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Jüdische Rundschau · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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N Sfefte 94, t Jüdische Rundschau Ho. U. « m Kein Wort von ״Altneuland" rechtfertigt diese Behauptung, die eine freie Erfindung Achad-Haams Ist ״Altneuland״ Ist zu europäisch. Es gibt da Zeitungen, Theater, Opernhäuser man zieht für diese sogar welsse Handschuhe an. Ueberall ״Europäer, europäische Sitten, europäische Erfindungen. Nirgends eine besondere jüdische Spur.“ In der Tat: ״Altneuland** ist ein Stück Europa in Asien. Da hat Dr. Herzl genau das gezeigt, was wir wollen, worauf wir hinarbeiten. Wir .wollen, dass das wiedergccinte, befreite jüdische Volk ein Kulturvolk bleibt, so weit es dies schon jetzt ist ein Kulturvolk wird, so weit es dies noch nicht ist. Wir ahmen dabei niemand nach, wir benutzen und entwickeln nur unser Eigentum. Wir haben an der europäischen Kultur mitgearbeftet, mehr als an unserem Teil: sie ist unser in demselben Masse wie der Deutschen, Franzosen', Engländer. Wir gestatten nicht, dass man einen Gegensatz zwischen Jüdisch, unserem Jüdisch, und Europäisch konstruiert. Achad-Haam mag die europäische Kultur etwas Fremdes ,sein. Dann sei er uns dankbar dafür, dass wir sic ihm zugänglich machen. Wir aber werden nie zugeben, dass die Rückkehr der Juden in das Land ihrer Väter ein Rückfall in Barbarei sei. wie unsere Feinde verleumderisch behaupten. Seine Eigenart wird das jüdische Volk innerhalb der allgemeinen westlichen Kultur ent״ falten, wie jedes andere gesittete Volk, nicht aber ausserhalb, in einem kulturfeindlichen, wilden Asiatentum, wie Achad-Haam es zu wünschen scheint. .,Das neue Beth-Hamikdasch wird nicht auf dem Tempelborg erbaut werden! Das darf nicht sein! Es ist doch nicht erlaubt, das Heiligtum an einer anderen Stelle zu errichten!" Ich führe diesen Einwand an, um zu zeigen, wie kindisch böswillige Nörgelei werden kann. Frage Achad-Haam doch bei den jüdischen Bewohnern des russischen Ansiedlungsgcbictes an, was sie vorziehen: in ihrem Elend zu bleiben oder freie Bürger eines blühenden Palästina zu werden, auch wenn das Beth-Hamikdasch nicht auf dem Tempelberge steht. Er braucht uns die Antwort nicht mitzuteilen; wir kennen sie im voraus. Was aber Achad-Haam am grimmigsten rügt, das ist die Toleranz, die in Altneuland herrscht. Christen, sogar Christliehe Geistliche! — und Muhammedaner sind zu einem Scdcr geladen — fürchterlich! Am Ende gehen auch Juden zu einer christlichen Osterfeier? fragt er mit vernichtendem Hohn. Er gibt In wiederholten tückischen Anspielungen zu verstehen, dass die Einrichtungen und Zustänue in Altneuland eigentlich zur Taufe hinüberleiten. Diese nichtswürdige Unterstellung ist nicht neu. Acham-Haam hat sich diesen Giftpfeil aus dem Köcher. orthodoxer Lügner gelangt. ״Sich zusainmcnrbllcp und zurückzlchcn, nur um den Fremden zu zeigen, dass man unendlich tolerant, tolerant bis zum Ekel Ist — das vermöchten wohl auch die Neger zu vollbringen.“ Achad-Haam will keine Toleranz.' Fremde sollen vielleicht geschlachtet, wenigstens verjagt werden, wie in Sodom und Gomorrha. Der Gedanke der Toleranz erregt seinen Ekel. Nun, unseren Ekel erregt es, ein verkrüppeltes, geducktes Opfer der Intoleranz, einen verachteten Sklaven intolerante: Knutenschwingcr in dieser Weise von der Toleranz sprechen zu hören. Achad-Haam wirft Herzl vor, dass er die Sitten Europas nachahmt. Er gestattet nicht, dass man Europa seine Akademien, Opernhäuser und weissen Handschuhe entlehne. Das einzige, was er aus Europa nach Altneuland mitnehmen möchte, das sind die Grundsätze der Inquisition, die Sitten der Antisemiten und die Judengesetze Russlands. Man würde vor einer derartigen Missbildung des Geistes Abscheu empfinden, wenn das Mitleid nicht vorwöge. Das Mitleid mit einem Manne, der sich aus dein Bann des Ghettogedankens nicht losringen kann. Die Vorstellung der Freiheit ist ihm unfassbar. Freiheit scheint ihm ein Ghetto J mit umgekehrtem Zwange, mit einem Zwange, der ungernildcrt! fortbcstchcn bleibt, nur nicht mehr gegen die Juden, sondern | gegen die Nichtjuden gerichtet ist. Dass wir uns die Freiheit | anders denken, braucht einem Europäer nicht erst gesagt zu j werden. Das Zukunfts-Palästina unserer Wünsche und Träume ist kein Ghetto, sondern eine Stätte der Freiheit für jedermann, der All-Freiheit. Herzl knüpft einfach an die altjüdische Ueberlieicrung an, wenn er, nach dem schönen