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Jüdische Rundschau · 1903-02-27 · Heft 9 (27.2.1903) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 9 (27.2.1903)
Date
1903-02-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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No. 9׳ Seite 70. ' Jiidi>i<?11e Ruadscliau. ־״׳־■•• ' * . ־■ P ' » * ־ " ' erkannte an, dass nnscre Bewegung es sei, die das Judentum unserer Tage wieder aufgcrflttelt habe. Auch sprach er in Ausdrücken höchster Bewunderung von Theodor Herzi und bezeichnete den Rabbinerprotest von 1898 als ein völlig verfehltes Vorgehen. Im übrigen jedoch glaubte e?r den Zionismus verwerfen zu müssen. Er teilte unsere Bewegung in das religiöse,' nationale und rein soziale Prinzip, ging allerdings auf die letzten beiden Punkte so gut wie gamicht ein und bekämpfte den Zionismus überhaupt nur von seinem Standpunkt als ‘Rabbiner aus. ״Er könne nicht umlernen,“ das war der Kernpunkt seiner Ausführungen. In trefilichen, von lang anhaltendem Beifall begleiteten Darlegungen trat unser, beim Besteigender Tribüne von der Versammlung lebhaft begrüsster, Dr. Bodenheimer dem Redner entgegen, ln schönen Worten sprach er von unserer Stellung zu den Rabbinern und von der *Stellung de*r Rabbiner zu uns und betonte, dass, wenn sich hier und da Reibungen gezeigt hätten, diese durch 1jenen von Dr. Samuel selbst getadelten Rabbinerprotest veranlasst worden seien. Auch Ridr. Jonas und Rfdr. Epstein traten unter lebhaftem Beifall dem Redner des Abends entgegen, der in seinem Schlusswort in vielen Punkten uns seine Anerkennung nicht vorenthielt. Der Erfolg des Abends dokumentiert sich am deutlichsten in den am folgenden Tage der zionistischen Vereinigung zugegangenen 1Bcitrittser- Klärungen. Köln. Es ist doch eine merkwürdige Tatsache, dass die Zionisten allerorten, speziell in Deutschland, dieselben Erscheinungen wahrnehmen. Das was hier seit Wochen beraten und geplant wurde, lasen wir in einem Berichte aus Mann* heim; dieselben Ideen, dieselben Ansichten über Propaganda und Agitation. Wir hatten nun letzten.Montag unseren 1. Jung- Jüdischen Abend im grossen Saale des ״Palasthotels“, und es soll gleich hier erwähnt sein, er ist in allen Teilen gelungen. Ein zahlreiches Publikum aus allen Ständen folgte den Darbietungen mit lebhaftem Interesse und gar mancher, der über den Zionismus vorher lächelnd die Achseln zuckte, ging mit einer anderen, bessern Meinung nach Hause. Nach der Bcgrüssung durch den Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer hielt Herr Goldreich einen kurzen einleitenden Vortrag über ״Zweck der Jung-Jüdischen Abende". Es soll die Aufgäbe dieser Veranstaltungen sein, jüdische Solidarität, bcrech* tigtes jüdisches Selbstbewusstsein dadurch zu fördern, dass wir die Kenntnis von allem jüdischen Wollen, von allem jüdischen Können, von allem, was die Jung-Jüdische Bewegung ln so reichem Masse hervorgezaubert In möglichst weite Kreise unserer Stammesgenossen tragen. Hierauf rezitierte Herr Koppel einige Dichtungen aus den ״Liedern des Ghetto“ von Morris Rosenfeld, die lebhaften Beifall fanden. Gerade Herr Koppel hat sich In diese stimmungsvollen Dichtungen so sehr hineingelebt, dass beispielsweise de« Vortrag des Gedichtes ״Sturm“ geradezu grandios war. Auch der gesangliehe Teil kain zu seinem Rechte. Lieder von Kantor Friedland — echt jüdische Weisen — trug Herr Samuel Goldreich recht hübsch vor und zum Schlüsse rezitierte noch Hofscliau- Spieler Teller einiges aus der heitern Welt und auch eigene Dichtungen, welche wahre Stürme des Beifalls entfesselten. Es sei noch des Klaviervortrages von Herrn Max Rosenthal gedacht, der den Herzl-Marsch wundervoll vortrug. Dass gemeinschaftliche jüdisch-nationale Lieder mit Begeisterung gesungen wurden, sei nur noch nebenbei bemerkt. Wir wollen nunmehr allmonatlich einen derartigen Jung- Jüdischen Abend veranstalten und hoffen damit einen weiteren Schritt in der