Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8 Jüdleohe Rundschau. . . ־- > * . . *.״s . * ״ - * )Seite 18 Kopenhagener Brief! 1 ■ . Der *Indifferentismus, Jenes das Jüdische Volkstum in Dänemark zersetzende Gift, vielleicht ein grösserer Feind des Judentums, als unser deutscher Antisemitismus, der es gegen seinen Willen konserviert, hat den ersten kleinen Stoss er• litten. Nach einer )Reihe privater Besprechungen fand an einem Abende der .vorigen Woche im Hause unseres Gesinnungsgenossen, des hiesigen Arztes Dr. Louis Fraen- ~kel% eine kleine Versammlung von geladenen Herren statt, in der Schreiber dieser Zeilen Gelegenheit hatte, in einem ausführlichercn Referate ein Bild zu entrollen von der historischen Entwickelung des Zionismus, dessen viel verkannten und deshalb fälschlich befehdeten Ziele und der bisherigen praktischen Wirksamkeit. Die Leser der ״Jüdischen Rundschau", die ja wohl alle Gelegenheit gehabt haben, in mehr oder minder ausgedehntem Massstabc für die Ausbreitung unserer Ideen zu wirken, werden sieb ungefähr einen Begriff von den Schwicrigkeiten ihrer Kopenhagener Mitstreiter machen können, wenn sie daran denken, dass Dänemark nicht mir auf dem Papier das Prinzip der Gleichberechtigung kennt, wenn sic ferner hören, dass unter den 3000 Juden Kopenhagens, sage und schreibe, zwei eingeborene Zionisten leben, wenn ich ihnen weiter erzähle, dass oinc Agitationsschrift in der Landes- Sprache bis dato noch nicht existiert, dass vielleicht die Halite der gesamten Judenheit das Wort ״Zionismus“ zum ersten Male hört, ein anderer grosser Teil seine diesbezüglichen j Kenntnisse aus dem tiefen Born der deutschen politischen und! Jüdischen gegnerischen Presse geschöpft hat, der geringe, ] halbwegs informierte Rest-schweigt, und dass fast alle j — tout comme chez nousl -- das Wort ״Jude“ in christlicher Umgebung so leise als möglich aussprechen. Der oben erwähnte Abend verlief, wie er verlaufen musste. Eine 2’vständige, angeregte Debatte, in der sich Rabbiner Dr. G o Iteln, auf den Standpunkt des Nationaljudcntums stellte und recht sympathisch über die zionistische Bewegung aussprach, in der aber auch Stimmen laut wurden, nach welchen nicht nur das Wort Zionismus, sondern schon die Bezeichnung ״jüdisch" im Namen des ev. 7.u gründenden Vereines die beste Garantie ‘dafür sein durfte, dass kein Kopenhagener Jude denselben durch Mitgliedschaft und propagandistische Tätigkeit unterstützen würde, kam man zu dem Resultat, in einem hiesigen Jüdischen Verein (d. h. einem Verein mit Jüdischen Mitgliedern) einen Vortrag über Zionismus zu annoncieren, welchem Beginnen, wie von einem anwesenden Vorstandsmitgliede versichert wurde, durchaus nichts im Wege stände. Zwei Tage darauf wurde die Zusage nach berühmten Mustern zurückgezogen und wiederum 2 Tage später war die ״Dänischc zionistische Vereinigung in Kopenhagen“ eine vollendete Tatsache. Zehn ganze Mitglieder zählt unser neuer Verein, dänische, russische, ungarische, deutsche Juden In friedlichem Beisammen. Ein recht schwacher Erfolg, wird der Leser denken, aber bei den hiesigen Ver- ־ hfiltnlssen doch ein Erfolg, da der organisierten Gruppe ein bedeutend grösseres Wirkungs- und Kampfesfeld offen steht, als dem Einzelnen, zumal eine grössere Anzahl dänischer Herren ihr Erscheinen an den Vereinsabenden zugesagt haben, um sich durch Lektüre und Vorträge Über die Bewegung zu informieren. Nun, und wir hoffen, trotz all׳ der Schwierigkeiten, —* muss doch die Diskussion bis auf weiteres deutsch geführt werden ־— recht bald von günstigen Erfolgen berichten zu können, zumal eine Uebcrsetzung von Nordatts ״Zlonismus“ durch Dr. L. Fraenkel in Vorbereitung ist. Doch nicht einseitig! Man glaube bei Leibe nicht, dass das Jüdische Leben In Kopenhagen schläft. Im Gegenteil! Es existieren am Orte 2 Vereine, die sich ausschliesslich — laut Programm! — mit jüdischer Litteratur, Geschichte, Sprache, Talmudstudium, Koloiiisationsbestrebungcn ctc. beschuftigen und die eine grosse Anzahl von Mitgliedern zählen, die aber in der Hauptsache im Stillen wirken und als abgesagte Feinde von Vereinsmeierei sich nur passiv am Leben desselben durch ihr Nichterscheinen betätigen, in dieser Hinsicht aber fast ausnahmslos in geradezu aufopfernder Weise. | Es floriert weiter ein dritter Verein, sogar mit dem Worte ״mosaisch“ im Schilde, der die an und für sich gewiss recht löblichen Zwecke verfolgt, die hiesige Judenschaft vor Mischeben und Taufen zu bewahren, diese Ziele aber ausschliesslich dadurch zu erreichen versucht, dass er seine Mitglieder, speziell deren jüngeren weiblichen und männlichen Nachwuchs 7—S mal im Jahre abwechselnd durch Smörbrod und Tanz resp. Tanz und Smörbrod in den Geist des Judentiims intensiver eindringen lässt. Bei hochofnzicilen Gelegenbeiten wird auch geistige Nahrung in Gestalt von Vokal-, und Instnimcntalvorträgcn und mimischen Darbietungen prösentiert, und es lässt sich nicht leugnen, dass sich gerade diese Abende eines bedeutend grösseren Besuches zu erfreuen haben, was allerdings - ein boshafter, uns natürlich fernstehender Spötter auf den Umstand zurückführcn zu können glaubt, dass es bei solchen Gelegenheiten-warmes Abendbrot gibt.. '; : ־ Von welch’ verderblichem Einflüsse der Indifferentismus der hiesigen Juden auf den Jüdischen Volkskörper selbst Ist, dafür als besten Beweis die grosse Anzahl von Mischehen und deren Folge, dip eigene Taufe oder die der Kinder, Momente, die trotz des grossen Zuzuges ausländischer Juden, speziell aus Russland, nach Kopenhagen die Gesamtzahl der hiesigen Juden seit vielen Jahren auch nicht um das Geringste haben anwachsen lassen. Diese traurigen Zustände — es .Eines Tages war sie naeJt der Stadt gegangen und kam gegen Abend mit der überraschenden Nachricht zurück: ״Ich habe mein Grundstück verkauft. Wir ziehen fort aus dieser Gegend. Anderwärts kannst Du auch Deinen Beruf als Tierarzt und Feldscher ausüben. Du kannst damit nicht nur dein Brod verdienen , das verlorene Sehvermögen wird dich daran nicht gross hindern — du wirst auch in der Ausübung deiner Kunst die verlorene Ruhe und Heiterkeit des Gemüts wiedergewinnen.“ fAeinc Schwiegermutter hatte das Anwesen mit Schankgerechtigkeit für 13000 Rubel verkauft. 8000 Rubel wurden bar ausbczahlt und 5000 als Hypothek auf den Namen ihrer beiden Söhne eingetragen, die mit dieser Anordnung vollkommen zufrieden gestellt waren. Auch aller sonstige Besitz wurde zu Gelde gemacht und wir setzten uns auf unseren hübschen Einspänner, meine Frau kutschierte und fort ging’s in die weite Welt hinaus. . . (Fortsetzung folgt.) Litteraturberich't. & VA (Bücher der elnsch agigen Littetatur. welche der Redaktion *ugesandt werden, linden eingehende Besprecnung.) סססססססססססססססססססל) Lazare, Bernard: Die Juden in Rumänien. Autorisierte deutsche Uebcrsetzung. Berlin: H. S. Herrmann 1902. I Mk. Es ist in letzter Zeit ziemlich viel über die entsetzliche Notlage der Juden In Rumänien gesagt und geschrieben worden. Leider noch immer nicht genug. Von gegnerischer Seite wird Jede Gräueltat und Jeder Mord an Juden mit dem Mantel der Liebe zugedeckt. Jjizare geht nicht auf die gemeinsten Roheiten ein. die an den Juden verübt werden, und doch ist das, was er berichtet, ein viel ärgerer Hohn auf die Lehre von dem humanen Jahrhundert und der europäischen Oerechtigkcitslicbe als selbst die Unterdrückung der Buren und die Raubzüge einer gewissen osteuropäischen Macht In Ostaslen. Nur dürfen wir uns nicht einbilden, dass ein Protest irgend etwas bessert. Uns hilft nicht das Vertrauen auf die Gerechtigkeit und Menschlichkeit ־— denn dann wären w*r längst ein freies Volk — sondern nur eine Rückkehr ins Judentum und JudenlancU