Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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׳• 001»•# #» " ' *¥J א.** V .(,/***" Ko. 1 Jüdische Rundschau Seite 8. wirtschaftlichen, so auch im geistigen und kulturellen Leben die Grenzen priscben den einzelnen Menschengemeinschaften nach Möglichkeit zu beseitigen und ein gemeinsames, neutrales Gefeiet zu schaffen. Diese Entwickelung lässt sich nicht aofhalten, und sie ist auch tatsächlich durch keine der modernen Nationalitätsbestrebungen aufgchalten worden. Das Gegenteil kann nur behaupten, wer blind ist oder wer blind sein will, Sehen wir uns nur einmal den edelsten Zweig menschlichen Geisteslebens an, die Wissenschaft! Gibt es etwa eine nationalc Wissenschaft? Haben nicht die Juden unendlich viel für die deutsche Wissenschaft geleistet? Sollen sie davon ab* lassen? Das würde wohl kaum der fanatischste Nationalist verlangen können. Aber mit Recht darf er die Forderung auf•• stellen, dass der Jude sich auch Jüdisches Wissen aneigne und es zu fördern sich bemühe, dass er nicht mit seinem Manquo am Jüdischen Wissen kokettiere. Aber er soll die Jüdische Wissenschaft nicht in einer Weise beackern, die nur den! Juden, oder gar nur einem kleinen Teile von ihnen verständlich ist; er soll dafür sorgen, dass die Fruchte des spezifisch Jüdischen Geisteslebens auch anderen Völkern zugute kommen. Damit leistet er sowohl dem eigenen Volke einen unermesslichen Dienst, indem er ihm Einfluss au! das gesamte menschliche Geistesleben sichert, indem er seine Kraft auf die Gesamtheit überträgt; aber er ist auch zugleich ein treuer Diener der universalen Geistesbildung, der er etwas gibt, was ihr nicht ein Jeder zu geben vermag, die er neu belebt und erfrischt und befruchtet. — An diesem einen Beispiel sieht man die Wechselwirkung Jener beiden Weltanschauungen, und Hilleis Prinzip erscheint in seiner ganzen Grösse und Erhabenheit So lässt es sich für Jedes andere Gebiet durchführen. Nun wird vielfach von reinen Nationalisten gesagt: ״Der Nationalismus ist Ja nur ein Mittel, um zn einem Univcrsaiismus zu gelangen, die Jetztzeit ist für diesen noch nicht reif.“ Wer so spricht, ist einmal inkonsequent, dann aber stellt er eine ganz willkürliche nicht zu erhärtende Behauptung auf; wie soll sich wohl erweisen lassen, dass die heutige Zeit für den Nationalismus reif ist, wie, dass sie für den Universalismus reif ist? Derartige Behauptungen sind nichts weiter als platte Redensarten. Da kommt uns auch wieder unser alter Hille! zu Hilfe, indem er seine l eh re beendet mit den Worten:\ואם לא עבעדי א'טד (und wenn nicht Jetzt, wann denn)? Also auch zeitlich sollen beide Prinzipien eine geschlossene Einheit bilden. Ferner, sic sollen vereint die Grundlage für ein Gegenwartsprogramm sein, keine Zukunftsmusik! — Was verbietet uns Hillel? Unsere Person, unser Leben, Sie vernimmt schwere Tritte auf der Treppe, die I nach dem Keller ffihrt, und den Klang von zwei Blech-! krügen, die bald an eine, bald an eine andere Wand stossen. Ein Strahl der Hoffnung leuchtet über das faltige Gesicht Sarahs. Sie zieht einen Euss an den anderen; heran, erhebt sich und geht zur Tür. j In das Zimmer tritt ein bleicher, gebückter Jude mit leeren Blechkannen in den Händen. ,.Nanu?“ — fragte sie leise . . . Er stellte die Kannen hin und antwortete noch leiser. ״Nichts, nichts, gar nichts! Nirgends hat man be- , zahlt ... Morgen, Jeder verschiebt auf morgen, auf übermorgen, auf — Rosch-Chodesch ..." Die Kinder haben fast nichts gegessen, sagte Sarah, —* gut, dass sie wenigstens schlafen . . . Meine armen Kinder! Sarah fing an zu weinen. ״Weshalb weinst du, Dumme!?