Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die von Mommsen propagierte Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft scheint auf antizionistischer Seite nicht volle Billigung gefunden zu haben. Das von unseren Gegnern im politischen Kampf mit dem Zionismus bisher verfochtene Prinzip, die Wahrheit irgend welchen Zweckmässigkeitsgründen unterzuordnen, wird nämlich, wenn auch nicht so offen cingesianden, auch auf das Gebiet der Wissenschaft übertragen. Man wünscht, dass die Ergebnisse der anthropologischen Forschung nicht zu einer Bestätigung der auch von Antisemiten vertretenen Rassentheoric führen und dadurch zu einer Waffe In den Händen derselben werden. Daher haben die objektiven Ausführungen des Anthropologcn Heinrich Dricsmans über die jüdische Rasse unsere jüdischen Gegner zu Vcrlcgcnheitssprungen veranlasst, die belustigend wirken könnten, wenn sie nicht für das Judentum tief beschämend und geeignet wären, uns in der Achtung aller ehrlich denkenden Nichtjuden herabzusetzen. Herr Dr. P. Ri eg er z. B. sucht die Existenz der jüdischen Rasse durch den Hinweis aut das Nichtvorhaudensein einer katholischen Rasse abzutun. In der ״Allgemeinen Zeitung“ des Judentums vom 12. d. M. ist nun eine Zuschrift enthalten, aus der ich einige Sätze viedergeben möchte, weil sie so erbarmlieh und konfus sind, dass sie niedriger gehängt werden müssen. Nachdem der Einsender sich auf Virchow bcrufen hat, der sicherlich eine derartige flache Behänd- Iung des schwierigen Rassenproblcms nur mit einem ironischen Lächeln bedacht haben würde, fährt er weiter fort: ״F.s stehen sich hier zwei Grundanschauungen diamentral gegenüber. Darum sind alle Versuche, uns eines besseren zu belehren, vergeblich, so lange nicht feststehende Resultate positiver Wissenschaft hierzu zwingen. Wohin diese Rassentheorien führen, das zeigt uns ja recht anschaulich die Erklärung des Prof. Busse in seinem Buch über Philosophie und Naturerkenntnis: ..Ich bin nun einmal nicht Mitglied der Menschheit überhaupt, Weltbürger, sondern Mitglied meiner Familie, meines Volkes, meiner Rasse.“ ״So traurigen Verirr urigen gegenüber bleibe ich dabei, dass Herr Dr. P. Rieger völlig im Recht war, wenn er Herrn Driesmans und dessen Anhängern, dessen Objektivität weder er noch ich je bezweifelt, auf das bestimmteste erklärt, dass wir keine Rasse in dem nun einmal gebräuchlichen Sinne des Wortes sind, sondern vielmehr eine Religionsgemeinschaft, die auf Humanität, Gottesverehrung und Menschenliebe begründet ist.“ Der Leser mag Zusehen, ob er sich aus der Religionsgemcinschaft mit dem angehängten Relativsatz eine Rasse im nicht gebräuchlichen Sinne des Wortes konstruicrcn kann. Da sich nun bei dem Einsender neben einem Mangel an logischem Denken auch ein gewisser Trotz gegen eine Belehrung geltend macht, so sollen diese Ausführungen keine Antwort auf seine Worte sein, sondern nur der prinzipiellen Erörterung dieses wichtigen Gegenstandes dienen. Angenommen, dass das Verhalten der Juden tatsächlich von der wissenschaftlichen Begründung der Rassentheorien abhängig wäre, so sei hier nur kurz versichert, dass die anthropologische Forschung durchaus mit dem Bestehen einer jüdischen Rasse rechnet, und dass auch Virchow, in dem erwähnten Zusammenhang zitiert, arg missverstanden worden ist Man blicke doch nur in Virchows ״Beiträge zur physischen Anthropologie der Deutschen“, tmd man wird erkennen, wie eifrig der grosse Meister an einer Wissenschaftliehen Gruppierung der verschiedenen Rassen arbeitete. Kann aber eine wissenschaftliche Begründung der Rassentheorie überhaupt für unser Verhalten die Bedcutung beansoruchen, die man ihr zu geben bemüht ist? Diese Frage dürfte noch berechtigter erscheinen, wenn man sich den Wert und die Grenzen uaturwisscuschaftlichcr Erkenntnis im allgemeinen vergegenwärtigt. Eine solche bestellt darin, dass wir für das Vorhandensein, das Entstehen, Vergehen und die Wechselwirkung der Dinge und Erscheinungen bestimmte Gesetze zu finden und in ihr Wesen einzudringen suchen. Wie wenig uns das letztere gelungen ist. und wie sehr wir auch bezüglich der scheinbar einfachsten und klarsten Dinge im Dunkeln tappen, dafür sei nur ein Beispiel angeführt. Jedermann redet von Elektrizität, die Gesetze für ihre Erscheinungsformen sind bis in alle Einzelheiten stu- *}**""•*?מ•