Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1903-01-30 · Heft 5 (30.1.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651289-2651295--00172-2656945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

•Suite 34 JUdiäeJte HundK0l»1». ־־־־ m ״״ ■■״״׳ ■״ ״,׳ י ■ י--; , —*—- Ko. 5 . . ״* ■ * י ihren Kindern dio Kenntnis der hebriiisehen Sprache zu entziehen. Nun, 80 krank ist das Judentum nicht! Nur scheint es den Ausson'stehenden manchmal so, als ob diese Zahl ״gewisser Kreise“ grösser sei, als sie ist, weil sie Geld und einen Teil der Presse in Händen haben, und zwar jene, die fälschlich Judenresse genannt wird und Pres so der getauften Juden eissen sollte. Aber wir weisen ein für alle Male zurück, dass das Provinzialschulkollegium zu entscheiden hat, was Judentum ist, und ebenso, dass die Städtische Schulkoimnission in dieser Frage mitzusprechen habe. Am allerwenigsten aber werden wir den getauften Juden und denen, dio es werden wollen, gestalten, für uns zu beurteilen, was Judentum ist.. Wir aber, dio wir im Judentum geboren sind und darin leben, und die wir einst in ihm zu sterben * gedenken, wir wollen unsern Kindern den Lebensnerv des Judentums, die hebräische Sprache, erhalten und überliefern, Beiträge zur Psychologie des deutschen Antizionismus. So möchte ich die Vorgänge bezeichnen, die sich in einer j Versammlung des Zcntralvcrcins deutscher Staatsbürger i jüdischen Glaubens in Breslau abspichen. Erst der dem Zionismus angeblich sehr sympathisch (״wat ick mir davor koofe,“ sagt der Berliner) gegenüber stellende Vorsitzende des Zentralvereius, Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz — dann die urteilslose Menge, die sich nie einen erlisten Gedanken über das Verhältnis von Judentum und Deutschtum gemacht hat, doch aber glaubt, in jüdischen Dingen mitrede:!! oder zumindest mittoben zu dürfen, — schliesslich de! hurrahpatriotische junge Theologe als Ver> tietcr deutsch-nationaler Jugend, ״die der Antisemitismus noch nicht so weit gebracht hat, dass sie darüber ihr Deutschtum Vergüssen.“ Von Zionisten war cingewendet worden, der Verein habe fälschlich in seinem Namen ״jüdischen Glaubens" stellen, da er auch viele Leute umfasse, die nichts glaubten, was auch Herr Dr. Horwitz in seiner Einleitungsrede gesagt hat. Dafür sind genügend Zeugen vorhanden, auch wenn di.* Redner es nachher bestritten,*) als die Konsequenz gezogen * Ganz ähnlich war cs der Fall, ln der vom Zentralverein in Berlin s. Zt. nbgehaltcnen Akademikervcrsammhmg. in der Dr. Locwe den Rechtsanwalt Horwitz auf seine Aeusscrung fcstnageltc. Er bestritt sie nachher nicht. (Die Red.) "wurde. Natürlich sollte-damit gesagt werden, dass־ der Zentrnlvcrcin eigentlich seinen Namen ändern müsste, Herr Dr. Horwitz, der recht viele Zionisten und sehr gut den Zionismus kennt, behauptete daraufhin, wir Zionisten woltten weiter nichts, als ein Ketzergericht errichten, und die, die über einen gewissen linken Standpunkt hinausgingen, fcrnhaltcn. Das sollte der Zionismus wollen, der doch gewiss alle u m f ns s t, w a s s i c auch immer.glauben oder nic 111 glauben mögen, wenn sjenur Juden sind? Aber Herr Dr. Horwitz kannte seine Zuhörer wohl. Sic brüllten ihm Beifall. Als Herr Dr. H. meinte, dass der Zcntralverem nicht danach frage, welchen religiösen Standpunkt einer annehme, wenn er sich nur als Jude bekenne, da war alks still. Als aber ein Vertreter des Zionismus vorher dasselbe behauptete, nur mit anderen Worten, es gäbe auch Juden, die nichts mehr glaubten, da tobte die Menge und ein Herr vom Vorstandstischc schimpfte sogar, seine Stellung ganz vergessend. Und als die Zionisten rügten, dass in dem Aufruf des Zentralvereius