Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Fs war ein Rauschen im Blätterwald der sich für freisinnig haltenden Zeitungen, als hätte sich ein gewaltiger Sturm atifgemacht, um den Staub aufzuwirbeln, der sich über uralten Wahrheiten gelagert hatte, — ein Sturm, der das nahe Gewitter anzukündigen, schiene, das sich über der Schwüle entladen sollte. Zwar blieb der Sturm aus, aber das vermochte die Begeisterung nicht zu hemmen, die ihres gleichen nicht kannte, als nach dem zweiten Vortrage der deutsche Kaiser dem Professor die Hand drückte. Es war gar kein Zweifel: die neue Zeit ist angebrochen. Die Tontafeln hatten es bewiesen und der Kaiserliche Händedruck es bestätigt: ״Man darf sich über gewisse Dinge seine eigene Meinung bilden.“ י Wir, die wir selbst zu den Füssen Delitzsch als seine Schüler gesessen haben und sein grosses pädagogisches Talent nicht hoch genug zu schätzen wissen, waren uns zwar von vornherein klar, dass das grosse Publikuhi die Bedeutung des Vortrages und der Vorträge unendlich überschätzte und vor allem etwas ganz anderes heraus hörte, als der Professor vielleicht hinein gelegt wissen wollte, aber es wäre verkehrt gewesen, in den Lärm hiueinzuschreien, in dem Hammtirabi und Moscheh Rabbcnu in Rabbi Moscheh und Hamtnurabbenu verkehrt wurden. Wir halten überhaupt einen Freisinn fiir entsetzlich armselig, der erst der Auffindung und Entzifferung von Tontafchi und Täfelchen bedarf, um an der Offenbarung zweifeln zu dürfen. Das Ist ein Liberalismus, der sich an dem erloschenen Scheiterhäufen ,eines Gallilei wärmen möchte, sich aber sehr wohl hütet, dass nicht ein etwa zurückgebliebenes Fünkchen ihm ein Bläschen auf der Hand verursachen möge. Aber vielleicht war es etwas anderes, was dem Vortrag die Bedeutung verlieh. Kenner des alten Orients fanden nichts Neues in ihm ausser einigen neuen Irrtümcrn, und die Bedeutung beruhte also weit weniger auf dem Inhalte des Vortrages, als vielmehr auf dem kaiserlichen Händedruck.! ־* Nicht die Wahrheit wurde bejubelt, die man geiunden zu haben glaubte, sondern die Anerkennung durch die staatliche Autorität, die bisher rückschrittlichen Parteien als Deckmantel zu dienen schien. Die Zeit des grossen Friedrich schien wiederzukehren, wo zwar auch alles Ordre parieren musste, aber jedermann, wenn er nicht gerade im Ghetto wohnte, nach seiner lieber- Zeugung selig werden konnte. Ja sogar der Jude konnte auch damals seine Uebcrzeugnng ungestört für sich behalten, nur selig werden durfte er auch damals nicht. Die neue Zeit geistiger Freiheit, der Freiheit von einem hemmenden Offenbarungsglauben, war, wie es schien, durch Delitzschs Yortrag inauguriert, und er war der Apostel der neuen Geistesfreiheit. Leider währte dieser Traum nicht lange; denn der Brief Seiner Maiestät an den Admiral Hollmann sagte klipp und klar heraus, dass der Offenbariuigsglaube mit Unrecht von Delitzsch verlassen sei. Mit jenem Freiumte, der unserm Kaiser so schön ansteht, äusserte er sich über seine Anschauung und teilte durch die Vermittlung seincs Admirals seinem Volke aus den geheimsten Winkeln seinerSeele Anschauungen und Gefühle mit, die freilieh den von Delitzsch ja eigentlich bekämpften Offenbarungsglauben wieder einsetzten und zugleich ihn durch eine mystische Ausdeutung erst eigentlich religiös ausfegten. ״Daher ist meine Auffassung,“ so schrieb er, ״dass unser guter Professor hinftirder lieber die Religion als solche bei seinen Vorträgen in unserer Gesellschaft anzuführen und zu behandeln vermeidet.“ Mit diesem Worte des Kaisers war der neue Kurs zu Ende. Da kam der grosse Augenblick, wo die freie Wissenschaft kühn ihr Haupt erheben sollte, und wo wir erwarteten, dass die freie Forschung Männerstolz vor dem Königsthrone zeigen würde, und wir waren bereit, dem kühnen Gelehrten unsere höchste Anerkepnurtg zu. zollen, obwohl wir seine Thesen selbst in keiner Weise vertreten konnten. Aber der grosse Moment kam,, ohne dass die freie Forschung von der Freiheit Gebrauch gemacht hätte, die im Reiche Kaiser Wilhelms besteht. Das freie, frische Wort des Kaisers hatte etwas herzerquickendes selbst für die, welche ganz anders denken und fühlen, welche dem alttestamciitarisehen Stamme angeboren, von dessen Nimbus ruhig etwas verloren gehen dürfte; und wir durften erwarten, r r