Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1903-01-09 · Heft 2 (9.1.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651289-2651292--00145-2656915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite%10״ No. 2 Jüdische Rundschau. diert, sie findet die ausgedehnteste Verwendung auf allen Gebieten des praktischen Lebens und doch ist uns das wahre Wesen der Elektrizität ein Rätsel, und wir vermögen keine scharfe Definition für diesen Begriff zu finden. Besässen wir die peinliche Gewissenhaftigkeit unserer Gegner, die die Praxis nur von streng wissenschaftlich festgelegten Begriffen abhängig machen wollen, wir müssten die praktische Anwendung der Elektrizität aus unserem Kulturleben sorgfältig eliminieren. Im allgemeinen aber sind die Menschen zu vernünftig, um das zu tun, weil sie wohl zwischen einem Mangel ihres Erkenntnisvermögens einerseits und der Unvollkommenheit resp. Nichtexistenz der Dinge anderseits unterscheiden können. Ebenso verhält es sich mit dem Rasseproblem. Jedes Kind weiss, dass es Menschcngruppen mit Verschiedenheit der Kopf- und Ge- 1 sichtsbildung, des Wuchses, der Haare, der Hautfarbe, | der Intelligenz, des moralischen Empfindens u. s. w. gibt, j Dass wir über das W esen und die Gesetze dieser Er-! scheinungen nur unvollkommen informiert sind, liegt j nicht daran, dass diese Dinge aus der Luit gegriffen j sind, sondern daran, dass sich der menschliche Intellekt j der Schwierigkeit des Problems noch nicht gewachsen j gezeigt hat. Unwissenschaftlich aber dürfte der den- ן ken, der reale Tatsachen infolge eines Mangels an j genauen wissenschaftlichen Begriffsbestimmungen aus j unserer Betrachtung, aus unserem Tun und Wollen aus-! geschieden wissen will. j Das aber tun jene Herren, wenn sie die Schwierigkeit der wissenschaftlichen Klärung der jüdischen Rassenfrage für sich dahin ausnutzen, dass sie die zahlreichen, für die Existenz der jüdischen Rasse sprechenden Momente einfach ignorieren, um nicht ihr Dogma, von dem rein religiösen Charakter der jüdischen Gemeinschaft erschüttert zu sehen. Wenn sie sich über Uebertreibungen der Rassetheorie seitens ihrer Gegner beklagen, so verfallen sie mit ihrer gänzlichen Ne- > gierung offenkundiger Tatsachen in den entgegengesetzten Fehler. Ihre Lehre von dem allein religiösen Zusammenhang der Juden gleicht einem Kartenhaus, das jeder stärkere Windstoss umblasen kann. Sie darüber zu belehren, dass neben der religiösen noch andere gemeinsame Merkmale für die Juden bestehen, das kann niemandem im Ernst zugemutet werden. Es sei nur darauf hingewiesen, dass man gerade in den Kreisen, die theoretisch die Lehre von den Rassemmterschieden am heftigsten bekämpfen, häufig eine gewisse Genugtuung empfindet, wenn die eigene Person die jüdischen Rassenmerktnale wenig oder gar nicht aufzuweisen hat, womit man indirekt das Bestehen der letzteren Im allgemeinen zugibt. Wir würden wenigstens, so heftig wir auch die auf Entnationalisierung und Abstreifung jüdischer Rasscnmcrkmalc gerichteten Bestrebungen bekämpfen müssen, an die Ehrlichkeit unserer Gegner glauben, würde man einfach das Bestehen der Rassenfrage zugeben und den Wunsch äussern, durch Taufe, Verinischung n. s. w. den jüdischen Rassencharakter und weiterhin die jüdische Nationalität zu beseitigen. Aber einem Manne der Wissenschaft, der ohne eine judenfeindliche Absicht das jüdische Rassenproblem studiert, mit derartigen leeren Redensarten wie der von der ״blossen Religionsgemeinschaft“ erwidern, das heisst unsere Wahrheitsliebe gegenüber der nichtjiidischen Welt in ein zweifelhaftes Licht setzen. Herr Dr. Riegcr und Gesinnungsgenossen legen ja einen hohen Wert auf die Meinung der