Propaganda für’dcn Zionismus getan zu haben. In den nächsten 1-1 Tagen soll in Hagen L Weslf. eine Ortsgruppe gegründet werden. Die einleitenden Schritte hierzu hat Herr Daniel Trcu-Hagen übernommen. Mainz. Unsere beiden letzten Veranstaltungen galten der Vertiefung der zionistischen Idee. Am 21. Januar referierte Herr H. Bloch über He’rzls ״Altneuland“ und machte seine Zuhörer, von denen ein grosser Teil dem Zionismus noch fernstand, mit den leitenden Ideen dieses neuesten Werkes unseres Führers bekannt. Ein Teil des Referates erschien als Feuilleton im ״Mainzer Anzeiger“. Am 16. Februar sprach Asscsso'r Dr. Friede man n über jungjüdische Dichtungen. Eine ״jüdische Kultur“, so führte er unter anderem aus, habe im eigentlichen Sinne des Wortes bis jetzt nicht entstehen können, weil nur die nationale Einheit eines Volkes eine Gcsamtkultur hervorbringe. Dagegen habe sich seit etwa *10 Jahren eine neujüdische Dichtung entwickelt, die besonders in den letzten Jahren durch den Zionismus reich befruchtet wurde. Der Redner machte uns mit dem Werdegänge und den Werken der Dichter Morris Rosenfcld, Berthold Feiwel, S. Frag, Goldfaden, Perez, Ziocisti, Buher, Donath bekannt und brachte auch einige Gedichte der christlichen Vertreter jungjüdischer Poesie, Börries von Münchhausen und Dolorosa zum Vortrag. Reicher Beifall lohnte Herrn Dr. Friedemann für seine vorzüglichen ׳Ausfiihrungen. — Wir können mit Genugtuung ein stetiges Anwachsen unserer Mitgliederzahl konstatieren. ewig und unverlöschlich und ich werde dir die Treue bewahren bis an das Ende meiner Tage. Unsere Rinder werde ich auf das beste zu erziehen und ihr Herz mit Achtung und Verehrung für ihren Vater zu erfüllen suchen.“ Zitternd am ganzen Leibe tastete ich nach ihre Hand und als ich diese gefunden hatte, zog ich die edle Frau an meine Brust, hielt sie fest umklammert. ״Auch ich habe dich lieb, rief ich, dich und die trefilichen Kinder; aber du hast recht — ich kann und darf.nicht bei euch bleiben; mein Gott und mein Glauben rufen!“ ״Da wären wir ja einig,“ entgegnete sie tief bewegt, —* ״aber noch eins: Wenn dich der Schritt jemals gereuen könnte, wenn du hülflos und verlassen nach einer festen Stütze und treue Liebcspflcge verlangen solltest — so komme zurück: Hier ist dein Haus und dein Weib, denn ich glaube an die Rechtmässigkeit unserer Ehe; hier findest du jederzeit, was du suchst.“ Weiter konnte sie nicht sprechen, Tränen erstickten ihre Stimme und Worte. ♦ . % * ** > N Acht Tage später trat ich schon.meine Reise an. Ein jüdischer Fuhrmann hatte es unternommen, mich bis nach meiner ehemaligen Heimat liinzufüliren. Da ihm in entsprechender Wagen nicht zu Gebote stand, nahm er zu seinen beiden Pferdchen meinen eignen, leichten .11d gut ausgestatteten Korbwagen, und nach tränenreichem, herzbewegenden Abschied von den Meinen ging’s fort, fort auf Nimmerwiedersehen. Im Orte hatten wir ausgesprengt, ich wolle mich zu einer Augenoperation nach einer deutschen Universität — Königsberg oder Berlin — begeben, da Aussicht vorhanden sei, die Sehkraft, wenigsten des einen Auges, wieder zu erlangen. Mein Fuhrmann war eines jener Prachtexemplare seiner Gattung, wie sie ehemals, als es noch wenig Eisenbahnen in Russland gab und das gesamte Postwesen noch sehr im Argen lag, unter den russischen Juden vorzukommen pflegten. Auf hundert Meilen und weiter kannten sie Weg und Steg, einen jeden Ort und jedes Ktetschme (Schenke und Nachtherberge)', ebenso wurden sic überall gekannt und freundlich aufgenommen. Unter den Juden bestand ein eigentümlicher, eben durch diese Fuhrleute vermittelter Postdienst, der sich über einen grossen Tel! Russlands erstreckte. Bezüglich der Briefbestellung sind dem Schreiber dieser Vorkommnisse begegnet, welche die bekannte Findigkeit der heutigen Post weit in den Schatten stellen. Die Fuhrleute standen unter einander, ohne dass einer den andern

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