Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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V **• ,־‘ '׳;/ י **ויי*1 .^ך..;י^! 1 <w?~^• ־ ^קריל■ דד• No; II.- Jüdische Hiiadschaa. Seite 91. frischüng babylonischer Gesetze erscheinen lassen möchte. Diese Versuche zeigen nur, dass der Grundgedanke der mosaischen Gesetzgebung unverstanden geblieben ist. Aber es ist derselbe Zug, wenn man Jesus zu einem Arier und gar zu einem Deutschen gemacht hat, weil man es als beschämend empfand, ein Volk zu verfolgen, dessen Söhnen man die höchsten menschliehen und göttlichen Ehren erweist. Und sollte doch einmal wider Erwarten die Person Abrahams inschriftlieh bezeugt werden, so wird es uns keinen Augenblick wundern,• wenn inan ihn dann sofort zu einem Summerier machen würde, der vor der semitisch-baby- Ionischen Eroberung das ״alte summerische Erbteil eines einigen Gottcsglaubens‘‘ in das benachbarte Ausland rettcth wollte. Vor uns liegen beim Schreiben dieser Zeilen zwei Schriften, die eine von Bo rn: ״Moses, ein Aegypter“, die andere von Vinzclberg: ״Jesus, ein Deutscher“, wir erwarten mit sicherer Hoffnung, nicht getäuscht zu werden, eine dritte Sclirift im Bunde: ״Abraharn, ein Summerier“. — Doch kehren wir zu tinserm Ausgangspunkte zurück: Es lag uns daran zu zeigen, dass selbst im ärgsten Elend des Golus das jüdische Volk seinem Mosaismus und damit sich selbst treu geblieben ist. Freilich ist seine Reinheit oft getrübt worden, aber niemals wurde der mosaische Bau uns entrissen, und er ist der Ausgangspunkt und das Zentrum des Judentums immer geblieben. Die gewaltige und einzigartige Person Moses, die am Eingänge unserer Geschichte steht, verbürgt uns ihre Dauer und ihren dauernden Wert. Mosaismus ist jüdischer Nationalismus. Und weil uns Purim die Erhaltung und Rettung des Judentums durch das Andenken Moses im Golus symbolisiert, ist Purim nicht minder als irgend ein anderes Fest ein echt nationaler Feiertag. Also wollen wir am Purim lustig sein, fröhlich sein, wie es uns das Gesetz unserer Väter gebietet. Wir wollen für einen Tag der Leiden vergessen, die uns seit zwei Jahrtausenden unser Leben wahrlich nicht versüsst haben, und wollen uns freuen, dass wir wieder Purim feiern können, es feiern als ein Fest, das aufs innigste verbunden ist mit der Jahrzeit von Moscheh Rabbenu. Wohin mit den Juden? Nach dem ireien Amerika! So sagen die Uebcrschlauen. Oder vielmehr, sie haben es gesagt; denn was zu erwarten stand und von uns schon lange befürchtet wurde, ist zur Tatsache geworden, zu einer herben, grausamen Tatsache für viele unserer Brüder: Amerika beginnt die Einwanderung von Juden einzuschränken. Dies geschieht auf sehr einfache Weise, man brauchte dazu nicht einmal eine Acndcrung der bestehenden Gesetze vorzunehmen. Es gibt ja einen Verwaltungsweg; dieser ist breit und bequem, er kann noch immer mehr ausgefahren werden und führt stets und sicher ans Ziel. Der neue Einwanderungs-Kommissar Williams hat vor seiner Entsendung ins Zcntral-Einwanderungs- Departement das Versprechen gegeben, auch ohne Schaffung eines besonderen Gesetzes die Zahl der Ein- Wanderer erheblich zu vermindern. Der gesetzliche Zustand ist nämlich folgender: Auf der Insel Ellis Island, die unmittelbar vor der Einfahrt in den Ncw-Yorkcr Hafen gelegen ist, waltet die Administration of immigration ihres Amtes. Sie hat einen jeden Einwanderer ärztlich zu untersuchen und seine Vermögensverhältnisse, seine Erwerbsfähigkeit, seine Beziehung zu in Amerika lebenden Verwandten