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Jüdische Rundschau · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite IM• Jüdische ]R11ndB0I1a.it. No. 13. der Rasse gefunden. Mittendrin sind wir in der Renaissance. Vor hundert Jahren gab es etwas, was die Renais״ sance zu sein schien: die Emanzipation. Der von den Franzosen;niedergeworfene preussische Staat brauchte den letzten Mann und den letzten Taler zu seiner Wiederaufrichtung. Die Juden waren ein künstlich zur Fremdheit gezüchtetes Volk. Seit Moses Mendelssohn konnte man nicht mehr behaupten, dass sic für die Gedanken Lcssings und Kants unempfänglich seien. Unter den Befehlshabern Napoleons hatte man manch einen über das Schlachtfeld reiten sehen, dessen alter Vater in irgend einer Judengasse des Ostens Talmud lernte und dessen Brüder mit dem Packen über Land zogen. So entschloss sich die preussische Regierung zum Erlass jenes Gesetzes, das den Juden gegen die Verpflichtung, feste Familiennamen anzunehmen und ihre Sprache ausserhalb i des Gottesdienstes nicht zu gebrauchen, die Eigenschaft j von Staatsbürgern verlieh. I Die Juden jener Zeit waren nicht so assimilations-! lüstern, wie die Assimilanten unserer Tage glauben machen möchten. Das zeigt sich an der Wahl ihrer Vorj namen. Zur Annahme fester Familiennamen war man j gezwungen, und da die jüdischen Namen nicht so zahl- ן reich sind, dass nicht eine ungeheure Verwirrung hätte entstehen müssen, wenn alle sic bcibchiclten, so nahm man deutsche und deutschklingende Familiennamen an. Die jüdischen Vornamen aber blieben. Heute nun ist die Namengebung eine Hauptwaffe der Assimilation geworden, denn wer von Geburt an einen nichtjüdischen Vornamen hat, der glaubt vorspie־ geln zu können, dass nichts Jüdisches an ihm sei. Zweifellos finden der Sohn Werner und die Tochter Elisabet den Weg zum Taufbecken leichter, als der Knabe Daniel und das Mädchen Ruth. Wir müssen unter allen Umständen den Schein vermeiden, als ob irgend eine Gemeinschaft zwischen uns und den Assimilanten und getauften Juden besteht. Unsere Väter freilich dürfen wir nicht tadeln, weil sie uns nichtjüdische Vornamen gegeben haben, denn wer bet Düppel und Königgrätz, bei Metz und Sedan mit tausend Nichtj'uden in eine m Gliede gestanden hatte, der durfte annehmen, dass der alte Judenhass für immer tot sei. Derjenige Zionist aber, der es heute unterlässt, seinen Kindern jüdische Vornamen zu geben, verdient, dass man ihm den Schekel zurückzahlt. Leider ist die Kenntnis der jüdischen Vornamen wenig verbreitet und vielen treuen Zionisten ist die Kenntnis unserer Sprache nicht geläufig. Es würde daher geradezu eine nationale Tat sein, wenn einer der Unsrigen ein Vokabularium der jüdischen Vornamen mit genauer Nach Weisung der Wortbedeutung veröffentlichen wollte. Es wird sich dann kein Vater mehr mit Nichtwissen entschuldigen können — für unsere Kinder aber werden wir erreichen, dass sie sich alss Juden fühlen, sobald sie zu unterscheiden gelernt haben. Zwischen dem eigenen Ich und einem der griechische», römischen oder germanischdeutschen Mythologie oder Geschichte entlehnten Vor-!tarnen wird kein jüdisches Kind die Brücke finden — heisst der Knabe aber David, Juda, Elieser oder Moscheh und das Mädchen Esther, Judith, Sara oder Eva, so braucht der Vater׳ nur die Tltorah aufzitschlagen, um in den jungen Herzen die Begeisterung für ilir Volk und seine Geschichte zu erwecken, die wir selbst empfinden und die uns zum Stern geworden ist, der über Israel leuchten möge bis ans Ende des Golus, das kommen mögebald und in unseren Tagen. Ein Wort an die Jüdische Jugend. Ein Freund und Leser unseres Blattes sendet uns die Abschritt eines Briefes ein, den Geh. Medizinalrat Prof. Senator in Berlin an ihn gerichtet hat. Der Empfänger des Briefes glaubte die Bemerkung gemacht zu haben, dass der Tabak in jüdischen Kreisen, namentlich bei den Studierenden, in hohem Masse schädlich wirkt, und schrieb darüber au Prof. Senator. Die Antwort, zu deren Veröffentlichung der Enipfängcr ermächtigt wurde, dürfte bei der wissenschaftlichen Be• deutung des Briefschreibers vollste Beachtung ln jüdischen Kreisen verdienen Während die Gefahren, welche der Alkoholmiss־ brauch für die Gesundheit herbeiführt, jetzt nicht blos den Acrztcn allgemein bekannt, sondern auch in den weiteste!: Laienkreisen endlich anerkannt und gefürchtet sind, und wührend die Bekämpfung dieses Missbrauchs jetzt Gegenstand vielfacher Bestrebungen und das Ziel vieler Mässigkelts- und Enthaltsamkcitsvereine ist, gilt der Tabak als ganz oder fast ganz unschädlich. Jedenfalls sind die schädlichen Folgen des Tabakinissbrauches, insbesondere des übermässigen ©10 n. ג #ג# i-ä A**. Erinnerung an St. Petersburg. Von B. A u s k c r i n. Die Dezetnbertage in Petersburg sind stets trüb und kalt. Um 8 Uhr morgens kam ich an. Die Warteräume im Bahnhof waren noch elektrisch beleuchtet, ziemlich schwache Strahlen des Morgenlichts drangen durch die Fenster. — Die Aufschriften an den Türen sind in russischer und französischer Sprache. Im Wartesaal erster Klasse kochte auf dem Buffettisch der Samowar, die Tische waren gedeckt, der Tee bereit. Die angekotnmenen Gäste blieben in den warnten Räumen sitzen, um das Frühstück einzunehmen, auch den hellen Morgen zu erwarten. Draussen regnete es und war furchtbar neblig, dass man kaum den Izwoschtschik (Kutscher) erkennen konnte. Trotz des Tauwetters und des wenigen Schnees waren nur Schlitten zu sehen, da die Droschken schon Anfang November wohlverwahrt in die Remisen gestellt werden. Da ich mit den russischen Verhältnissen vertraut war, hatte ich erst einmal mit dem Izwoschtschik den Preis vereinbart. Das Pferd, ganz durchnässt, ging langsamen Schrittes. Die blanken Schienen des Schüttens rieben sich stark an dem holprlgeti Pilaster. Es fiel mir auf, dass der Kutscher seine Peitsche nur zum Staat in der Hand hielt; er wird nietnals das Tier peitschen, weil dieses streng verboten ist. Es ist Tatsache, dass die Tiere in Petersburg viel toleranter behandelt werden, als die Menschen. Der Kutscher wandte sich zu mir, da er im Schlitten mehr Gelegenheit hat mit den Passagieren zu sprechen, und in einer ruhigen Strasse kann ein Fremder immer auf eine Unterhaltung mit dem Kutscher gefasst sein. Er machte auf mich den Eindruck eines Bauern; der lange, graue Bart und die kurz rundgcsclinittenen יי;,ךי f־־ זד?

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