Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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*iÄW « »f Ho. 8 Jlidinclie I^u.ndi0ot1^11.. Seite 88 lind 'einen ünäbweisbaren Anspruch darauf zu wissen, wer tu Ihre Verwaltungskörpcr gewählt wird. Dies ersieht man daraus, dass der Vorstand den, Vorschlag gemacht hatte Herrn Benas Lewy In die Kommission zur Subventionierung von Religionsverclnen zu wühlen. Herr Landgerichtsrat von PI c s 8 n e r bezeichnete sich als den Urheber des Vorschlags. Man denke: Benas Lewy in dieser Kommission! Es entspann sich denn auch bei diesem Namen eine längere Debatte. Der Ausschuss III hatte ihn als Mitglied der Kommission abgclehnt und stellte :das Verlangen an die Versammlung, sich diesem Beschlüsse anzuschliessen. Herr Löwenberg verlangte merkwürdigerweise, dass nun Ober diesen Antrag in geheimer Sitzung beschlossen werden sollte. Er ist sich offenbar Ober den. Unterschied zwischen den öffentlichen und geheimen Sitzungen nicht genügend klar. Eine weitere Differenz entwickelte sich, als verlangt wurde, durch Zettelwahl fiber den Namen Lewy abzustimmen, wobei Syndikus Minden sein talmudistischcs Witztalent glünzend entwickelte. Während dieser ganzen Debatte war dauernd lebhafte Unruhe, aber nicht Wegen einer irgend wie vorhandenen Erregung, sondern lediglich durch die in der ganzen Versammlung herrschende Unkenntnis der Geschäftsordnung. Nachdem - nach Ucber- Windung der Schwierigkeiten die geheime Abstimmung endlieh vor sich gegangen ist. wird als Resultat verkündet, dass Herr Lewy abgelchnt ist. Herr Sachs wünscht eine sofortige anderweitige Wahl, zieht aber seinen Antrag zurück, als der Syndikus der Gemeinde. Liiienthal, den Wunsch ausspricht, dass das dem Vorstande überlassen bleibe, der gleichzeitig ausdrücklich der Repräsentantcnvcrsaimnlung das Recht zuerkenne, selbst zu wählen, ohne den Vorschlag des Vorstandes abzuwarten. Die andern Mitglieder der Kommission zur Subventionierung der Religionsvercine sind: Gch.-Rat Biumenthal, R.-A. Dr. Ignaz Cohn, Komm.-Rat Fricdländer, Prof. RIaschkc, Naumann-Alexander, Lewin und Lewinski; aus dieser Zusammensetzung ersieht man, dass die Ablehnung des Herrn Lewy nicht wegen seiner Parteistcllung gefallen sein kann. . . Voji allgemeinerem Interesse •wird die Versammlung, als die Kommission für das zweite Waisenhaus in Pankow׳ zu w'ählen ist. Oppenheim, der den Bericht gibt, weist im Namen des Ausschusses darauf hin, dass es wünschenswert wäre, wenn wenigstens 3 Mitglieder der Waisenhausiefjung angehörten, die auf dem Boden des. ״traditionellen“ Juden־ tums, ständen. Er halte es nicht für opportun, noch Mit- . glicder hineinzuwühlen, aber w׳enn man nicht drei Mitglieder ausloscn wolle, so bliebe nichts übrig, als zu den vorhandenen 6 noch fünf hinzuzuwählen. Eisner vom Vorstände widerspricht diesem Wunsche, indem er zugleich sagt; dass er nicht . wüsste, was traditionelles Judentum sei. Was vor 40 Jahren traditionell w׳ar, sei das Gegenteil von dem, was heute als .traditionell zu gelten habe. In Pankow׳ seien keine Verstösse ׳( gegen das jüdische Gesetz vorgekommen und man dürfe doch « bei der Wahl nicht danach sehen, ob einer mehr oder weniger örthodox sei. ihm sekundiert Landgerichtsrat Loewe, der behauptet, dass sie den Standpunkt des in Berlin traditioncilen. Judentums verträten. Dfc Wahl der Traditionellen . k-wffltc nur ais eine Art von Aufsicht aufgefasst werden. (Zwischenruf Isidor Sachs: .