u. s. w. zu erforschen. Sagt die Kommission: ״Der Mann gefällt mir nicht“, dann wird der Mann sofort in seine Heimat zurückgeschickt. Gründe oder Scheingründe hierfür lassen sich stets finden. Der Einwanderer ist vollständig der Willkür der Inquisitionskommission überliefert. Um dies cinigermassen zu verhüten, bestand bisher die Einrichtung, dass dem Verhöre der Einwanderer einige Advokaten (lawyers) beiwohnten. Diese Einrichtung hat Williams vollständig abgeschafft, so dass jetzt unumschränkte Polizeiwillkür herrscht. Um die Massregeln der Einwanderungskommission nach Aussen hin berechtigt erscheinen zu lassen, werden die Jüdischen Einwanderer von den neu ernannten Beamten der Kommission durch Verhöhnungen und Beleidigungen derartig verwirrt gemacht, dass sie nicht imstande sind, bei dem Verhöre sachgemässe Antworten zu geben. Die so erzielten Antworten bilden dann die Grundlage für das Verdikt der Kommission. Ueber die Härte und Rücksichtslosigkeit, mit weleher bei der Zuriickschickung der Einwanderer verfall- Meine Praxis nahm bald einen grossen Aufschwung, dehn jene Pfuscher und Quacksalber in meinem Berufe, die bisher am Orte mit dergleichen Heilzwecken sich befassten, waren mir nicht gewachsen und wurden aus Brotneid mir sehr aufsässig. Für mich eine sehr gefährliehe Lage. So lebte ich sechs Jahre am Orte als guter frommer Jude, versäumte keine Gebetszeit und widmete jeden freien Augenblick dem TJiorastudiuni. Da, eines schönen Tages, kam einer meiner Anverwandten in meine Wohnung gestürzt mit der Schreckensnachricht: ״Eile, rette dich, sonst bist du verloren!“ Einer jener jüdischen Quacksalber sollte mich als Abtrünnigen der griechisch-orthodoxen Kirche denunziert haben und von oben herab sollte der Befehl gekommen sein, mich zu verhaften. Unwahrscheinlich war die Sache nicht und ich hatte weder Lust in den Schoss der heiligen Kirche zurückzukehren, noch nach Sibirien zu wandern; so blieb mir denn nichts anderes übrig, als zu flüchten und zwar, wie das von mir in gleicher Lage schon viele getan hatten, über die Grenze nach Memel zu eilen und dort mich anzusiedeln. Das Ordnen meiner Vermögensverhältnisse — Ich besass ein eignes Haus und über drei- bis viertausend Rubel Ausscnstände, musste ich meinen Anverwandten überlassen. Noch in derselben Na'cht verliess icli den Ort, ein Fuhrmann brachte mich für schweres Geld über Wilna und Kowno bis nach Wirballcn. Dort wurde ich auf Schleichwegen über die Grenze nach Eydtkuhncn befördert. Auf jedem Wege sind ja beide Orte nur wenige Schritte von einander entfernt. In Eydtkuhnen, auf prcussischem Grund und Boden, völlig gesichert vor einer jeden weiteren Verfolgung, wartete ich eine günstige Gelegenheit ab ־— die auch nicht lange auf sich warten liess — welche mich ohne iegliches Hindernis bis Memel brachte. In den ersten Jahren meines Memeler Aufenthalts erhielt ich noch manchesmal von meinen Smorgoner Anverwandten ein Schreiben, auch hier und da etwas Geld von meinen zustehenden Zinsen zugeschickt, von meiner Frau freilich kam keine Zeile, denn die verstand ja weder zu lesen noch zu schreiben. Endlich aber hörte alle und jede Kundgebung auf und ich erhielt auch, trotz steter Mahnungen, keinen Pfennig Geld. Der Umstand, dass man mir auch die tausend Rubel, welche in meinem Rocke cingenäht waren, geraubt hatte, bestärkte mich in dem Verdachte, dass man überhaupt ein betrügerisches Spiel mit mir getrieben und mir die drohende Verhaftung vorgesehwindelt, damit man sich, wenn ich mich entfernt