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Jüdische Rundschau · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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r 8a1> 116. Jlidigfehe Rundschau. No. 13. Der ״Jüdische Aimanach“ in der ״Weit j am Montag“.*) Wir hatten ursprünglich die Absicht, eine kurze Würdigung des Artikels zu bringen, den die ״Welt am Montag‘* über den Jüdischen Aimanach geschrieben hat. Jedoch ist. der Artikel von so vielen Seiten missverstanden worden, dass die Redaktion; sich zu folgender Briefkastennotiz genötigt sah. ״G—g. Sie sind ganz und gar auf dem Holzwege. Ganz abgesehen davon, dass die ״W. a. M.“ ihrer ganzen Haltung und Vergangenheit nach über den Vorwurf, irgend welche antisemitische Tendenzen zu verfolgen, erhaben sein dürfte, spricht doch gerade aus dem Artikel eine so grosse Hochachtung vor der in dem Jüdischen Aimanach gebotenen Kunst, dass Ihre Auffassung vollkommen unverständlich ist. Also bitte ruhig Blut!“ Nun, die ״Welt am Montag“ ist doch wirklich, ohne ein ״Judcnblatt" in irgend welchem Sinne zu sein, doch unendich weit davon entfernt, irgend welche reaktionären Tendenzen zu vertreten. Darum halten wir es für angebracht, unsere Leser lieber selbst urteilen zu lassen und geben den Artikel in extenso wieder: Kennen wir denn in Deutschland das Jüdische Volk, von dem in diesem Buch so viel und mit solcher Emphase gesprochen wird? Wir kennen nur Juden: Geschäftsjuden. Kapitaljuden und Journalisten. Wir mögen sic nicht, obschon sie in den engsten Beziehungen zu uns stehen. Wir kaufen unsere Ware von ihnen, vertrauen ihnen unser Geld an und lesen ihre Aufsätze über deutsche Kunst und deutsche Litteratur. Die Gescheiten unter uns gehen, wenn sie krank sind, überdies lieber zu cinettt jüdischen Arzt als zu einem deutschen, denn sie rechnen so: ein deutscher hat in den Universitätsjahren gesoffen und gefochten, ein Jude aber studiert. Und trotzdem mögen wir nichts mit ihnen gemein haben. Was ist cs. das uns von ihnen abstösst? Dass sie schwarze, wollige Haare, dicke Lippen, schwarze Augenlider und nach unten gerundete Nasen haben? 011, an einem schönen Judenmädchen lieben wii alle Jene Eigenschaften. Man findet sich aus diesem Wider- Spruch mit der Behauptung, dass der gegenseitige Widerwille zweier Rassen bezüglich der Beziehungen zwischen den Geschlechtem aufgehoben ist. Viele nennen es ein altes Vorurteil, das uns noch aus den Zeiten derJudcnverfolgung anhaftet, ein ähnliches Vorurteil, weil wir es immer noch der Frau in ihrem Befreiungskampf entgegenbrmgen, andere wieder, ängstliche, kleinliche, gründen die Judcnabncigtmg auf die Einbildung einer wirtschaftlichen und geistigen Gefahr, die von ihnen droht. Jch aber meine, sie basiert auf folgender •) Jüdischer Aimanach. 663. Berlin, Jüdischer Verlag. Preis 6 Mk. Redaktion des literarischen Teiles: Berthold Fciwel, des künstlerischen Teiles: E. M. Lilien. Der ״Jüdische Aimanach“ ist auch durch die Expedition der Jüdischen Rundschau C. 22. Auguststrasse •19 a zum Preise von,6 M. und 5 0 Pf. Porto zu beziehen. -8 I Ursache: Diese Menschen, sagen wir, nähren sich von uns, und bleiben doch, was sie vor zweitausend Jahren gewesen sind. Vor zweitausend Jahren kam uns der Weinstock aus Italien an den Rhein: Schon längst ist er deutsch geworden. Die Juden aber, sie mögen unsere Sprache reden, über unsere Kunst sich begeistern, unsere Kranken kurieren, auf unserem Boden Häuser bauen, unsere Mädchen verführen, unsere Leutnants heiraten: sic bleiben Juden. Viele unter ihnen geben sich selbst Mühe, ihre Rassenmerkmale zu verwischen, unter den Völkern, mit denen sie!eben, zu verschwinden. Es gelingt ihnen nicht, und sic gerade sind uns die uns>־mpathischsten. Die Scham, darüber, dass wir nicht im Stande sind, die Fremdlir.gc uns zu assimilieren, das instinktive Bewusstsein, einer zäheren Rasse gegenüber zu stehen, sind die Ursachen unserer Abneigung. Aus ihr heraus triumphieren wir über die offenkundigen Mängel jener Rasse. Was seid ihr denn, fragen wir sie, welcher grosse Künstler z. B. ist schon aus eurer Art hervorgegangen? Bücher könnt ihr schreiben über die Kunst und von der Kunst, unserer nämlich, aber was habt ihr denn geschahen? Und wir freuen uns darüber, dass sie nur einige Namen angeben können, hinter deren Originalität wir überdies j oft genug ein Fragezeichen zu machen berechtigt sind. Seid י ihr Ackerbauende, seid ihr Schaffende? Nein, Schmarotzer, i