Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 36 Jüdische Rundschau, No. 5 b?halten bleiben, einer Zukunft, die ihre Aufgabe erkennen und erfüllen wird. Bis dabin handelt es sich darum, dass der Boden urbar gemacht wir.d, der eine Saat empfangen soll, die einst in fruchtbcladcnc Halme aufschicsscn kann. Auch hier gibt es genug zu tun. Als der französische Konvent im Jahre 1790 die Emanzipation aller Religionen beschloss, und somit auch den Juden Gleichberechtigung vor dem Gesetz bewilligt wurde, richtete . der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Paris eine Bittschrift an den Ausschuss der Versammlung, an deren Spitze Mirabeau stand, mit dem Ersuchen, man möge die Juden mit einer solchen Emanzipation verschonen, indem sie lieber leben wollten, wie ihre Vorfahren cs bisher getan- Ihnen rief der rcdcgewaltige Mirabeau, der Gonfalonicr der ncuerwachten Freiheit, die Worte zu: ..Nehmt immerhin das euch dargebotene Geschenk an; wenn nicht ihr. eure Kinder werden cs uns danken.“ Es ist ritte nie genug gegeisscltc Verkehrtheit aus dem Ghettoleben der Juden, dass sic sich am glücklichsten fühlen, wenn sie unbeachtet sind. Wieder findet man nicht den hinein ,Mut und die Festigekit, selbsttätig mit eigener Hand in das Geschick einztigreiten, das uns hereitet werden soll. Aber der heutige Mirabcau, der den Juden die Freihe:t bietet, wird besseres Gehör finden, es ist kein Geschenk, das von «aussen komm{. Misstrauen erweckend.?חסdem aus dem Kern des Judentums erwachsen, ein historisches Produkt aus dem eigensten Stamme erzeugt. Und noch etwas kommt hinzu: Schon macht stell auch im F.lsass ein Feind bemerkbar, der zwar noch nicht zu einer Macht geworden, aber nur von Kurzsichtigen vernachlässigt oder gar verachtet werden kann. Die Einrichtungen von Darkhnskassen für das Volk, die Massen importe von Artikeln aller Art, die beim Ackerbau Verwendung finden, die direkten Lieferungen von Bodencrzeugisscn au rechtsrheinische OrossfahFkanten. alle diese jüngst aufge- ' konftnenen Institutionen sind von'einem Geist eingegeben, det vor einem Dezennium im Eisass noch fremd war. Alle sind sie von der Tendenz getragen, da! Kleinhandel lahnmilcgen. mit anderen Worten, die Mittelperson. den ״Intcrmediaire", zu eliminieren. Hierin sind die Symptome einer wirtschaftlichen Entwickelung deutlich zu erkennen, die sich :11 anderen Ländern bereits vollzogen hat: immer zu ungunsten der Juden. ״ Also selbst in einem scheinbar so assiinüationsgiinstiget! und -fähigen Lande ist der Zionismus ״icht ״überflüssig“. Kein Totschweigen wird seinen Sicgeszug hemmen. Fs gibt mir ein Gift, das ihm schadet: die U n b i I cl tin g. ״ Wir wollen nicht der SfuvJ-n gedenken, die eine ganze Generation ihrem Gewissen atagobiirdet, indem sie dank einer grenzenlosen Uetätigkcit undunerhörten Gleichgültigkeit cs nicht verhinderte, dass nicht bloss unter den Juden im allgemeinen, sondern sogar unter KuUusbcaniten eine Unkenntnis über alles Jüdische herrscht, die tief bedauerlich. Wir woilcu nicht vergangene Unterlassungssünden rügen, wir wollen nicht gegen Felder der Alten Vorwürfe erheben, denn hier helfen keine massigen Klagen, hier helfen nur gründliche Reformen. . Es ist daher freudig zu btgrüssi־!!, dass der Eisass* Lothringische Rabbinerverband unter seinen mannigfaltigen Zielsetzungen nicht nur eine Verbesserung der materiellen Lage seiner Mitglieder erstrebt, sondern auch vor allem eine Forderung in sein Programm aufgenommen hat. die schon lange eine!nennende Notwendigkeit gewesen: für die Hebung der jüdischen Schule zu. wirken. Hoffen wir; dass dieser Verein, der die jungen «och ungeschwächten Kräfte unter den clsässischcn Rabbinern umfasst, dazu gelangen möge, seine anerkcmienswerten Bestrebungen in die Tat umzusetzen. dass die so ehren- V'erten Beschlüsse praktisch verwertet in der Welt der Wirklichkcit Verwendung finden, und nicht nach clsässischer Weise geschriebene Beschlüsse bleiben. Bis jetzt hat der Rabbinerverband Elsass-Lothringens noch keinen prinzipiellen Standpunkt dem Zionismus gegenüber geftussert oder nur erörtert, so wenig wie die einzelnen Rabbiner, aus denen er sich zusammensetzt, es öffentlich getan haben mögen. Es Ist kein Zweitel, dass es viele darunter gibt, die unserer Bewegung sympathisch gegemiberstohen. Dass es, im Eisass Rabbiner geben soll, die überhaupt vom Zionismus noch nichts gehört haben, müssen wir für eine Verleumdung halten. Aber auch das :st kein Zweifel. •Ja?