״Obcrscliammcs!") Der Zw׳eck des Waisenhauses sei lediglich und allein, dass die Kinder Handwerker werden sollten. Prof. B 1 a s c h k e. der bckanntllch als Liberaler gewählt, aber eigentlich viel mehr als mancher von den Konservativen Gewählte konservativ ist, fragt Oppenheim, wen er unter traditionell verstehe, etwa den, der die Tradition kenne und wünsche, dass sie von andern gehalten w׳erde. Es sei ein gew׳altigcr Unterschied zwischen denen, w׳clche die Tradition ..wissen und tun" und denen, die ״wissen und nicht tun". Der Ausschuss HI habe die Wahl nur an den Vorstand noch einmal zurückverweisen wollen, aber von einer Auslosung von 3 Mitgliedern sei nie die Rede gewesen. Oppenheim erklärt, dass die Qualität der Leute im Vorstand des Pankower Waisenhauses ihnen genüge, wenn es darauf ankümc. tadellose Ehrenmänner ' im Vorstande zu haben. Traditionell hicsse konservativ, und > sie wünschen, dass nicht nur Liberale in dem Vorstände ׳ des Waisenhauses sässen, denn sie sähen als Zweck nicht die Ausbildung von Handwerkern, sondern von Jüdischen Handwerkern an. Das sei noch immer keine Aufsicht. Loewe konstatiert, dass die Küche rm Waisenhause nach den Statuten eine rituelle, die Erziehung eine jüdisch-religiöse sein und die Anstellung der I.ehrer auf dieser Grundlage nach dem Statut des Hauses erfolgen solle. Davon sei man nicht abgewfchen. Blascbke sagt, dass wer wirklich liberal 8ef, denen die aus konservativem und gesetzestreuem Lager kämen, niemals diese Ueberzeugung durch eine Erziehung oder Abrichtung entreissen würde. (Nur schade, dass die wenigsten liberalen nach dieser Definition liberal sind. Red;) Blumenthal gesteht zu, dass in Pankow׳ die Jüdische Erziehung nichts zu würisdhen übrig lasse, konservativ seien die, welche von unsern Institutionen verlangen, dass sie auf dem Boden des gcsetzcstrcucr! Judentums verwaltet würden, auch w׳cn» sie selbst diese Gesetze nicht beobachteten. In einem andern Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde würden die Jüdischen Gesetze mit Füssen getreten, die Küche wäre nicht koscher und die Schüler würden gezwungen und beeinflusst, am Sabbat zu arbeiten. Es solle den Waisenkindern nicht nur eint• rcin-״ethische Kultur" eingeimpft werden. Loewe erwidert, dass die Lehrer der Waisenhäuser auf dem hiesigen jüdischen. Lehrerseminar vorgebildct würden. Er weiss offenbar nicht, dass die Vorbildung an dieser Anstalt allein genügt, um einen Mangel an jüdischem Bewusstsein argw׳öhnen zu lassen. Mit Recht tadelte Loewe die von Oppenheim ausgesprochene Furcht der Konservativen, sic möchten von jüdischen Ze'tungen angegriffen werden, w׳em1 sie nicht Mit Vehemenz auf• träten. Sie sollten doch ihre Pflicht nicht erst aus den etwa zu erwartenden Zeitungsartikeln lernen. Berlin beantragt Vertagung, wogegen BI a s c h k e sich wendet. Inzwischen war Herr Stern vom Vorstände gekommen und erklärte, dass er als Vorsitzender des Kuratoriums des II. Waisenhauscs selbst konservativ sei und dem Waisenhaus das Zeugnis ansstellcn könne, dass gegen das konservative Prinzip dort nichts geschehen sei. Daraufhin beantragt Geh. Rat B1 u ־ menthal Vertagung, die mit den Stimmen der Konservativen und des Herrn B c r! i n angenommen wird. Der Kuhhandel, wie sich der selige Sabor ausdrückte, kann nunmehr vor sich gehen. Es folgt