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Jüdische Rundschau · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 90. JUdisolie Hnndschau No. ״« hat Dabei sind schon die Namen der Helden des Ester* buches nicht einmal hebräisch, sondern gerade so jüdisch, wie später der Name Alexander oder jetzt die Namen Isidor, Siegfried und Moritz. Von Ester wissen wir sogar noch ihren eigentlichen hebräischen Namen Hadassa, der neben dem fremdländischen freilich vergessen worden ist Man mache eine Parallele zwischen Mattitiahu und Mordechai, und man versteht sofort den unendlichen Gegensatz zwischen dem konservativen Revolutioiiär und dem geschmeidigen Hofjuden. Purim ist daher inj seiner Entstehung und in seiner ganzen Feier recht eigentlich das echte Fest des Golus. Dann aber ist dieses Fest bei den Juden so populär geworden, weil sie in ihm ihre zweitausendjährige Leidensgeschichte und sich selbst verkörpert zu sehen glauben. Und ob wir uns bei dem Lesen der Esterrolle an die im Buche Judit erzählte Geschichte erinnern oder an die verschiedenen Purims des deutschen Ghettolebens wie Vinzpurim oder Trierpurim, das eine ist allen gemeinsam, der Zug der Unfreiheit und des Golus. ' Die Gelehrten des jüdischen Stammes, die den Untergang des hebräischen Staatswesens mit angesehen hatten, empfanden es, dass diese Estergeschichte so ganz anders sei, ais die andern im biblischen Schrifttum erhaltenen Reste nationaler Kultur. Daher ihr Streit, ob das Buch, das obenein nicht ein einziges Mal den Namen Gottes nennt, unter die kanonischen gehöre. Und doch wünschten sie seine Erhaltung so sehr, dass sie den Ausspruch taten, dass Purim fortbestehen werde, wenn alle andern Feste längst nicht mehr gefeiert würden. Aber durch eine sinnige Parabel gaben sie der Purimgeschichte einen viel tieferen Inhalt. Sie erzählen, das Haman lange gesucht habe, welcher Kalendertag wohl für sein judenfeindliches Unternehmen der geeignetste sein würde, und als guter Kenner der jüdischen Geschichte, — denn als ein solcher tritt er uns entgegen — wusste er in jedem Monat so viel verdienstliehe Taten von Juden zu finden, dass er sich nicht getraute, diese Monate auszulosen, um sie zum Verderben der Juden zu bestimmen. Nur der Monat Adar hatte keinen Festtag, der irgendwie ihn hätte stutzig machen können. So wurde denn er zum Vertilgen der Juden ausersehen. Und hier hatte Haman den grossen Fehler gemacht, der seine feincingefädelte Sache scheitern liess. Er hatte übersehen — übersehen, weil dem Judentum jeder. Personenkultes fern geblieben ist —, dass acht Tage vor dem von ihm gewählten Datum, eben im Monat Adar, der Geburts- und Sterbetag unseres grossen^ Lehrers Moscheh ist, die Jahrzeit von Moschch Rabbenu," wie* sie noch heute volkstümlich heisst. Aber Moses Verdienst ist so gross, dass wenn man in ei ne.Wägschale ganz Israel in allen Zeiten und allen Geschlechtern samt und sonders legen würde und in die andere allein unseren Lehrer Moscheh, doch die Wage Israels sich nicht senken würde. Das Verdienst Moses hat Haman übersehen, und das Verdienst Moses war es, dass sein Volk aus der tückisehen Hand des Feindes gerettet hat. Diesen Inhalt hat die talmudische Legende dem Purimfest gegeben. Darum ist Purim auch so recht eigentlich ein Fest des siegenden Mosaismus. Zwar nicht der ״mosaischen Konfession“; denn sie ist j'a das Gegenteil dessen, was unser grosser Lehrer gesprochen und geschaffen hat, aber ein Fest der auf sozialer Gerechtigkeit gegründeten nationalen Selbstständigkeit. Es wäre nicht richtig, wollten wir den Mosaismus• als den Glauben an den einzigen Gott bestimmen, denn - nach Moses selbst war nicht er, sondern sein Vorfahr Abraham der Stifter des monotheistischen Weltgedankens. Sein Werk war die ״Gerechtigkeit“. Nicht weichliche Liebe verlangte er, nicht allgemeine Sätze von Menschenliebe und Humanität stellte er auf, wenn er auch der erste war, der das ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ als unverbrüchliches Gesetz hingestellt hat, sondern in greifbarer Form, konkret und fasslich, verlangt er Gerechtigkeit gegen Mensch und Tier. Darum greift auch die modernste aller sozialen Bestrebungen, die Bodenbesitzreforin, auf den Maiin^ zurück, der zuerst und einzig in der Welt ein Volk schuf, dessen Prinzip wirkliche Gerechtigkeit war. Im mosaischen Staat unter Fremdengesetz gestellt zu sein, ist eine Bevorzugung; denn er ist auf Gerechtigkeit und nicht auf Liebe gegründet. Und wenn in den Augen der Völker das unsere Weisheit ist, was Mose geschaffen, das Gesetz ausgleichender Gerechtigkeit und Wahrheit, so kann es uns nicht Wunder nehmen, dass die klügsten und erbittersten Feinde des Judcnvolkcs ihm diese Weisheit als fremdes Gut entreissen wollen. Darum handelt es sich, wenn man angeblich durch ernste Forschungen getrieben, Moses zu einem Aegypter macht, oder wenn man die Originalität mosaischer Geistesschöpfungen als eine Aufm si? & Bilder aus dem . russischen Reichsghetto. , Sundei der Rossarzt. | Von Dr. J. R ü 1 f ־ Bonn. (Fortsetzung.) Die Verwandten, zu denen ich bisweilen zu Besuch kam und oft zu den Sabbat- und Festmahlzeiten eingeladen war, drangen darauf, mich zu verheiraten, weil es eines jüdischen Mannes unwürdig sei, unverheiratet zu bleiben und Hessen nicht nach, bis ich eine Cousine, welche schon einmal verheiratet gewesen und von ihrem Manne sich hatte scheiden lassen, zum Weibe nahm. Auch meine verfügbaren Gelder: es waren noch etwa 1500 Rubel, die im Rocke eingenähten ungerechnet, wussten sie mir abzulocken. ״Du willst doch dein Geld, hiess es. nicht so ungenutzt und zinslos liegen lassen.!־ Gib es lieber auf sichere Hypotheken und nimm deine guten Zinsen." Ich liess sie gewähren, weil ich ihnen voll vertraute. Mit meiner Frau war nicht gut zu leben und auszukommen. Ihr Gefühlsleben war völlig unausgebildet; sie war sparsam bis zum Geize. Wie die meisten ihrer Genossinnen der kleineren Städte hatte sie nie eine Schule besucht und war von allem Unterrichte mit Absicht ferngehalten worden. Sic hatte nur Sinn für einen einzigen Gegenstand: Verdienen, verdienen! Sie ruhete auch nicht eher, bis ich meine Praxis als Feldscher und Tierarzt wieder aufnahm, obschon ich viel lieber, wie ich von Anfang an beabsichtigt hatte, zur Sühne meines früheren Lebens meine ganze Zeit nur dem Gesetzes- Studium der Busse und dem Gebete gewidmet hätte. Freilich meiner heutigen Denkweise entsprechend, kann ich ihr diese Nötigung schon verzeihen. : r

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