« ״*•« Hauch von zionistischem Geist durch die Beschlüsse der. Rabbiner•Versammlung vom 3.02 .12״!) geht, man will oifenbar ein Ende machen mit dem Öden liidifferentisinus gegenüber den allgemeinen Interessen des Judentums, man will den stumpf und fühllos gewordenen Glie- (lern neues Lehen einflössen, man hat cs erkannt, «auch im Ausserten Westen Deutschlands: die Beschäftigung mit seiner Jx*hre. das Eindringen in (Jeu Geist des Gesetzes, das Frforschen seiner Geschichte und seiner Entwickelung zeigen uns ׳-. *) Der Artikel steht Raummangels halber schon länger als einenJ^onatJih Satz.,;.. -: ז das Judentum im rechten Lichte, erst dadurch können wir es j lieben und — erhalten. j Alle, die in diesem Sinne arbeiten, sie arbeiten alle für den ׳ Zionismus. Lucian Vierarm. Ein alter ״Offener Brief.“ Ein Brief an Dr. Abraham Geiger, Rabbiner an der Synagogcngcmcindc zu Breslau. von M. Hess, Verfasser von ״Rom und Jerusalem“. Köln: Mathicux 1863. Hochwiirdigcr Herr! Wenn Anschauungen und Tendenzen, die eine Zeit lang en voguc waren, im Verlaufe der stets fortschreitenden Zeit schal geworden, daun geschieht cs nicht selten, dass ihre Coryphäcn, um sich wenigstens auf Augenblicke wieder in ihrem che• maligen Glanze zu spiegeln, marktschreierisch ankündigen lassen, sie würden ״nächstens", wie Gott über die sündige Welt, zu Gericht sitzen, um die verirrte wieder in's rechte Gleise zu bringen; und es finden sich dann auch immer uoe;t einige alte Anhänger, nuelque vienx de la veiüc aus iiirer alten Garde, die ihnen auf's Wort glauben und die frohe Bot$e;1a:t weiter colpotiren. so Schrieb ein Mitarbeiter Ihrer Zeitschmt, Rabbiner W c e h s 1 e r aus Oldenburg, im Jini vorigen Jahres, kurz nachdem meine Schrift ״Rom und Jerusalem“ im Buchtiaiidc! erschienen war. an Rabbiner Hirsch in Luxemburg: ״Geiger will lüi c 11 s t c n s dem tollen Spuck zu Leibe gehen und ihn beleuchte n." Meine Erwartungen w׳aren nicht übermässig gross — wer die Geschichte der Literatur kennt, weiss. was er von solchen Verhtissungen zu halten hat ־- und da die «»gekündigte Geisterbeschwörung nicht erfolgte, so hatte .ich die drohende ״Faust in der Tasche", die mir gezeigt worden, längst schon vergessen, als mir vor einigen •Tagen das jüngste Heft Ihrer Zeitschrift mit der Bemerkung zugeschiekl wurde, ich sei von Ihnen ,rücklings angefalieii worden. Spät kommt Ihr. doch Ihr kommt, dachte ich, und durchflog die mir bezeichnete Abhandlung ״Alte Romantik, neue Reaktion." Ich hegte, w׳ie gesagt, keine grosseil Erwartungen. Aber das hatte ich dennoch nicht vermutlich dass Ihre ganze Polemik nur in einigen Schmähungen bestehen würde. — Ich war überraschtich gestehe cs. Am meisten überraschte mich Ihre Bemerkung, dass die Schritt, die Sie nicht zu bekämpfen, die Sie. gleich den Silphiden, nur im Davonlaufen zu besudeln wagen, den altjiidisehen Cultus mit einer Idee befruchte, vor welcher sieh die Vertreter desselben ״fein vorsichtig“ zurück ziehen. Die Orthodoxie, auch die ,kritikfeindliche, hat alle die Punkte, welche zwischen ihr und mir Schcidepunkte sind, frei, offen und ehrlich bekämpft; im Uebrigen hat sie meine Bestrebungen ebenso freimiithig anerkannt. Sie, hochwtir-!,Igor Herr, haben nicht, einmal den Math, die Punkte an- ־/luUuten. die Ihnen in meiner Schrift austössig erscheinen. Was Sie über Romantik und Reaktion sagen, ist ja lediglich eine Umschreibung dessen, was ich selbst über diese Riehturigen gesagt habe. Nur sind Sic dabei so schlau — die I.ist ist die Stärke der Schwächet! — einerseits zu verschweigen, dass Sie die Anregung und Anleitung zu Ihrer Abhandlung eirmn ..I ankerut gewordenen Schwindler“ verdanken, was ich Ihnen verzeihe - andrerseits unter den sjnonimen Bezeichnungen ״Orthodoxie. Gnnservatismus. Reaktion“ zwei wesentlich verschiedene Arten von Anhängern des altiildischcn Cultus, die historisch-kritischen und die kritikfeindlichen, in Eine Art zusammen zu schmelzen und mit allgemeinen Redensarten zu bekämpfen — eine unvergelbliche Gewissenlosigkeit, womit Sie nur Ignoranten hin- {ergeben können.* : Wahrlich, wenn frgctnl e״ 11׳Schwindel bnnkerut geworden“, so ist es der Refonnschwmdck der nicht mehr .7'־•