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Jüdische Rundschau · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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*■ ,*י**3*«^^* . י' •*»* « *# A1>* ‘ ־״* *“ # V ».•<£ ־ l,ViS# *#*,* .Seite 92. Jüdische Hundscliau• No; U. ren wird, entnehmen wir dem‘Petersburger ,\Buduschtschnostj“' folgende' ergreifende Schilderung : ״Nach den Angaben von Augenzeugen werden jetzt täglich von der Administration of Immigration auf Ellis Island z w e ihundert jüdische Einwanderer zurückgewiesen, wclche in Amerika ein Asyl zu finden hofften. Dabei ist die Behandlung der jüdischen Einwanderer in Ellis Island eine empörende. Trotz der fürchterlichen Stürme im atlantischen Ozean werden die in Ellis Island eintreffenden jüdischen Einwanderer auf offenen Frachtschiffen gchalten, wo sie unter der Seekälte schrecklich leiden. ״Dass die Zurückweisung der jüdischen Einwanderer herzzerreissende Szenen nach sich zieht, braucht kaum betont zu werden. Einige in *New-York erscheinende Blätter wissen über diese Szenen vieles zu erzählen. Greise Eltern wurden zu ihren in Amerika lebenden Kindern, Ehegattinnen zu ihren Männern nicht zugelassen.‘• Ob dieser kaum glaublichen Zustände ging ein Sturm der Entrüstung durch die ..Vereinigten Staaten“. Ucberall wurde protestiert und beschlossen, die Angelegenheit vor den Senat zu Washington zu bringen. Die Regierung hörte die Protestrufe und beauftragte den Mr. Frank P. Garpcnt, General-Kommissar des Ein- Wanderungs-Departements, über die Vorgänge auf Ellis Island den Vertretern der amerikanischen Judenschaft gegenüber eine Erklärung abzugeben. In dieser Erklärung motivierte er das Vorgehen der Regierung und deutete auch ihr Zukunftsprogramm an: ״Es tritt nunmehr die Notwendigkeit ein, der freien Einwanderung nach den ״Vereinigten Staaten“, welche das Land und die amerikanischen Arbeiter schrecklich schädigt, Schranken zu setzen. Die Zukunft des Landes ist unzertrennlich mit der immer wachsenden Einwanderung verburiden. Die Einwanderungsgesetze werden wohl bcobachtet werden, aber die Interessen der amerikanischen Bevölkerung sind der Regierung am nächsten.“ — Jetzt wissen wir wenigstens, woran wir sind. Aber, wohin mit den vielen Juden, welche, um dem Hungertode zu entgehen, gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen? Auch aus Südairika kommt die Kunde, dass viele hundert Juden an der Landung verhindert und zur Rück- Wanderung gcz\vut1gen werden. Ebenso beginnt ia auch England allmählich seine Tore den jüdischen Einwanderern zu verschliessen. Aber, wohin mit den Juden? Auch das Land ihrer Väter ist ihnen zur Zeit bcdingt verschlossen. Aber es m u s s ihnen geöffnet werden und es kann ihnen geöffnet werden, wenn nur die Juden selbst ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. — •: Die neuesten Vorgänge lehren deutlich, erschreckend deutlich, dass eine Auswanderung und Kolonisation der j Juden nur rationell sein kann, wenn sie auf sicheren \ rechtlichen Grundlagen beruht. Diese will den ' Juden eine Heimstätte geben, welche nach jeder Riehtung hin öffentlich-rechtlich gesichert ist. Wie! dies geschehen kann, soll später dargclegt werden. j I b n A s r a k. ] Achad-Haam Uber ,Altneuland‘. Von Max Nordau. Als ich Herzls Roman ״Ahneuland“ gelesen hatte, drängte es mich, all das Gute, dass ich davon dachte, laut auszu• sprechen. Ich hätte gern im einzelnen gezeigt, wie Begeistcrung für den Gegenstand und hohe Schriftstcllcrbegabung die etwas unsichere, etwas zweifelhafte Dichtungsgattung der Uto- •pie erneuern, die menschlichen Träger der Fabel, die als Symbole naturgenuiss etwas schattenhaft sein müssen, in individualisicrtc Charaktere