Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1902)
- Date
- 1902-12-24
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 106. JÜdiilohe Hiiud^üliaitl . .;&0,; $2. 4. Am 16. Februar.‘‘ Herr Rabbiner Dr. \Verne r (Müh- •chen): Weltschmerz und Judentum. ׳ — * : ־ 5 ־. Am 2. Mär2; Herr Dozent Dr. El bogen: Die Teilnähme der Juden Italiens an den Bestrebungen der Renaissance. 6. Ain 9. März*. Herr Rabbiner Dr. Ho c hic Id (Frankfcrt a. O.): Das Innere Wachstum des Judentums im 19. Jattrh. Einlasskarten & 5 •Mk. für den ganzen Zyklus, ä 1 Mk. für eine Vorlesung sind zu haben bei Herren Gebr. Fried- 1S n d c r, Unter den Linden 28, und beim Eingang in den Saal. Berlin. Ueber die Zulassung ausländischer Geschäfts• reisender ״jüdischen Glaubens“ in Russland schreibt die Zentralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen: ״Die Aufbebung der jetzigen Sonderstellung bildet ein berechtigtes Verlangen der deutschen Kaufleutc jüdischen Glaubens; mar. wird erwarten dürfen, •dass die Reichsregierung in Ar.er- ־ kennung dieser Tatsache bei Gelegenheit der dcmnaclistigen Vbrtragsverhandlungen mit Russland auf׳ Gleichstellung der Angehörigen aller Konfessionen hinarbeitet. ' Ueber den tatsächlichen Zustand, wie er augenblicklich existiert, sind übrigens noch immer nicht ganz zutreffende Meldungen im Umlauf. Beispielsweise sagt der österreichische Vizekonsul in Rostow am Don in seinem letzten Berichte, dass nach dem dortigen Amtsgebiet nach den geltenden Spezialgcsctzcn mir christliche Reisende entsandt werden dürfen. Ausnahmen, wie rnan sic im übrigen Russland für Vertreter von bedeutenden ausländischen Banken und Handelsfirmen mache, kenne man im dortigen Bezirk nicht. Dem ist entgegen zu halten, dass ein solches sowohl für inals ausländische Juden geltendes Verbot zwar seit langer Zeit existiert, dass jedoch mit Erlaubnis der zuständigen Zentralbehörden israelitische Geschäitsreisende in jenen Gebieten verweilen und ihre Geschäfte abwickeln dürfen. Die Erlaubnis zum Aufenthalt hat für die Kosakengebiete der Kriegsminister zu erteilen. Israelitische Geschäftsreisende deutscher Nationalität gelangen, wenn bei den russischen Behörden sonst nichts gegen sie vorliegt, auf dem Wege einer Eingabe nach Petersburg regelmässig binnen kurzer Frist zum Ziel, zumal wenn sic sich der Vermittelung des Kaiserlichen Generalkonsulats fn St Petersburg bcdienen.“ .' Die Zentralstelle für Vorbereitung von Handelss'crträgen bcfindet sich vollkommen im Recht, wenn sic die Ausschliessung und die willkürliche Behandlung indischer Kauflcute und Handlungsreisender zum Gegenstand ihrer Tätigkeit nimmt. Nur darf man nicht erwarten, das sie mit ihrer gerechten Forderung den geringsten Erfolg haben wird. W11 haben alle Veranlnssung zu glauben, dass das Deutsche Reich es auch •ferner 2ulassen wird, dass seine Bürger jüdischer Nation in Russland so behandelt werden, wie viele wünschen die deutschen Juden ■In Deutschland behandeln zu dürfen. Russland lässt die deutsehen Juden überhaupt nicht in das Land und Preussen weist die russischen Juden aus. Das ist die bekannte Reziprozität Im berühmten Kutscherstreit: ״Haust Du meinen Juden, hau' Ich Deinen Judenl“ Breslau. Bei den in voriger Woche hier erfolgten Rep!nsent*nt<׳n-Er?änzungswahlen wurden die zwei zionistisch» n Mitglieder wiedergewäbh. der eine von ihn^n mit zweitgrößter Stimmenzahl. Beide sind gleichzeitig die Vertreter der Konservativen, die die hiesigen WahlmRcher. der liberale Verein, diesen zugesehen, die sieh bisher recht ruhig bei den Wahlen Verhielten. Do< h, obwohl jede Ag tation fehlte, gelang es den Konservativen, den Vorsitzen ien des liberalen Vereins rbe-mal nur als Peprüs«*ntanten-Stt*llVertreter ans der Wahl hei Vorgehen zu lassen und die beiden Konservativen gut durchzubringen. Dabei bestand anscheinend bei den Liberalen trotz offizieller gegenteiliger Kundgebung die Absicht, die beiden konservativen Repräsentanten zu Stell Vertretern herabzudrUcken. Nach dem Stimmenverhältnis zu urteilen, haben dem einen 101 Liber de und dem anderen 127 Liberale ihre Stimme nioht gegeben. Von 4710 Wählern waren 785 zur Wahl erschienen. hb. . London. Vor‘ der Royal Allen Immigration Commission machte der englische Geistliche Rev. \V. H. Davis, der Ober- 'pfarrer der Gemeinde Spitalfields folgende Interessante Aus- Sage: Er lebe nun schon seit 13 Jahren Im Ostende von London ur.d in Seinem Gemeindebezirke, der 25 000 Einwohner zähle, wohnten 15 0«) Juden. Es bestehe Im englischen Volke von Alters her zwar Achtung vor der jüdischen Religion, aber gegen diese ausländischen Juden herrsche doch auf Seiten der englischen Bevölkerung ein starkes