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Jüdische Rundschau · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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% וו¬ ו J 11 4 '11 •;} | ו ן ► I I f ו ’1 4 ׳5 r t No. 13. « . 9 JUdisclie Hundschau4 Seite 117. neue Kultur umsetzen, der VeroShlung des Volkes mit dem Mutterboden soll der neue Geist erwachsen, der zugleich der fesseliose, ureigne Geist der Nation und der Geist der neuen Zeiten sein soll .... Denen aber, die das Judentum bisher nicht kannten oder nicht kennen wollten, und denen, die glaubten, dass aller Glanz in ihm erstorben und nur ejn tagscheuer Rest dunkler Altertümlichkeiten übrig geblieben ist. soll in Formen, die sie bis jetzt nur bei anderen Völkern finden und lieben konnten, das lebendige, schaffende, einigende, sich befreiende Judentum gezeigt werden. Die Schafiendcn aber, die bisher für ihr Volk dachten und bildeten, ohne dass das Volk ihre Gaben empfangen konnte, oder unter fremden Völkern ihr Können zerstreuten, ohne dass cs als jüdisches erkannt und geliebt wurde, soll in einem Lager gesammelt und für den einen grossen Zweck vereinigt werden: für die Er• haltung und Entwickelung der jüdischen Rassenkraft und der jüdischen Volkspcrsönliclikeit .... Das jüdisch-ästhctischc Ideal wird bald in jedem jüdischen Hause wohnen können: jüdische Bücher, jüdische Bilder, jüdische Musik werden einen schönen nationalen Stolz in die Familie tragen, der sich in lebendige Volkscnergie umsetzen wird .... Die jüdische Anschaumig ist in allen ihren Formen vertreten: als tief im Volkstum und in der Tradition wurzelnd, wie cs die Produktion der Ostjuden ist, als bewusst aus der europäischen Kultur heraus dem modernen Nationaljudentum zustrebend (?), wie es die Produktion Westeuropas ist. Und dann bleibt noch das Schaffen jener westeuropäischen Schriftsteller und Künstler übrig, die durch einen rassentünilichen Einschlag ihrem Werke eine spezifisch jüdische Note geben. Wir glaubten auch sic in den jungjüdischen Kreis ziehen zu dürfen." * Das ist das Programm der neuen Bewegung, wie sic in dem Buch zum Ausdruck kommt. Es ist die künstlerische Ofienbarung einer Volkspsyche, oft sich zu flammender Begeistenmg erhebend, oft getragen von tiefer Melancholie, nicht seiten auch in rücksichtsloser Kritik die eigenen Schwächen und j Fehler aufdeckend. Da heisst es von den intellektuellen Juden Westeuropas und dem grossen Kreise ihrer jüdischen Bewunderer: ״Das Volk erstirbt nicht nur in Ehrfurcht vor dem Gelde seiner Reichen, sondern betet auch seine geistigen Lieblinge an: diese promovierten Flachköpfe, diese Aiien der wahren Gottesmenschcn, diese eingebildeten Schmierbolde, die ihnen Steine sta'tt Brot geben. So brünstig beten sie sic an, wie kein anderes Volk der Welt dies tut: so brünstig, dass es zu einem europäischen Skandal geworden ist. dass auf allen Strassen das Lied von der blendenden Mittclmässigkcit und der unfruchtbaren Geistrcichigkeit der jüdischen Rasse gesungen und gepfiffen wird, ,so brünstig, dass die wirklich Grossen sich schamhaft verkriechen, in der unbewussten Angst, sic könnten mit diesem rekfamcmachcnden Bildungsgewimmel verwechselt werden. Und den Beweis, dass es wahrhaft Grosse unter ihnen gibt, bleibt uns das Buch nicht schuldig. Was wussten wir bisher von den hebräischen Poesien eines Bialik. eines Tschcrnichowski? Der Leser wird in Zukunft nach Ucbersetzurigcn aus ihren Werken fahnden, eine so starke nationale und indi vfduelle Eigenart atmen die Proben, die Ihm hier gegeben werden. Das Buch ־wird eine Korrektur unserer Anschauung vom Judentum im Gefolge haben. Jede nationale Kunst nötigt uns Hochachtung ab. Und wenn wir sie auch nicht auf die prahlerischen Vertreter der Jüdischen Rasse, die sich unter uns breit niachen, übertragen werden, so werden wir doch auch über sic in Zukunft anders denken: sie sind in Wahrheit nur bedauernswert. Denn sic sitzen zwischen zwei Stühlen: der Renaissance des eigenen Volkstums stehen sic gleichgültig gegenüber, fremdes Volkstum aber bleibt ihnen dank ihrer unüberwindlichen Rassenunterschiedc verschlossen. M. L. Ohne auf dem Rassestandpunkt der ״W. a. M.