Antisemiten, denen angeblich die Zionisten mit ihrem Nationalprinzip Vorschub leisten. Er scheint aber keine Empfindung dafür zu besitzen, dass seine jämmerlichen und von starker Ignoranz zeugenden Entgegnungen, falls sie als Aeusscrungen der jüdischen Gesamtheit aufgefasst werden, uns der berechtigten Verachtung auch der uns freundlich gesinnten Nichtiudcn aussetzen müssen. Um einer solchen Komproniittierung des Judentums vorzubeugen, halte ich es für die Pflicht aller ehrlich denkenden Juden, laut und feierlich zu erklären, dass zwischen ihnen und jenen Leuten, die Nationalität und Rasse äusserer Vorteile wegen verleugnen, keine Gemeinschaft besteht. Denen aber, die in ihrer Stellungnahme noch schwanken, rufen wir zu: Ein Streben nach Rassenvennisehiing wäre, wenn auch vom jüdischen Standpunkt nicht entschuldbar, so doch einigermassen begreiflich, wenn ־das deutsche Volk uns mit offenen Armen entgegenkäme. Der Wunsch nach Verbrüderung, der, von der starken Majorität ausgehend, von Grossmut und Edelsinn zeugen würde, wird zur schmählichsten Selbsterniedrigung bei der Minorität, wenn ihr Entgegenkommen von der Gegnerseite eine andauernde brutale Zurückweisung erfährt. Wartet nicht erst, bis die Wissenschaft durch Schädehnessungen die Rassenunterschiede begründet hat, wartet nicht erst, bis euch antisemitische Eusstritte in unser Lager gctrieben haben, sondern zeiget der Welt, dass das alte Volk Israel, das die Makkabäer und einen Bar Kochba 2 Litteraturbericht. P (BQchcr der einschlägigen Lilteratur, welche der Redaktion zugefl sandt werden, finden eingehende Besprechung.) Zlocisti, Theodor: Vom Heimweg, Verse eines Juden. Brünn: Verlag der Jüdischen Volksstimtnc. 1903. (81 S.) 8’. Wenn jemand Verse drucken lässt, so ist das in meinen Augen ein Indiz gegen seine dichterischen Fähig-! ketten. Eigentlich begreife ich noch immer nicht, wie ein wirklicher Dichter es über sich bringen kann, fremden Leuten gegenüber über seine intimen Beziehungen zur Muse indiskret zu sein. — Ich nehme Gelegenheitsdichter wie Goethe aus, — aber ich bilde mir ein, wenn es schon so viele schöne geschriebenen Gedichte gibt, wie wunderbare ungeschriebene Dichtungen muss es geben. Ar״ Ende bedeutet die Erfindung der Schrift und des Druckes gar keinen Fortschritt für die Dichtung, und der grösste Dichter unserer Zeit kann vielleicht weder lesen noch schreiben. Nun habe ich da ein Buch eines Juden, der Verse macht und doch Dichter ist. Die Verse sind hübsch und grimmig, und der Autor erreicht, was er will. Bei der Lektüre seiner Verse wird der Gedanke und wird das Gefühl, das ihren Schreiber beseelte, angeregt und es entstehen tausend und abertausend neue und grimmige Gedichte. — Es sind Lieder aus der Postkutsche, — in weiter Ferne winkt die. schöne Heimat; wie munter sind wir in die Kutsche gesprungen, — soll es doch endlich aus der finstern nordischen Pension in die sonnige, heitere Heimat gehen, — und nun, da uns doch jeder Meilenstein näher bringt, — merken wir bei jeder Raddrehung, wie weit es doch ist, scheint uns der Weg sich ins Unendliche zu dehnen. Und wenn es nur der Weg wäre, — die notwendige Reibung der Räder, — aber diese unausstehlichen Barrieren, Akziseeinnehmer, Wegelagerer, Bettelniönche, böswillig weissagenden alten Zigeunerweiber, — diese in den Weg geworfenen Knüppel, diese Kindsköpfe von Mitpassagieren, die. den Postillon stören. — es kann uns zur Verzweiflung bringen. Wir brechen in hellen Zorn aus und fluchen und schimpfen und dichten. — Die Muse Zlocistis ist der Ingrimm und der Aerger, — und das ist nicht so übel! «■*^***sar**?'* »> •־ - “ > -* * “

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.