Worte unserer Ahnen, , ״die Fremden in unseren Toren“ aller Rechtswohltatcn des allgemeinen Gesetzes teilhaftig werden lässt. Das neuerstandenc Judcnvolk soll kein Volk von Boxern sein, sondern ein gastfreundliches, nächstcnlicbendcs, allen Brudcrgcfühlen zu» gängliches Volk. Sicher in seiner Eigenart und stolz auf sie, wird es ohne Misstrauen und Furcht Fremde in seiner Mitte I siedeln sehen, überzeugt, dass es nicht die geringste Gefahr läuft, von ihnen enfnationalisiert zu werden. Ich bin mit den wesentlichen Einwänden Achad-Haams gegen die Einzelzüge des Herzlichen Zukunftsbildes fertig. Sic ־ sind zum Teil töricht, zum anderen Teile beschränkt und; tückisch. Doch, darüber dürfen wir uns nicht beschweren. : ״Wer da baut an der Strassen — muss sich meistern lassen,“ 1; sagt ein weises Sprichwort, das der unausgesprochene, aber j, selbstverständliche Nachsatz ergänzt: ״auch vom unberufen׳־ recht beachtenswerte Winke gibt. Rabb. Dr. Jacob- Göttingen nimmt das Wort zu dem aktuellen Thema ״Der Unterricht in der nachbiblischen Geschichte und bringt als Fortsetzung seiner Ausführungen im 1. Heft 3 Beispiele für die Stoffauswahl 111 der genannten Disziplin: 1. Hillel, 2. Jqsus von Nazareth und 3. Moses Maimonides. Man muss gestehen, dass es Dr. Jacob vollauf gelungen ist, in knappen und doch klaren Ausführungen abgerundete und anziehende Skizzen der behandelten Persönlichkeiten zu geben. Die angefügten ״Fingerzeige“ bieten wertvolle Anleitung zur Vertiefung des nachbiblischen Unterrichts. — Von den ausgeführten Lektionen lässt!sich nicht immer behaupten, dass sie den Anforderungen genügten, die man an einen ״Wegweiser" zu stellen berechtigt ist. In der Lektion über ״Ruth“ fällt zunächst die cigentiimliebe Schreibweise Noomi (statt Naami) auf. Von ״Religion“ oder ״Glauben" der Moabiter zu sprechen, ist unlogisch; ebenso unrichtig ist die Frage nach dem ״Glauben der Bewohner von Palästina", da Israel doch nicht das einzige Volk war, welches?.‘bewohnte; Fragen, wie z. B.: Wie hatten sich ihre Venmögcnsverhaltnisse gestaltet? sind für viele Schüler der Mittelstufe zu kompliziert. Gegen den Gang der Lektion wäre kaum etwas einzuwenden: freilich hüte man sich', den Kindern Int Eifer des Gefechts neutestamentiiehe Lehren mit auf den Weg zu gehen: der Stift des Korrektors hat die letzte Zeile in der ״Anwendung“ nicht mehr ungeschehen machen können! —• Einem besseren ״Unterricht im Hebrüischen“ redet Dr. Spanier das Wort, indem er zugibt, dass ..auf diesem Gebiet bis jetzt so gut wie gar nichts geschehen ist“ Befremdlich ist daher, dass Referent die Methode, welche im Grasowski’schen בית ספו* עברי zur Anwendung kommt und das Kind spielend zur Kenntnis der hebräischen Sprache führt, als für unsere Verhältnisse ungeeignet bezeichnet. Sollte hier nicht zutreffend sein, dass ״für die Schule nur das Beste gut genug ist?" — K a t z - Rybnik rechtfertigt in einer Yorbemerkung zu seiner l.cktion ״Das erste der 10 Sinai-Worte' seine Ansicht, dass man den Dekalog bereits im 2. Semester der Unterstufe durclincluncn könne. Wir vermögen uns jedoch nicht einverstanden zu erklären; denn 1. setzt die Behandluug des Zehngebots die Kenntnis wenigstens einiget־ historischer Daten voraus, die zum Verständnis unumgänglich notwendig sind, und 2. traut man dem Sprach- Jind Fassungsvermögen der Kinder zu viel zu — sicher z. B. in. der von Katz beibchaltcncn Satzform: ״Ich bin .... der ich dich . . .“ Dagegen meinen wir, dass cs noch früh genug ist, wenn die Unterstufe die 10 fWorte erst im 3. oder .*1. Halb״ jahr im Anschluss an die biblische Geschichte — und auch dann noch vielleicht in abgekürzter, leicht lässlicher Form (der Bibel-Wortlaut bleibt der Mittelstufe Vorbehalten) — kennen lernt. Die Katechese au sich ist recht ansprechend durchgeführt; nur möchten wir nicht der Lesart: ״Ich bin d e r Herr...." zustimmen, auf weicher sich freilich ein Teil der Deduktion aufbaut, sondern dafür richtiger ״der Ewige“, setzen. — Den Beschluss macht Flanter mit chier ferneren Lektion für die Mittelstufe: ״Mose wird zum Führer des Volkes berufen.“ Ist es schon bei der Fülle des Stofics schwierig, in knapp einer Stunde ans Ziel zu gelangen, so hätte Rcf. sich bei der ״Vorbereitung" zweifellos grösster Kürze be-• fleissigen und näch wenigen Erinnerungst'ragcn und kurzer Zielangabe zum Thema übergehen müssen. Aus. denjsclbpu Qrunde "*י« v •, •*»ff *w׳ i"E**׳*״*״ -*ר«*»׳?־י! ff״״■ >f; ־

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