Kritiker. Und man lacht über die prahlerische Ucberhcbtmg. | wenn ihr es, wie in letzter Zeit, versucht, eurer Kritik die ו Krone einer schöpferischen Kunst eigenhändig aufs Haupt zu setzen. In solcher Stimmung tut mau gut., den Jüdischen Almanach zu lesen. ״Wir wissen, dass dieses Buch eine Fülle : von neuen oder ungekamiten Kräften in sich birgt,“ heisst es! in der Vorrede. Und mit so skeptischem Lächeln man die grossen Worte auch lesen wird, man wird ihnen recht geben! müssen, wenn man den reichen Inhalt des Buches, der zu seij nem Preise in gar keinem Verhältnis stellt, erschöpft hat. Und : man wird sich schämen, es sei dem, dass die Judcnabneigung im Leser schon.eine Manie geworden ist. Schämen, nicht ) wegen dessen, was inan den Juden vorgeworfen hat, sondern; darüber, dass wir keine Ahnung von dem gehabt haben, was dieses Buch erfüllt, von dem Leiden und dem Sehnen eines ן ganzest Volkes. Die sich in unserer Mitte breit machen, int Theater, an den Stätten des Reichtums — sie sind ja nur die i von dem Volksganzeu abgesprengten, und wir hielten sie für! die Juden. Nun erfahren wir, nicht aus theoretischen Aufj Sätzen, sondern aus Schöpfungen aus Bild und Sprache, dass ן es ein jüdisches Volk gibt, das in sich selbst Genüge sucht. ן und die versprengten in fremder Kultur sich nährenden Teile 1 wieder in sich vereinigen will zu einem grossen Volkstum. | Der wirtschaftliche Zionismus, den die Hirsch und Herzl In die j Wege geleitet haben, wie wir hier und da in Zeitungen lesen. hat seilten mächtigen Rückhalt in einer nationalen Bewegung. I Von ihr wussten wir nichts. Wir wussten nicht, dass es auser 1 den Männlein jüdischen Namens, die den Ehrgeiz haben, in* j mitten der europäischen Kultur, sei cs auf dem Gebiet der I Wissenschaft oder in den Künsten, zu glänzen, eilte grosse ■ Reihe ernster Strebender gibt, die in ihren Werken zunächst I an ihr eigenes, jüdisches Volk appellieren. ״Das Jüdische Volk soll die befreiten Rassenkräftc in eine raubt hatten, suchte ich endlich den Baron auf und schilderte ihm meine ganze Situation. Ich bekam zur Antwort:,״Ich könnte Ihnen sehr leicht das Wohnrecht verschaffen, habe sogar direkt die Verfügung darüber in meiner Hand; da Sie aber ״J u de“ sind, wird man vermuten, dass ich von Ihnen Geld genommen habe. — Mein Ruf könnte dadurch leiden, und aus diesem Grunde kann ich Ihnen leider nicht dienen“. — Er gab mir seine Visitenkarte an einen *3olizeileutnant, einen getauften Juden, der nur deshalb beliebt und angesehen ist, weil er keina Bestechungen annimmt —. Der Herr Polizeileutnant wies mich mit kurzen Worten ab, indem er mich einpacken und nach Hause fahren hiess. Ich bedankte mich sehr höflich für den guten Rat. Acht Tage später erhielt ich das bewusste Zeugnis. Im Bureau des General-Gouverneurs fragte mich der Diener nach meinem Wunsch. Der Greis, mit der voll mit Orden geschmückten Brust, Hess mich Vertrauen zu ihm fassen, — nach meiner Erklärung wies er mich glatt ab, und bemerkte, dass solche Angelegenheiten nur auf dem Wege über die Polizei berücksichtigt werden. Nach .längerem Hin- und Herreden und einem guten goldenen Händedruck, führte er mich an den Schalter für ״Pässe“ heran. | Ein junger Mann, anfangs der Dreissiger, sah mich ' mit einem starren Blick an, während er mit seinen von , Nikotin ganz gelben Zeigefingern eine Zigarette drehte. , Als er sie aiigezündet hatte, schob er die Fensterscheibe zurück. Ich überreichte ihm das Zeugnis. — Er las es flüchtig durch, erhob sich mit nervöser Hast von seinem! Platze und richtete in lakonischem Ton folgende Fragen an mich: ״Welche Religion — was für ein Beruf?“ u. s. w. — Nach längerem Besinnen fragte er, ob ich um die Erlaubnis des General-Gouverneurs nach : Petersberg zu reisen eingekommen sei. Ich sah ihn sprachlos an, und, als ich ״Nein“ sagte, wurde er!euerj rot vor Aerger und fragte: ״Wieso sind Sie denn hier- > her gekommen?“. — Eine solche Frage wusste ich nur ‘ nit einer Ironie beantworten — ״Mit der Eisenbahn“ | Das Ergebnis war, dass er mir nicht geringe Hoff-! nung machte, dass ich bald das Wohnrecht erhalten würde. — Mit vollem Vertrauen bemühte ich mich um eine 1 Stellung. — Ich besuchte eine grosse Fabrik, deren Be-; sitzer Deutsche waren. Ich sprach deutsch und wurde | sofort engagiert. Einige Tage vor Weihnachten sollte! ich mit der Arbeit beginnen. Ich erhielt eine Probet 1 't5T.3IF.Sf■ ■ *׳•■/•" ***

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