Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Beite 2. JUdiscHe Rundsoliau. Ko. 1. alle Sohne Israelsteilhaben.בל ישראל יש להם חלק לעולם הבא — Aber unter ״Israel“ versteht man loden, der jüdisehen Stammes *und durch die מילה Mitglied des *Bundes geworden; war, ob er die Gesetze hielt oder nicht.“ אז על פי שחטא יש«ןאל הוא Und dass man diese Zukunft nur. als eine, nationale auffasste, geht aus: dem Aussprüche eines der frömmsten und gesetzeseifrigsten Talmudlehrcr hervor, des Rabbi Meir, der ausdrücklich hervorhob, dass jeder Jude, der in Judäa wohne und sich der hebräischen Sprache bediene, teil habe am עולם הבא (Talmud Jeru schalmi Schabbat I, p. 3 c.). In dem nationalsten Werke, das die jüdische Nation ausser seiner Bibel hervorgebracht hat, im Talmud, tritt uns deshalb die Zionsliebe in einer Form entgegen, die zur Nacheiferung anspornt. Als Rabbi Meir in Kleinasien seine dem Judentum geweihte Seele aushauchte, da hatte er nur den einen Wunsch, dass man ihn am Meeresstrand begrabe, damit die Wellen Grosse seiner Gebeine dem geliebten Vaterlande hinübertragen mögen.*) Altjüdischer Art und Sitte war es eigen, nicht nach der Ueberzeugung zu fragen und nicht nach dem Glauben zu richten, sondern die Taten zu beurteilen. Wir folgen dieser jüdischen Art, wenn wir uns nicht in die Herzensangelegenheiten• unserer Brüder unberufen einmischen und das hervorsuchen, was uns trennt, sondem das hervorkehren, was uns einigt und verbindet. Dieses einigende Moment ist die gemeinsam durchlebte Geschichte, die grosse Vergangenheit unseres Stammes, die gleichen Schicksale in der Gegenwart, die gleiche Zurücksetzung und Anfeindung, die wir erfahren, die gleiche Liebe zum Judentum, die uns beseelt, und endlich nicht zum wenigsten die gleiche glühende Hoffnung auf eine würdige Zukunft. Dieses nationale Band, das uns Juden umschlingt, und das allmählich auch den deutschen Juden durch die Anfeindungen von allen Seiten zum Bewusstsein kommt, soll der grosse Hebel sein, der der zionistischen Bewegung die Schwungkraft verleiht, die unser Stamm zur Erreichung ז des Zieles notwendig hat. Das Ziel selbst aber ist und bleibt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. H e i n r i c h L 0 e w e. ') Talmfld Jcruschalnil, Kilajiin zu Ende des Tractats. Gegen den abstrakten jüdischen Nationalismus. Ein von Zionisten und Nationaljude« vielgeliebtes und vielgebrauchtes Wort ist:אם אץ אני לי סי לי (wenn ich nicht für' mich bin, wer soll denn für mich sein)? (Pirke Aboth I, 14). Damit will man den Nationalismus begründen und ihn aus dem alten jüdischen Schrifttum nachwciscn. Doch bilden jene Worte nur den Anfang eines von Hillcl ausgesprochenen Gedankens. Warum unterdrückt man dessen zweiten Teil? Vielfach wohl nicht in böser Absicht, sondern nur, weil man die erste Hälfte iigendwo aufgesclmappt hat und sie nachplappert, ohne überhaupt ihre Herkunft und die Sprache, in der sie abgefasst ist. zu können. Die Fortsetzung lautet:בשאני לעצמי מה אני* (Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann)? Ist diese zweite Hälfte etwa minder wichtig als die erste? In! Gegenteil. Ohne s׳'e würde man dem Weisen eine Gesinnung unterschieben, die ihm vollständig fern lag. — Der erste Teil jenes Satzes drückt den Egoismus, den Indivldualismus, der zweite den Altruismus, den Sozialismus aus, auf eine Personenmehrheit, eine Volksgemeinschaft abgestellt, den Nationalismus einerseits, und den Universalismus andc־ rerseits. Keine der entgegengesetzten Weltanschauungen allein, sondern beide zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen — das ist der grosse Gedanke, den Hillel ausspricht. Er warnt sein Volk vor jeder Einseitigkeit, sowohl vor einem starren, nackten Nationalismus, als auch vor einem verschwommenen, nichtssagenden Universalismus und Kosmopolitismus. Nationalistnus mit einer Portion Universalismus, Universalismus mit einer Dosis Nationalismus — das ist das Rezept, weiches er uns empfiehlt. Die Mischung soll zu einem einheitlichen Eiemente werden, das nicht zerlegt werden darf. Einen oder den anderen der Urbestandtcilc allein anwenden, heisst Hillels Worte fälschen. Dies ist geschehen, lange Zeit nach der einen Richtung, indem man einen blossen Kosmopolitismus vertrat und damit viel Unheil anrichtete, dadurch dass man grosse Teile des Volkes aus dem Volkskörper ausschied. Und als hiergegen die Reaktion eintrat, mit Naturnotwendigkeit eintrat, da blieb man an einem bizarren Nationalismus kleben, allein der Worte ״im cn aui li, rui li“ gedenkend. Erklärlich ist dieser Zustand nur als Symptom der Reaktion gegen den alten Schlendrian, natürlich ist er nicht; denn die Entwickelung der Menschheit geht darauf hinaus, wie im Feuilleton & Der Fasttag. Erzählung von L. P e r c z. Uebersetzung von J. Hotz. Eine W i n t e r n a e h t. Am Lämpchen sitzt Sarah und flickt einen alten | Strumpf. Die Arbeit geht langsam vorwärts; ihre Lippen sind blau vor Kälte, und die erstarrten Hände zittern. Oft legt sie ihren Strumpf beiseite und läuft im Zimmer auf und ab, um ihre erstarrten Fiisse zu wärmen. Im Bette, auf einem Hensaeke, schlafen vier Kinder, auf jeder Seite zwei, mit Lumpen bedeckt. Oft erhebt sich der Kopf des einen oder anderen, und das erwachende Kind bittet kläglich um Brot. ״Wartet, würfet, Kinderchen,“ — tröstete sie jedes Mal Sarah, — ״bald kommt Papa, und er bringt das 1 Abendbrot mit.“ 1 ״Und Mittag? — wir haben doch heute kein Mittag gegessen.“ ״Mittag bringt er auch mit!“ Sie glaubte ihren Worten aber selbst nicht und suchte mit den Augen, ob sich nicht im Zimmer irgend etwas finde, das man versetzen könnte . . . Es ist nichts da! — Kahle, nasse Wände. Ein halbzerfallener Ofen. Auf dem Ofen zerbrochene Töpfe, eine alte verrostete Chanukahlampe. In der Oberlage steckt ein Nagel, der an einen Leuchter, der einstmals daran hing, erinnert. An der Wand stehen zwei Betten ohne Kissen. Nichts, nichts mehr. .. Es verging viel Zeit, ehe die Kinder einschliefen. Voll Mitleid und Schmerzen sieht Sarah die Kinder an und lenkt die verweinten Augen auf die Tür. #י־;