Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.«*■י ***.’ Seite 78. 1 Jiid s<*11e Ruudscliau No. 10. dass Professor Delitzsch seinen nichtoffcnbarungsgläu- ן bigen Standpunkt mit dem gleichen Freimut wie der Kaiser offen yor aller Welt darlegen würde; und man hätte das schöne •Schauspiel erlebt, dass der König uifd der Gelehrte, beide auf der Menschheit Höhen stehen. Und der grosse Moment fand den Professor Delitzsch nicht. Nur ein schwächliches Interview, das ein Mitarbeiter des Wiener Blattes ״Die Zeit“, brachte, war die kaum vernehmliche Antwort des Berliner Orientalisten. ״Besonders wichtig erschien dem Korrespondenten die folgende Aeusserung: ״So wenig ich als ein Mann strenger Wissenschaft csjc wagen werde, mich auf das Gebietdes Neuen Testaments, speziell der neutcstamcntlichen Dogmatik zu begeben, wcldies meinen wissenschaftlichen Studien durchaus^ ־ferniiegt, ebenso verlange ich von jedem, der sich fiber die von mir angeregten Fragen ein kompetentes Urteil gestatten will, dass er das Alte Testament in allen seinen Teilen und nach allen Richtungen hin sprachlich, sachlich, historisch, rcligionsgc- schichüich diirchgcarbcitet hat und unter Verwertung aller in unseren Tagen verfügbaren Hilfsmittel, obenan umfassender kcilschriftlicher Studien, sich in den Geist der alttcstamcntliehen Schriftsteller zu versenken gelernt hat.“ Um das Alte Testament — bemerkt Dr. Delitzsch noch —. insbesondere den jetzt immer wieder ins Feld geführten ״Geist des Prophctentums“ nach Gebühr würdigen zu können, verstehen unsere evangelischen Geistlichen nicht ausreichend V■' :״rh.. Unter je hundert Theologen, die alljährlich die Universität verlassen, befindet sich im Durchschnitt vielleicht einer, der sich durch die harte Schale der alttestanicr.Uiclien Sprache voll* kommen durchgearbeitet und überdies mit den übrigen semitischen Sprachen und I.ittcraturen dermassen bekannt gemacht hat. um als ein wirklicher Kenner des alttestamentlichcn Schrifttums gelten zu können.“ Man sicht: Vorsicht ist die Mutter der Weisheit des Professor Delitzsch, iene selbe Vorsicht, die er bei! seiner Behandlung des Alten Testamentes so sehr ver- : missen liess, dass jeder Schüler einer jüdischen Volksj schule, der seine zehn Gebote auswendig weiss, den j Gelehrten hätte aufmerksam machen können, dass das Wort qatal wohl ein beliebtes Paradigma hebräischer j Elementargrammatiken sei, aber weder im Pentateuch im allgemeinen noch gerade in den zehn Geboten im besonderen vorkomme. Mit unendlicher Vorsicht äussert sich der Assyriologe — denn als Hebraisten können wir, in deren Munde ־und Herzen die althebräische Sprache lebt, Friedrich Delitzsch keineswegs anerkennen — dahin, dass er es niemals wagen werde, sich auf das Gebiet des Neuen Testaments und der neutestamentlichen Dogmatik zu begeben. Das Alte Testament, dagegen habe er kritisch in allen seinen Teilen und nach jeder Richtung durchforscht. Für dieses; hält 4k seine Behauptungen aufrecht. Es ist einfach prächtig, zu sehen, wie der Forscher den Offcnbarungsglauben bei Seite wirft und dann fein säuberlich erklärt, dass das selbstverständlich nur auf den Offcnbarungsglauben des Alten Testaments gehe. Wir würden die Aeusserung unserer Meinung über den Offenj barungsglauben für einen unberechtigten Eingriff in ן die Ucberzcugungen und Gefühle anderer halten, den wir nicht verantworten wollen. Aber dass ein Offen- 7.