Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 9 Jüdische Rundscdiau Seite 71. Freibars L B. Dass sich das Interesse am Zionismus auch ln ntchtiQdischen Kreisen regt, kam dieser Tage hier zu einem erfreulichen Ausdruck. Am 1!. Februar sprach in der s 0 z i a Iwissenschaftlichen Vereinigung der hiesigen Universität Ymd Zwar vor einer wesentlich christlichen Studentenschaft, Herr cand. iur. Hertel über den Zionismus. Der Vortragende entrollte ein sehr klares und objektives Bild dieser Bewegung, die er als einen ernsthaften Versuch zur Hebung der Lage des jüdischen Volkes darstellte und begrüsstc. Insbesondere bezeichnete der Vortragende die Hervorhebung des jüdischen Nationalitätsgedankcns im Zionismus als einen entschiedenen Fortschritt Auch in der Diskussion wurden sehr sympathische Stimmen fiir den Zionismus laut Widerspruch kam eigentlich nur von einer Seite, einer jüdischen natürlich. Bemerkenswert waren nur gewisse Aeusserungcn, die in der Diskussion fielen. Aeusserungcn, die es in Zweifel zogen, ob die Juden soviel Idealismus aufbrächten, als . nötig sei, um ein solches Werk zu vollbringen. Ich wurde nachdenklich — -• ja, das‘ist der springende Punkt K. et Mülhausen im Eisass. Der Anregung zionistischer Mitglfcder war cs zu verdanken, dass der Verein •für jüdische Oeschichte und Littcratur den Privatdozent Dr. Israel Friedl ä n d c r aus Strassburg einlud, um in Mülhausen zu sprechen. Der Vortrag entsprach den Erwartungen, die die Mülhauser Zionisten an ihn knüpften. Nationale Gedanken lagen dem Vortrage zu gründe und kamen in ihm zum Ausdruck. Viele, die noch zionistische Vorträge meiden, wurden cito, tuto et jucunde mit unsern Zielen bekanntgemacht. Zweifellos ist durch Herrn Dr. Friedländer die Zahl derjenigen gesunken, die unsere Bew’egung nicht kennen und ihr entgegentreten. Der hiesige Express schrieb über den Vortrag unseres Gesinnmigsgenossen nachfolgenden Bericht: ״Im kleinen Börsensaal sprach gestern abend vor ziemlich gut besuchter Vcr- Sammlung Herr Privatdozent Dr. Friedländer aus Strassburg über das Thema: ״Hebräisch als moderne Sprache“. Zu Eingang verbreitete sich Redner über die Entwickchmgsstufcn des Hebräi sehen und die beinahe 4000 Jahre zurückreichende Gcschichte desselben. Er grifi aus dieser Zeit speziell zwei Punkte heraus, nämlich: 1. die biblische Bedeutung und 2. die Bedeutung der Sprache zur Zeit der Periode, die sich auf der pyrenäischen Halbinsel abspicltc zur Zeit der muhamedanischen Herrschaft. Während der Vortragende den ersten Teil nur flüchtig berührte, weilte er längere Zeit beim zweiten Punkte, auf die damalige Zerstreuung der Juden nach Palästina, Holland, Polen etc. näher eingehend, ihre w׳eitere Entwickelung in Polen, das Ihnen besondere Rechte verliehen hatte. Als Ge« burtsjahr des Hebräischen als moderne Sprache nannte der Redner 1785, die Zeit der Uebersetzung der hebräischen Bibei ins Deutsche and •die Herausgabe der Monatsschrift זימאס ה in hebräischer Sprache durch Mendelssohn. Die aus Polen hach Deutschland gezogenen Juden hatten sich die deutsche Sprache bald angccignet, aber noch leichter das Hebräische vergessen. Doch trug die ausgestreute Saat in Russland herrliche Früchte. Bald wurde geschrieben über Astronomie etc. und bedeutende Schriftsteller gaben litterarische Werke in hebräischer Sprache heraus. Zur Zeit gibt es fast keinen europäischcn Schriftsteller, der nicht lns Hebrüische übersetzt würde. Im Verlaufe seiner weiteren •Ausführungen kam Redner noch auf die Bedcutung der hebräischen Sprache in der Littcratur, in der Journalistik, als Geschäftssprache und Korrespondenz, sowie als Umgangssprache zu reden. Das erste hebräische Wochenblatt wurde 1857 gegründet und jetzt existieren sowohl in Warschau als in Petersburg Tageblätter, die nur ln hebräischer Sprache geschrieben sind. Ausser ihnen gibt es aber auch noch andere Blätter ernsten Inhalts. In Galizien und Polen bestehen Geschäftshäuser, weiche nur hebräisch korrespondieren und ihre Geschäftsbücher nur in hebräischer Schrift fuhren. Dem Redner wurde für seinen interessanten freien Vortrag am Schluss um 10 Uhr durch Beifall der Dank der Ver- Sammlung zu erkennen gegeben.