Empfinden, weil letztere sehe, wie sie von den Juden aus dieser Gegend, die sonst gern von Londoner Arbeitern bewohnt war, verdrängt würde. In der ganzen Grafschaft London betrage die Bevölkcrungs-Dichtigkeit 57 Personen per Acre, in Spitaiiields dagegen 333 Personen per Acre und zwei englische Meilen weit gebe es keinen offenen Platz. Die Juden müssten für sehr geringen Lohn arbeiten, weil sie keine gelernten Handwerker seien. Sic müssten sehr hohe Wohmmgsmietc bezahlen, und diese Miete würde durch Aftervermietung der Wohnrüumc beschafft. Er kenne eine Familie, die ein Schlafzimmer und eine Küche bewohne, und abends um 10 Uhr, wenn sie sich in das Schlafzimmer zuriickzichc, komme ein Herr mit seidenem Cyiinderhut und langem schwarzem Gehrock und macht sein Bett in der Küche au! dem Fussbodcn zurecht. Er habe auch gesehen, dass in einem Zimmer vier Männer und sechs Frauen schlafen. Das seien alles ausländische Juden, die respektabel seien und hart arbeiteten. Viele Familien mieteten überhaupt nur für die Nacht ein Zimmer zu einem Mietspreise von einem Schilling (= einer Mark) pro Nacht, und wenn sie am Abende den Schilling nicht hätten, seien sie für die Nacht obdachlos. Es sei festgestellt worden; dass in 10 Häusern mit zusammen• 51 Zimmern 254 Personen wohnten, das Resultat dieser Uebervolkerung der Stadtgegend sei der Brauch der Bezahlung des sogenannten Schiässelgeldes. Wenn jemand höre, dass ein Mieter ein Haus verlassen wolle, dann gehe er hin und bezahle dem ausziehenden Mieter ein Schlüsselgeld für Ueberlassung des Schlüssels, womit er dann das Recht erhalte, sich beim Hausbesitzer zuerst um den Mietskontrakt zu bewerben. Auch sei es üblich, zu einen! Hausbesitzer zu gelten, ihm höhere Miete zu versprechen, und ihm noch ein Draufgeld dafür anzubieten, dass er den gegenwärtigen Mieter hinaustue. Auch vermehre sich die Zahl der jüdischen Arbeiter, und englische Arbeiter, die von ihnen angestelit seien, müssten am Samstag' feiern und am Sonntage arbeiten. ' Ost-London gerate allmählich ganz und gar in jüdischen Besitz, und ein Resultat der fortwährenden Einwanderung sei das fortgesetzte Steigern der Mieten und Herabsetzen der Löhne. Die ausländischen Juden "hätten viele gute Eigenschaften. Er habe in den dreizehn Jahren, die er im Ostende von London lebe, nie einen betrunkenen Juden gesellen. Sie seien sehr auf Bildung und gutes Fortkommen bedacht und seien gute Familienväter. Zuletzt schlug der Zeuge vor, man solle nur solche Einwanderer zulassen, die mindestens 10 Pfund Sterling besässen und geistig und körperlich tauglich seien. Ein Beamter der Steuerbehörde machte Ausagen über die gesetzwidrige Herstellung von Branntwein im Ostende von London. Zwischen 1891 und 1S97 hätten nur sechs Verurteilungen wegen dieses Vergehens stattgetunden, von 1S97 bis jetzt aber 51 Verurteilungen, und in diesem Jahre seien 34 geheime Branntwein-Destillationen entdeckt worden. Die Verurteilten seien, mit nur zwei Ausnahmen, russische und polnische Juden gewesen. Der Zeuge zeigte Proben des heimlich hergesteilten Branntweins. Er besteht fast aus reinem Alkohol und •ist geschmacklos. Verschiedene Mitglieder der königlichen Kommission kosteten den Branntwein, und Lord Rothschild, der auch Mitglied der Kommission ist, sagte, der Branntwein scheine sehr gut zu sein. Der Zeuge bemerkte weiter, es würde sehr viel Branntwein von den russischen und polnischen Juden heimlich destilliert und in Häusern und Werkstätten verhökert. Auch würden viele Banknoten und ausländische Briefmarken von ihnen gefälscht. ל Merw (Zentral-Asicn). Die Juden, welche in der Mcrw- Oase wohnen, sollen demnächst, wie die russische Zeitschrift ״Askhabad“ meldet, ausgewiesen werden, weil die russische Gcbictsverwaltung angeblich mit der wirtschaftlichen Tätigkeit dieser aus Bokhara, Afghanistan und Persien vor Jahrhunderten nach Mcrw cingewandcrten Juden unzufrieden wäre. Aus der Charakteristik dieser Juden, welche der russische Forscher Michailow im selben . Askhabad“ entwirft, dürfte es icdoch nicht schwer sein, die Ursache der geplanten Aus- Weisung der Juden zu erraten. In dieser Charakteristik heisst es unter anderem: ״Die meist aus Meschhed stammenden Juden. ״Dschedid“ genannt, sind in Glaubenssachen eine zwitterhafte Erscheinung; einst zwangsweise zum Islam bekehrt (darum heissen sie Dschedid. das ist: Neumuhammedaner) hän- .gen sie noch recht zäh am Judentum. Sic besuchen insgeheim die Synagogen der bockharischcn Juden, suchen nur den Schein zu wahren, als seien sie strenge Bekenner des Islam. Zum Schein halten sie die Kaufläden am Samstag offen, aber der Besitzer ist den ganzen Tag abwesend, sein Kommis dagegen