Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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{L.Vp Abonnementspreis L (Zasemtong Inbegriffen) [ Vierteljährlich! 1• du*oh die Expedition: . *),In Berlin M. -,9a , b) nach auswärts M 1,— c) für djs Ausland M. 1,5a I* im Postabonnemont M. 1,25 1• bei Sammelbesag daroh die Ortsgruppe M. —,60. Poetsoitungslisto No. 8944. Inserate Ä« trlergespaltene *,etltzelle 25 Pf. Inseratonbeilagen 15 M. Organ der ן ÄC3C fö för Erscl1ein.t jeden ]Freitag־. 5 9 <0. II. Berlin. 13. f.lärz 1903. 14. Adar 58S3. Adresse för Geldsendungen und Bestellungen: Verfag Sfldlsdie Rundschau, E. O. m. b. H. Bahn 6i2, Hugusfstrasse nr.49a. Sprechstunden: r. 4—5 Uhr nachmittag!. Redaktion: Dt. Heinrich üoewe, Berlin IIW. 40, fcehrtersbasse 14/15. Spredislundcn: Montag und Donr.ersug 4-4 Ulr >bmü»pwb—Mswstiws^iimMaanees VIII. Jahrgang. iä*p FÄ4i Purimfreude. Das jüdischdeutsche Spridiwort lässt Purim keinen Feiertag und Fieber keine Krankheit sein. Beides aber ist cum grano salis zu verstehen. Es wäre auch zu wunderlich, wenn der Tag kein Fest sein sollte, der als der fröhlichste und lustigste mit einer ausgelassenen Freude begangen wird, wie sonst kein Tag im ganzen Jahr. Sagt doch die Geinara, dass man nach dem Urteil Rabbas am Purim tage soviel trinken müsse, bis; man nicht mehr zu unterscheiden vermöge zwischen dem Verfluchen Hamans und dem Lobpreisen Mordcchais. Hat doch die durch alle Schrecknisse des Gastlebens in Europa geängstigte Seele des Juden bei schwerer Leibes- und oft Lebensstrafe nur an diesem einen Tage im Jahre aus sich herausgehen dürfen. Denn den Juden war es streng verboten, sich fröhlich zu zeigen und sich zu freuen, weil das der Kirchenlehre von der Verfluchung der Nation widersprochen hätte. Um so lustiger und ungebundener kam die Fröhlichkeit zum Ausbruch, wenn man durch den Fastnachtstrubel einigermassen die Aufmerksamkeit auf andere Dinge gelenkt wusste. Infolge dessen behielt der Purimtag seinen fröhlichen Charakter bei, während selbst Chanuka ihn frühzeitig cinbüsste. Dramatische Aufführungen und Maskeraden, die sonst so sehr zum Unglück des Ghettos in schreiendem Widerspruch standen, gehörten zum ständigen Repertoire des Puritnfestes. Am Purimfeste konnte sich die Seele erquicken am lustigen Jauchzen, und so schützte dieses Fest nicht zum wenigsten die Unterdrückten der Gefangenschaft vor stumpfer Melancholie. Der Scharfsinn der Talmudisten schrieb . talmudisch - pilpulistischc Traktate, die das ־' Feinste darstellen, was je an Bierzeitungen geleistet ( worden ist. Und in Anlehnung an die הנדה לליל שמורים schrieb ein sehr ironmier Rabbi eine הנדהלדמ* שכורים, in! der •er den Unterschied der Purimnacht und aller übrigen ן Nächte.dcs Jahres dahin zusammenfasste, dass man sonst ן angelehnt oder nicht angelehnt sässe, aber in der Purim- 1 nacht samt und sonders unter dem Tische läge. *־ ־ Von Alters hef aber ist der historische Kern des Purimfestes umstritten gewesen, und der Streit der Tal- [ mudisten (Masseket Megillah fol. 7a), ob das Buch Ester!* zu den heiligen Schriften zu rechnen sei .oder nicht, ist; nur ein Stadium in der langen Geschichte des Streites um Purim. In jüngster Zeit ist dieser Streit nicht geringer geworden, und wenn erst unsere Forscher genügend Aufmerksamkeit auf den Umstand verwenden, dass die beiden Hauptheldeh Mordechai und Ester mj'thische Namen haben, wenn sie den Oheim mit Beslimmtheit als die Verbindung des babylonischen ״Marduk“ mit dem in der Endung noch zu erkennenden hebräischen Gottesnamen, in der Nichte seine Gemaiilin ״Istar“ erkannt haben werden, dürfen wir auch erwarten, endlich zu erfahren, welche mythische Figur im Achasciiwcrosch und im Haman zum Ausdruck kommen. Einstweilen haben wir am Purim genug Stoff zu lachen, wenn wir die sonderbare Rekonstruktion des Esterbuches durch einen Königsberger Professor nach dem Texte der Septuaginta zur Verlesung bringen. Eine ganz neue Form des Purimfestes hat sich in den jüdischen Kolonien im Lande Israel entwickelt; und wie dort im kleinen Kreise eine jüdische Kultur spontan entsteht, so hat das freie uiid für die Freiheit kämpfende Leben dort gerade diesen Tag ztt einem ernstiröhlichen ausgestaltet, der im Golus der Tag der Freuden, der einzige in seiner Art, ist. Aber auch hier hat sich die Eigentümlichkeit jüdischer Golusfreude nicht tilgen lassen, die darin besteht, dass in dem Becher der Freude eine Träne hineinfällt, und dass es kein noch so lustiges Purimfest gibt, ohne dass wenigstens einmal beim Lesen der Megilla die Melodie der Klagelieder vernommen wird. Jüdische Golusfreude! Denn das ist das charakteristische der Estergeschichte, mag sie nun historisch sein oder für einen Mythus erachtet werden,-dass sich in ifir eine echte Geschichte aus dem Golus der Juden gibt, in der sich das ganze Golus spiegelt, mit der alleinigen Ausnahme, dass der glückliche Ausgang märchenhaft klingt, wenn Paulus Cassel Recht hat, dass das Märchen sich als ein unerfüllbarer Wunsch charakterisiert. Goiusjudentum ist die Marke von Purim. Seine Helden sind Golushelden, und der Männerstolz, den Mordechai vor dem Königsthrone beweist, ist doch recht zweifelhafter Natur neben jenem echten Heldentrotz, den Mattitjahu und seine Söhne־ in ungebeugter Kraft an den Tag legen. Und die Königin Ester ist doch alles andere, denn ■eine freie Jüdin. Auch sie repräsentiert'ein Stück Golus, das sich in manchen der bittersten Stunden, die das Judentum durchgemacht hat, in verschiedenen Formen und Personen wiederholt