“ Hannover. Das Distriktsbüreau Hannover hat an samtliehe Synagogcngemeinden seines Distrikts folgendes Zirkular versandt: An den Vorstand der Synagogengemeinde zu X. Die Unterzeichneten beehren sich, Ihnen im Namen des ״Zionistischen Bureaus zu Hannover“ folgende Mitteilung zur geil. Kenntnisnahme zugehen zu lassen.' Seit dem Jahre 1897 besteht eine Organisation, welche auf eine Regeneration des jüdischen Volkes hinarbeitet und insbesondere anstrebt, den heimatlosen Juden auf dem Boden Palästinas eine ö f f e n 11 i c h - r e c h tlieh gesicherte Heimstätte zu errichten. Diese Bewegung ist unter dem Namen ״Zionismus“ bckannt geworden. Zur Erreichung dieses Zieles sind von den Zionisten vorbereitende Schritte unternommen worden, um Juden und Nichtjuden über die Bewegung aufzuklären und für diese £u interessieren. Es ist erreicht, dass von den in Betracht kommenden pol!- tischen Faktoren der Bewegung Interesse und Wohlwollen entgegengebracht wird und dass in allen Ländern seit dem ersten Kongress der Zionismus Anhänger und Mitarbeiter gewoitner. hat. zu kennen brauchte, In Verbindung, so weit überhaupt die Jüdengrenze reichte. Auf diese Weise sind Briefe an den Schreiber dieses nach Memel gekommen von Odessa, Jekatrinoslaw, Rostow am Don, ja selbst von der Halbinsel Krym; zwar unterwegs etwas unsauber geworden, aber doch sonst unversehrt; immer von jüdisehen Fuhrleuten vermittelt. Dabei sind diese Leute die ehrlichsten und zuverlässigsten Menschen von der Welt. Man konnte ihnen ruhig die grösste Geldsumme anvertrauen und durfte der besten Besorgung sicher sein. In den Jahren der Hungersnot 1867/68 wurden weit über eine halbe Million Mark an 230 Ortschaften mit vorzugsweise Jüdischer Einwohnerschaft in wöchentliehen Unterstützungen verteilt. Die Fuhrleute brachten das Qeld an die richtige Stelle und durch die Fuhrleute kam die Empfangsbestätigung zurück, mit Brief und Siegel versehen. Der Post vertrauten wir damals noch nicht einen Pfennig. Doch wir dürfen nicht allzu sehr abschweifen und müssen unseren Sunde! seine Lebensgeschichte zu Ende erzählen lassen. ״Mein Fuhrmann war ein vortrefflicher Mensch und in seiner Art auch ein gebildeter Mensch, denn er war in Bibel und Talmud wohl bewandert. Ich war sicher, dass ich mich ihm völlig anvertrauen und ihm mein Vorhaben mitteilen durfte. Obschon er mich seit Jahren gut kannte, hatte er doch, wie alle meine Glaubensgenossen am Orte, nicht die leiseste Ahnung von meinem Geschick und meiner Abstammung und war tatsäch* lieh der Meinung, dass ich meine Reise wegen der Augen unternommen habe. Als ich ihm nun mit den nötigen Aufklärungen meine Ansicht kundgetan hatte, da fiel er mir um den Hals und rief einmal über das andre: ״Ochinu atho“ (״du bist unser Bruder“). Eines solchen klugen und wclterfahrenen, dabei innig und ehrlich teilnehmenden Menschen war ich in meiner Hülflosigkeit sehr benötigt. Zunächst stellte er die Frage: ״Was ist der Grund, weshalb ich Sie gerade nach dem bezeichneten Orte führen soll, der zur Ausführung Ihres Vorhabens doch so wenig geeignet ist?“ s (Fortsetzung folgt.)