die Besetzung des Vorstandes des Reichenheimsehen Waisenhauses. Es wird Wiederwahl vorgesehiagen. Nur an Steile des Herrn Julius Reichenheim. der aus der jüdischen Gemeinde ausgeschieden ist. # soll Herr Rosenheim gewühlt werden. Prof. B 1 a s c h k c richtet dabei an Biumentlsal das Ersuchen und wiederholt, als die Antwort ausblabt. seine Aufforderung, ihm zu erklären, ob es das Reichenhcimsche Waisenhaus sei, wo die Küche nicht rituell sei. und wo man die Kinder nötige, den Sabbat zu entweihen. Leider blieb ßlumcnthal die Antwort schuldig. Keine Miene verriet, dass er der Gefragte sei. Blascbke feierte einen mühelosen Sieg der Liberalen über die ״Traditionellen", als er konstatierte, dass also auch die Konservativen und Geh.-R. Blunicnthai zugäben, dass das Reichenheimsehe Waisenhaus in jüdischer .Beziehung n'chts zu wünschen übrig Messe. Also werden doch woh! die Zionisten genötigt sein, hier für das konsei vative Judentum eine Lanze zu brechen. Unmittelbar Schluss der öffentlichen Sitzung wurde die Glocke des sitzenden Immer gebieterischer, welche die schleunige ftrnung der Journalisten verlangte. Es wird gut sein, wenn diese sich von vornherein darauf cinrichien. ihre Garderobe gar nicht abzulegcn. Sie sollten doch wirklich merken, dass sic in der Sitzung von den alten Herren nur als 'unangenehme Aufpasser empfunden werden. nach Vor- Ent- Berlin. Der Verein ehemaliger Schüler der Knabenschule der jüdischen Gemeinde hält am Dienstag, d. 24. 2. 1903 prüz. 9 Uhr abends im Hotel zum König von Portugal. Burgstrasse 12. eine Sitzung ab.. Vortrag des Arztes Herrn Dr. C. S. Engel. Gäste willkommen. Die jüdische Arbeitcrkolonle in Wetssensee hat iti dem nun verflossenen 1. Jahre ihres Bestehens die Probe auf ihre Lebensfähigkeit und Notwendigkeit im günstigsten Sinne bcstanden; denn es sind im 1. .Iahre!2 067 Verpflegungstagc geleistet, wofür an Menge 5672 Mk. ousgegeben wurden, d. i. pro Kopf und Mann ca. 47 Pf. exel. Verwaltungskosten. Arbeitslolm wurde von den Unternehmern 577-1 Mk. bezahlt. Gegenwärtig ist die Kolonistenzahl 60. Es können jedoch noch viel mehr untergebracht werden, wenn sich genügende Beschäftigung finden möchte. Die Unternehmer finden bei billigen Löhnen. 70 Pi. pro Tag und niietsfreien Räumen, guten Nutzen. Es ist aus verschiedenen Gründen eine Vermehrung des Verwaltungsapparates erforderlich geworden, und hat sich deshalb am 8. d. M. ein Wohlfahrtsausschuss aus 8 Personen gebildet und zwar aus den Herren H. Auerbach, Max Blumenleid. Dr. Max Ginsberg, Sim. Hoffmann, Norb. Lachmann, Otto Pariser, Alb. Silberninnn. D. Struck, die sich unter dem Vorsitz des Herrn Oskar Tletz, Warenhaus Hermann Tictz, konstituiert und in diesen Tagen die Kolonie. Anlage. Einrichtung und Betrieb eingehend besichtigt haben. Nähere Auskunft erteilen die Vorsitzenden Herren Markus Adler, pcorgenstr. 462 und Moritz Roscnow, Rltterstr 87. auch Herr'Inspektor Behrendt In der Anstalt selbst, Wörthstr. 20, Telephon-Amt Weissensee, No. 192. Getragene Kleider. Wäsche, Schuh• zeug, wird höil. erbeten resp. abgeholt werden. if. Halberstadt. Am 15. d. M. beging der hiesige jüdische Turnvar ein, welchem zahlreiche Gesinnungsgenossen angehören, bei ungemein reger Beteiligung die Feier seines Stiltungsfestes. Nach eonem von einem Turner gesprochenen Prologe betonte der Vorsitzende des Vereins ln seiner Bc- ,! 4״ f mfp■ n •-׳’ j -