gesagt sei. er stehe fest auf dem Boden deutscher Nationalität,*) wusste der Vcreinsvorsitzende davon garnichts. Er drehte und wand sieh, und als er cs dann schwarz auf weiss sah, sagte er schliesslich: Jeder g c It ö r c zu der Nation, zu der er w ol I c. Er vergass nur hinzu/.ufügen: ״und die ihn wolle" (wenn man üt erhrntpt eine solche Auffassung gelten lassen kann). Wie wild geberdeten sich auch die verschiedensten Zcntralvcrei::- Icr, als von uns behauptet wurde, es wäre doch sehr schade um manchen, der uns durch die Taufe verloren ginge. Herr Dr. H. batte vorher das Gegenteil behauptet und unterlies« dann, noch einmal darauf cinziigchcn? Jedenfalls wurde nach der zweiten Rede dieses Herrn die Diskussk-n geschlossen, so dass ihm nichts mehr erwidert werden konnte. Zum Schluss hatte er noch seine ganze ..sympathische" Stellungnahme (siehe oben) gegenüber dem Zionismus betont, warf nur immer wieder so ganz nebenbei den Zionisten ihre Jugend vor, Ms schliesslich einem von ihnen, der nicht gerade der jüngste war. die Geduld cttsgmg und er in den Saal hinein rief: Alter schützt vor Torheit nicht! Hei, wie die Herren tobten, dass man einigen von ihnen so die Wahrheit zu sagen wagte. Aber wie sie Vorher gereizt hatten, das übersahen sic ganz. Es kam dann zur Gründung einer Zentral Vereins- Ortsgruppe. Bei der Vorstands wähl für diese kam *) Das tun die Herren aus dem Osten, die den Mangel des Deutschtums gar zu sehr empfinden,, nicht mehr wie gern. Wir Westelbischen haben das nicht nötig. (Die Red.) Bilder aus dem russischen Reichsghetto.! Sun de 1 der Rossarzt. Wir hatten unsere Umgebung glauben gemacht, dass wir uns nur wenige Werst vom Orte ansiedeln... wollten. Allein mit allem Notwendigen ausgestattet, ging’s immer weiter und weiter Tage- und Wochenlang — ein solcher Verzug ist ja bei der wanderlustigen Bevölkerung Russlands nichts aussergewöhnliches — Kiew war unser ursprüngliches Reiseziel, wir kamen aber nicht, so weit. In Priluki gefiel es uns so gut, dass wir beschlossen, daselbst zu verbleiben. Ein zu Wohnung und Geschäftsbetrieb auf das beste geeignetes , Anwesen, das wir anfangs mieteten und später ankauften, war bald gefunden. Meine bcinviegerniuüer wcüte wieder ein Schankgeschäft eröffnen; allein das gab ich nicht zu; meiner Frau wegen —, die im Geschäft hätte mithelfen müssen. Sie sollte sehen, dass sic einen Mann besitze, der, obgleich erblindet, die Macht besässe, für sie in auskömmlieber Weise zu sorgen und zu arbeiten. Es dauerte auch gar nicht lange, da hatte ich die ausgedehnteste Praxis, die sich fast über den ganzen Kreis erstreckte. Besonders unter den ehemaligen Glaubensgenossen, die dort schon stark vertreten smd und fast die Hälfte der Stadtbevölkerung ausmachen, hatte ich viele Kunden, die aber merkwürdigerweist.־ keine Ahnung davon hatten, dass ich von jüdischen Eltern abstamme; sie, die doch schon unter Millionen den Glaubensgenossen herauszufinden wissen. So lebte Ich zwölf volle Jahre in glücklickster Ehe, geachtet und vermögend und Vater von zwei prächtigen Kindern, eines Sohnes und einer Tochter. Der einzige schwere Schlag, der uns betroffen hatte, war der Tod der Schwiegermutter, die kaum sechzig Jahre alt nach kurzem Krankenlager an einer Lungenentzündung verstarb. Es war, als ob mit dieser Frau der gute Genius von uns gewichen wäre. Die Ruhe, der Friede, das Glück woÜte nicht mehr so ständig und alltäglich bei uns einkehren wie ehemals. Bisweilen sah es ungemein traurig und trübselig bei uns aus; ich kamt niemand darob anklagen, wie mich selbst. Meine eigne grübelnde Natur hatte diesen unseligen Zustand herbeigeführt. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.