־* ־; barungsglaube etwas wesentlich anderes ist, wenn er; sich auf das Alte und wenn er sich auf das Neue Testaj ment bezieht, das zu entdecken, war wirklich erst die Frucht der Entzifferung von allerlei Tontafeln. Also beim Neuen Testament bleibt die Kritik stehen, die sich; kühn über alle Schwierigkeiten im Alten Testament : durch Konjekturen hiuwcgsctzt, die auf dem Gebiete ' indogermanischer Philologie mir ein vielsagendes Kopfschütteln hervorrufen würden. Und hat denn Professor Delitzsch so wenig Kenntnis vom Neuen Testament, dass er nicht weiss, dass cs sich überall auf das Alte Testament beruft, wie auf diejenige Autorität, der man unbedingt Glauben schenken müsse. Er vergisst, dass das Alte Testament ruhig und sicher ohne das Neue existiert, aber nicht umgekehrt. Wenn das Alte Testament fällt, so fällt damit zugleich der einzige Stützpunkt für die Lehre des Neuen Testaments. Denn es gibt ja nicht einmal eine historische Sicherheit, dass Jesus überhaupt existiert hat. Darum können die offenbarungsgläubigen Juden mit aller Ruhe den weiteren Vorstösscn Delitzschs cntgegcnseheii, nicht aber die Religionen, die sich aui das Neue Testament stützen, das die buchstäbliche Offenbarung des hebräischen Gottes- Wortes veraussetzt, auch wenn es zuweilen das Alte Testament ungenau zitiert. Der Nimbus des Gottesvolkes mag nun bestellen oder verloren gehen, es muss konstatiert werden, dass Delitzsch nichts wesentlich Neues gebracht hat. das wahr wäre, und nichts Wahres, das nicht schon durch die Forschungen unseres verehrten Lehrers Eberhard Schräder uns geläufig gewesen wäre. Und wer da glaubt, dass die Gesetze Hanum!rabis irgend etwas von dem einzigartigen Sozialismus der Gerechtigkeit kenneu, wie sie Moses in seiner bcdenrcformcrisclien Vereumeton. &&?»»aase Bilder aus dem russischen Reichsghetto. Sundei der Rossarzt. Von Dr. J. Rülf-Bonn. (Fortsetzung.) * Ich teilte ihm mit, dass dieses mein ursprünglicher Heimatsort sei und ich mich nur nach den Meinigcn, von welchen ich seit vielen Jahren nichts mehr gehört und gesehen, erkundigen wolle. ״Nun gut, erwiderte er, überlassen Sie mir die Vorbereitungen und vorläufigen Erkundigungen. Das muss alles mit der grössten Vorsicht geschehen, denn wenn Sie verraten werden, steht es schlimm. Sie wissen, dass der Schritt, den Sie zu tun im Begriffe stehen, mit Verbannung nach Sibirien bedroht ist. Vorläufig gelten Sie noch als rasssiclier Beamter, der ״einer Augenoperation wegen nach dem Auslände reist.“ Durch diese Angabe erlangen wir auch überall die beste Herberge und Pflege.“ Nach mehreren recht starken Tagereisen kamen wir glücklich an und fanden wie überall in einer guten jiidischen Gastwirtschaft ein Unterkommen. Des anderen Tages ging mein Fuhrmann aui Erkundigungen aus, erfuhr aber bald von dem Ortsrabbiner, dass von meiner Familie und Verwandtschaft an diesem Orte kein einziges Glied mehr vorhanden sei. Vater und Mutter, das wusste ich ja, waren längst tot. Auch mein Schwager, mein einstiger Lehrer und Freund, war seinem Brustleiden erlegen. Seine Frau hatte wieder geheiratet und war mit ihrem Manne nach Amerika ausgewandert, auch die übrigen Anverwandten waren bald nachgefoigt. Jetzt entstand die Frage, wohin sollte ich mich ו i t i I i I \ s 4 .“£**•־* *; ׳יי*■׳*♦■*!**»..!