umzaubern und mit sprudelndem! eben erfülle::, die eisige Lehrhaftigkeit, die von einer Utopie unzertrennlich ist. durch erquickende poetische Wärme ersetzen, einer Luftspiegelung der Phantasie , einen erstaunlichen Wirklichkeitsschein verleihen können. Ich hätte auch hervorheben wollen, welche zugleich schwungvoll schaffende und nüchtern rechnende Verstandesarbeit in den Einzelheiten des als neuerstanden gedachten jüdischen Geniciudewcsens in! Lande der Väter steckt. Eine Art Schamhaftigkeit, die jeder fein organisierte Mensch mir nachfühlcn wird, bestimmte mich, mir diese Genugtuung zu versagen. Man kennt die Freundschaftsbande, die mich mit Herzl verknüpfen. Auf Gerechtigkeit und mm gar auf Wohlwollen haben weder er noch ich zu rechnen. Ich fürchtete, gegnerische Bosheit würde über Kameraderie höhnen, und war nicht tapfer genug, darüber im voraus die Achsel zu zucken. Ich fürchtete es ja auch nicht für mich, denn ich lasse mir die Nichtswürdigkeiten von Burschen, die schlechten Glaubens sind, nicht nahegehen; ich scheute es um Herzls willen, den cs verletzen konnte, wenn unterstellt wurde, er hätte sich von mir Freundesdienste ausgebeten. Eine Kritik, in der Achad-Haam ah dem Buche und seinen: Verfasser sein Mütchen gekühlt hat. bestimmt mich indes. 1 hätte, meines Vermögens bemächtigen könne. Auch den Verdacht, dass meine eigne Frau bei diesen lügnerischen Vorspiegelungen mit im Komplotte gewesen, kann ich nicht los werden. . Jetzt kehre.ich nach Russland und zunächst nach meinem Aufenthalte zurück. Die erste Vornahme, wenn ich daselbst angekommen sein werde, soll sein, dass ich mich von meiner Frau scheiden lasse; das ist ja in Russland das Werk von nur ein paar Stunden und ohne die geringste Schwierigkeit zu erlangen. Meinen Verwandten dagegen eine kleinere oder grössere Summe von meinem Vermögen abzuringen, das wird sich viel schwerer tun lassen. Was ich alsdann unternehme und wohin ich mich wenden werde, das weiss ich heute noch gar nicht. Nun habe ich Ihnen meine Lebensschicksalc ziemlich ausführlich kundgegeben und durch die Erzählung. meine verbitterte Gemütsstinmiung bedeutend verbessert. Jetzt will ich von Ihnen Abschied nehmen, denn schon kommende Woche will ich von hier abreisen, und ־ zwar hat mir derselbe Kaufmann, welcher mich vor 12 Jahren von Minsk nach Smorgon gebracht, versprochen, mich auch wieder von hier aus dorthin mitzunehmen. ,,Bevor. Sie Abschied• nehmen,׳ sollen Sie l«ir nQcft eine Frage beantworten,“ sprach ich. ״Sind Sie nie wieder mit Ihrer ersten christlichen Frau in Verbindung getreten, und haben Sie sich nie erkundigt, was aus Ihren beiden Kindern geworden ist?“ ״Seit sechs Jahren,“ antwortete der Befragte, ״besteht ein regelmässiger Briefwechsel zwischen mir. und meiner ersten Frau. Allo die wechselseitigen Schreiben kommen und gehen durch Vermittlung des hiesigen russischen Konsuls, Herrn v. Sch...!. Der treffliche, überaus milde und gutherzige Mann ist Ihnen ja auch bekaimt und befreundet, wie er mir selbst gesagt hat. So bin ich denn auch über alles, was meine Kinder angeht, wohl unterrichtet. Mein Sohn ist ein sehr tüchtiger und gesuchter Arzt und mit einer Jüdin verheiratet; es soll eine überaus treffliche und gebildete Frau sein, die ihm in seinem Berufe nach Kräften stützt und fördert, und meine Tochter ist merkwürdigerweise auch an einen Mann jüdischer Herkunft verheiratet, einen Ingenieur und sehr angesehenen Eisenbahnbeamten. Auch drei Enkelkinder sind in beiden Familien bereits vorhanden; diese nur ein einziges Mal in die Arme nehmen zu dürfen, ist der höchste und schönste Wunsch meines schwerbe-- drückten Herzens“,

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