“ fragte der Mann. ״Ach, Mendel, die Kinder sind doch so hungrig...“ — sie versuchte, die Träne zu ersticken. ״Womit wird das enden? Mit Jedem Tage wird es schlimmer! . . und sie weinte von neuem. Schlimmer? Nein, es ist eine Sünde, so zu : unsere Kultur, unser Denken und Fühlen, unser Wissen und | Können gegen Einflüsse und Eindrücke, die von wo anders her als aus dem eigenen Volke kommen, hermetisch abzu- I schliessen und nur für unsere engere Gemeinschaft za wirken und zu streben. Was gebietet er uns? Unsere Eigenart zu bewahren, rastlos für das Jüdische Volk zu arbeiten und dabei auch stets an das Ganze an die grosse, alle Menschen umfassende Gemeinschaft zu denken. — So lassen sich zwei moderne Gegensätze zu einer wahrhaft idealen Weltanschauung vereinigen, zu einer echt füdisehen Auffassung, zu einer Art Oegenwartsmessianismus. Und wir können stolz darauf sein, dass der Mann, der Jene An* schauung schuf, ein Mann unseres Stammes ist Ibn Asrak. Altneuland. 11. ״Ich gedachte, eine Lehrdichtung zu verfassen. Mehr Dichtung als Lehre! werden die einen sagen — mehr Lehre als Dichtung! die andern. Jules Verne, Zola, Bellamy, Hertzka! An diese Vorbilder, ist man versucht, im ersten Augenblicke zu denken. Und doch wie grundverschieden ist dieses Buch! Der Führer der Partei, welcher die Zukunft des Judentums gehört, der sich völlig frei weiss von der mystischen, messianischen Schwärmerei eines Sabathai Zevi, Theodor Herzl, einer der grössten und edelsten Gestalten der Gegenwart, träumt in diesem Buche seine Hoffnungen. Wird es ein Märchen bleiben, oder wird es Tat werden? Wer will, wer kann es entscheiden? Und doch wie vieles Ist schon Wirklichkeit! Alle sozialen, technischen wissenschaftlichen Probleme sind gelöst. Nicht im lenkbaren Luftschiff fährt man in Altneuland, nein, in der wirklich existierenden Schwebebahti, in elektrischen Barken und Automobilen. Nicht ein sozialistischer Zukunftsstaat ist erstanden, sondern eine Ge■; nossenschaft hat sich zum Zwecke eines Staatsverbandes gebildet, aus vielen Zweiggenossenschaften kommerzieller, landwirtschaftlicher, industrieller Art bestehend. Und andererseits höre ich manchen Juden und Christen — nicht nur Antisemiten — höhnisch fragen, gibt es denn solch ein Jüdisches Volk? Die Juden, welche ich kenne, sind lauter Grün und Blau, Weinberger und Schiffmann, Laschner und Walter, im besten Falle trifft man einen Friedrich Löwensprechen! Im vorigen Jahre war es noch schlechter. Da hatten wir ebenfalls kein Brot, und dazu hatten wir auch keine Wohnung . . . Den Tag über wälzten sich die Kinder auf der Strasse, und übernachteten bald auf dem einen, bald auf dem anderen Hofe. Jetzt sind sie wenigstens unter einem Dache, auf einem Hcusack! — Bei diesen Worten weinte Sarah noch heftiger. Sie erinnerte sich, wie ihr damals ein Kind entrissen wurde. Es hatte sich erkältet, wurde heiser und starb nach einiger Zeit ... ״Es starb, wie im Walde ... Es war nichts, womit man ihn retten konnte . . . Man hatte nicht einmal an der Bundeslade gebetet, auch nicht ״feldgemessen“,*) nichts hatte man getan.“ ״Es ist erloschen, wie ein Licht!" — schluchzte sie. ״Weine nicht, Sarah, weine nicht, du sollst unserem Gott nicht zürnen!“ ) Wenn in einem Hause Jemand gefährlich krank ist, gehen die Verwandten gewöhnlich in die Synagoge und beten an der Bundejladc: ebenso existiert eine abergläubige Sitte ..Feldmessen“, die darin besteht, dass die Gräber aller Verwandten mit Garn gemessen w׳erden. der als Dochtgarn für die Gebetlichter dient. * . ־ / רןמק!£ד ״**?ft* 1״vp