Interesse für England bei seinem Wunsche den jüdischen Finwanderungsstrom von Londop abzulenken, im Spiele war, inwieweit dasselbe durch die Einwanderung in Wirklichkeit bedroht ist, auph das soll hier nicht erörtert werden. Aber jenes Dijcmma, auf das schon so oft von zionistischer Seite hingewiesen worden ist, die Unmöglichkeit der Existenz öejer gar einer gedeihlichen Fortentwickelung des iüdisehen Elements in den östlichen Ländern, und dem gegenüber das Bestreben jener Länder, die bisher die Zufluchtsstätte der Bedrängten waren, der Einwanderung vpn Juden ein Ziel zu setzen — jenes Dilemma findet ir} seinen beiden Komponenten gleichzeitig in dem Ideengang des Major Gordon vollen Ausdruck. Ihr seid ein \y-irtvolles Menschenmaterial, ihr erstickt im Sumpfe, ' es wäre schade um euch, aber — ich bedaurc sehr! Durch diese typische Meinungsäusserung des Major Gordon wird, so sollte man meinen, auf dem normalen Wege der Hirnfaserbahnen der Gedanke an die einzig mögliche Lösung der Judenfrage wie ein Reflex ausgelöst. Major Gordon hat unbewusst in präziser Form die zionistische Fragestellung formuliert. Wenn das Menschenmaterial brauchbar ist, und wenn es auf diesem־ Boden zu Grunde geht, und wenn sich allerorten die Tore vor ihm verschliessen, so muss es in einer rechtlich-gesicherten Heimstätte auf gemeinsamem Territorinm angesiedeit und so seinem Judentum und der Weit erhalten bleiben. Das ist der grosse einfache Gedanke, der sich von selbst ins Gehirn drängt, und indem wir auf dieses Endziel lossteuern, cs unverrückbar im Auge behalten, ist jede kleinste Arbeit im Dienste, unserer Sache von Wert, ein Funke zum grossen Brande. Jede kleinste Arbeit bewegt sich in der Richtung des grossen Entwickelungsstromcs, der zum Ziele, ins Meer der Befreiung, drängt. Aber halt! Nicht so ungestüm! Lasst doch die ״grossen Gesichtspunkte“! Es wird fortgcwursclitelt. ״Es wird werden wie!“ sagt der Jude. Ucbrigens haben wir organisierte Wohltätigkeitseinrichtungen. Ucbrigens können wir ev. noch neue gründen. In einer jüdischen Zeitung konnte man folgendes lesen. Auch dort ist man mit Stolz erfüllt über das Lob, das aus dem Munde eines Mitgliedes der Fremden- Kommission unseren Brüdern gezollt wird — ״tüchtige Kaufleute, geschickte Handwerker, anspruchslose, fleissige, arbeitsfähige und, ach, wie arbeitswillige Arbeiter“. Audi dort bat man ein Herz für das namenlose Elend und hält den Gedankengang und die Vorschläge des Majors Gordon für ״inkonsequent“, nach denen die Juden ״mit aller Macht“ in ihrem russischen Kerker festgehalten werden sollen“. Und wir sind gespannt auf das grosse Wort, das das Mittel zur Erlösung bringen soll. Da ist es. ״Sein Bericht wird von vielen Tausenden von Christen gelesen werden; vielleicht finden sich unter diesen Tausenden einige Hundert, die sich entscliliessen, ' den unglücklichen Menschenbriidern zu helfen.“ — Das Menschenmaterial ist brauchbar, kostbar,.heisst es. Es darf in keinem Falle in seinem russischen Kerker festgehalten werden, heisst es weiter. Aber Amerika, Südafrika, England, die ״freien“ Länder bleiben ihnen verschlossen, hört man von * der anderen Seite. Da schnappt der Gedankengang ab: indem wir die Erinnerung. an den russischen Kerker mit Rücksicht auf picht immer verstanden hat. ein geistiges Gleichgewicht zu halten, das einherschwankt zwischen den Schlägen des Antisemitismus und dem Wunsche, von diesen nationalen Kraftübungen nicht getroffen zu werden. Ein lasches Volk, das erst durch eine neue Jugend und ein grosses Ideal in das Gleichgewicht der Seele, in das Geleise der Weltgeschichte zurückgehoben werden kann. Unfrei ist ein Volk, das jeden Augenblick den Nacken wenden muss, um dem Streiche auszuweichen, der ihm möglicherweise dräuen könnte. Ich habe aber nicht den Eindruck erhalten, dass die Juden in Budapest viel freier sind. Nicht etwa, weil sie gezwungen werden, ihre Namen zu magyarisieren, oder weil viele von ihnen mit der alten Zähigkeit ihres Stammes an überlieferten Formen hangen. Bei aller ' Freiheit und Gleichheit durch die Verfassung und vor dem Gesetze, die nicht nur Papier geblieben sind, haftet ihnen ein Stück moralischer Unfreiheit an, das dem vorurtcilsfreien Blicke unverkennbar ist. Sehr bezeichnend für das unbewusste Gefühl der Unfreiheit bei den ungarischen Juden, ist der Wunsch, nicht bemerkt werden zu wollen. Sie wünschen, dass ihre Zahl möglichst! gering erscheint. In Budapest sollen nach der Angabe i gut unterrichteter Leute über zweihunderttausend Juden wohnen, während die offizielle Statistik nur 130 000 jüdischer Einwohner kennt. Der Grund dieser Erscheinung ist sehr einfach. Ein Jude ist der Leiter des statischen Amts. In Budapest tritt ein Judentum uns entgegen, das politisch frei ist wie das englische, und geistig unfrei wi• nur das Wiener. Aber die Krankheit des ungarischen Juden, deren Wesen die Unfreiheit ist, hat Symptome, die zeigen, wie viel tiefer und schwerer das Leiden in diesem Teile des Volksorganismus ist, als irgend wo anders. Kaum gibt es irgend einen durch die Assimilation gezeitigten Fehler, den die ungarischen Juden nicht wenigstens versucht haben, mitzumachen. Und doch steckt noch ein echt, jüdischer Kern in diesen Juden. Nur müssen sie wieder einmal in der Leidensschule geläutert werden.. Ob diese aber noch lange auf sich warten lässt? — Wer diese Budapester. Juden nur so beiläufig und oberflächlich betrachtet, der wird kaum noch in ihnen jenen echtjüdischen Kern vermuten, der doch darin | steckt. Das soll nicht heissen, dass mau in der schroffen Scheidung von ״Neologen“ und ״Orthodoxen“ ein Inter-