“ zu stehen, müssen wir von unserm national-iüdischen Gesichtspunkte aus zugeben, dass wir aus nichtjüdischem Munde mit Genugtuung hören, dass man die neuen Kulturleistungen des jüdischen Stammes nicht nur vom Standpunkt lästiger Konkurrenz, sondern von dem gleichstrebender Kunstjüngcr freundlich betrachtet. Man vergleiche damit die elende Art, wie das Berliner Blatt der getauften Juden und derer, die es werden wollen, den Almanach besprochen hat Freilich hat sogar der ״Pesther Lloyd", der doch auch ein sogenanntes Judenblatt ist und sonst in Assimilation oft recht schlimmer Art macht, aus der Feder Wilhelm Goldbaums in der Form eines Briefes ein Feuilleton gebracht, dessen Schlussabsatz wenigstens hier eine Stelle finden soll: ״Und ähnliche Empfindung füllte zweifellos auch das Herz Mark Antokolski’s, des grossen russischen Bildhauers, als er an der Statue Baruch Spinozas arbeitete. War er ja doch selbst einst im Ghetto zu Wilna von der gütigen Hand einer edlen Frau, der Gattin des Gcneralgouverneurs Nazimow, gleichsam aufgelesen worden, der schmächtige jüdische Knabe, der da in naivem Kunstdrange die Statuette des ״jüdischen Schneiders“ zu stände gebracht hatte, um dann ein Liebling des Czarenhofes und oft ein Preisgekrönter des Pariser Salon zu werden. An diesen Proben gemessen, denen sich noch viele andere rnfügen lassen, ist dieser ״Jüdische Almanach" fast eine un• geahnte Enthüllung; Man möchte sie wirklich mit den Versen des jungen Wiener Dichters Adolf Donath begrüssen: Und ein neues Volk erhob sich, Reich an Liebe, reich an Kräften, Gleich an Sitte, gleicji im Kleide, Frei von Furcht und stark im Leide Wuchs es fort mit frischen Kräften. Und es ist gar nicht nötig, dieses neue Leben in dem alten Stamme mit zaghaft-stolzer Resignation zu beobachten, wie es Theodor Hcrzl Im Schlussworte seines Romans ״Alt• neula'nd" tut, indem er sagt: ״Wenn Ihr aber nicht wollt, so ist und bleibt es ein Märchen, was ich euch erzählt habe... Traum ist von Tat nicht so verschieden, wie mancher glaubt. Alles Tun der Menschen war vorher Traum und wird später zum Traum.“ Ist es denn ein Traum, dass in diesem ״jüdi* sehen Almanach“ grosse Künstler, wte Josef Israels, Max Liebermann, Jclmdah Epstein und Lesser Ury sich zur Lehre i I *f; i I t arbeit, gleichzeitig wurde von mir mein Pass der An- \ meidung halber gewünscht. Ich erklärte dem Herren,! dass sich meine Dokumente noch auf dem Bureau des ( Qencral-Gouverneurs befänden. — Mit •Entsetzen sah; mich der Mann,an, und wehmütig schrie er laut: ״Sie ן sind wohl ״Pole“!. — ״Nein! — Ich bin Jude!“ — ״Ach, das tut mir wirklich unendlich leid, aus Prinzip dürfen wir in unserem Hause keine Juden beschäftigen.“ — Mit bebender Stimme sagte mir der liberale deutsche Mann: ״Sie können sich hier nicht ' lange aufhalten, wir können mit jedem Moment vom ן Stadtinspektor überrascht werden.-Die ,Weihj nachtsfeste sind vorüber. Wenige Tage darauf wurde j Ich nach der Polizei gerufen! . . — — Der Polizei- J beamte empfand doch Mitleid mit mir. Er suchte meine Papiere zusammen und sagte: ״Leider kann ich Ihnen nichts Erfreuliches mitteilen. — Dann las er vor: ״Der Jude B. hat kein Wohnrecht in der Residenzstadt,“ —. Dann wurde mein Pass mit einem Siege! versehen, bei j Strafe binnen 24 Stunden Petersburg zu verlassen. — j •«*«י-י;ין׳ 1יי;י1 ■* "?****'****’^**^^*/*'*??'W? f Litteraturbericht I (Bttc&er der dnschUgtgen Utteratur. welche der RaUktto• I sandt werden, finden eingehende Besprechung.) 1893—1903. Neue Wege. Festschrift. Herausgegeben an• lässlich des zehnjährigen Bestandes des Vereines ״Bar Kochba“ in Prag. Prag: Verlag des Vereins. 1903: D. Kuh. 47 S. 8°. Der Verein Bar Kochba kann vielen akademischen jüdisehen Vereinen durch seine Rührigkeit und den Eifer, mit dem er für seine jüdischen Ideale kämpft, ein lebendiges Muster sein. Man muss gestehen, dass er die zehn Jahre seines Be- Standes gearbeitet und gekämpft hat. Die Verhältnisse in Prag sind mit die schwierigsten im deutschen Sprachgebiet. Eingekeilt in die fürchterliche Enge״ des czechisch-deutschen Nationaitätenstreites, zwischen den alten Idealen allgemeiner Völkerverbrüderung und dem Erkennen der wenig diesem Ideal entsprechenden Wirklichkeit hin- und her$chwenkend neigt die böhmische, hauptstädtische Judenbevölkerung trotz eines tiefen unbewussten Natlonafgefühls zur bedingungslosen Assimilation. Begünstigt werden solche zersetzenden Bestrebungen durch die Stickluft, die von den faulen Verhältnissen des Nachbar- Staates hervorgerufen wird. Denn nicht die Juden bilden das ,n-Aif, — י«,..*-גז,«,-., % t I f I? 1

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