Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1902)
- Date
- 1902-12-24
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 52. JUdisclie Rundscliau. Herz! schrieb wohl ein Märchen, aber er fügte sofort eine Otossc bei, in euerem Willen liegt die Machi, dieses fi Märchen in Wir!;!!c»ikeit umzmvandeln. Denn die Bedingungen : zur Entstehung dieser Neuen Gesellschaft sind vollauf vor- 1 handen. Da habt Ihr den grossartigen Bau der Maschine — sagt er uns ■-‘•und die Triebfedern fehlen nicht, sie in Bewegurig zu setzen. Und der Verfasser Ist so liebenswürdig und' zählt uns all die Räderchen auf, die die Maschine in Bewegung bringen könnte. Und die Rädcrcltcn heissen: die Not, die Judennot, die eine'unleugbare Tatsache ist, von der der alte Littwak in besseren Zeiten viel zu erzählen haben wird; das wiedervereinigte Volk, jenes Volk, das, zersplittert, schwach und kränklich, vereinigt, mächtig und etwas Grosses für seine Befreiung zu leisten fällig ist; die neuen Verkehrsmittel, jene technischen Errungenschaften der Neuzeit, die dem Kulturmenschen über manche Schwierigkeiten hinwegbeiten; das Wissen, das Macht ist, erprobte Macht; der W i I le von dem manche Weisen behaupten ״was einer will, das kann er“, zumal, wenn cs ein ganzes Volk will; die K a t u r k r ü f t c, die der Mensch sich dienstbar macht; die gegenseitige 1) u 1 d u 11 g, jenes messianische Ideal, das nach prophetischen Verheissungen früher oder später verwirklicht werden wird; das Selbstvertrauen, das den Mut nicht erschlaffen lässt; die Liebe zum Volke und zum alten Ahnenboden und die Leide 11, die gar oft den Ausschlag zu. Heldentaten geben, und endlich Gott, der — um ein schönes Wort des Verfassers zu gebrauchen — den ganzen Weg regiert — bis zurück zum Lämmchen. ״Altueuland“ nennt der Verfasser das fneugegründete jüdische Heim. Weich treffliche Benennung! Denn nicht mit Zauberkünsten stampft er eine neue gesellschaftliche Einrichtung aus dem Boden. Nein. Durch den Phonographen erzählt uns Joe, wie sich es zugetragen hat. Alles auf die natürliche Weise. Nichts ist neu in dieser Gesellschaft. Alles alt. Das Volk ist alt, der Boden ist's, selbst die Einrichtung ist alt, mosaisch, mutualistisch, ins Moderne übertragen. Ja, sogar die handelnden Personen sind alte Bekannte von Architekt Stcineck bis zum Dr. Geyer*)... Herz! ist Eklektiker — ein psychologischer Grundzug aller Grossen in Israel — er wählt das Beste, was er zerstreut in der westeuropäisch-amcrikanischen Kulturmenschhcit vorfindet, und ordnet es harmonisch in Palästina. Wir wandeln in altjüdischer Vergangenheit und neumodischer Gegenwart. Altneuland. Alles ist hier alt, aber *) Alan wird manches im Buch besser verstehen, wenn man d u S ein a's Marmor und den Geier als Adler.definicrt. (Die Red.) Seite iöi. j In moderne, ja fei uie modernsten Formen gebracht; alles erneaert, altncu, aber nichts ist neu.... Das eben benimmt dem Buche den Charakter des Utopischen. Neben dem trefflich ‘ gewählten Motto Hcrzls möchte ich noch ein zweites hinzusetzen, nämlich die herrlichen Worte unseres alten, ewig jungen Heine: ״Wir wollen keine Sanskütotten sein, keine frugale Bürger, keine wohlfeile Prüsidenten; wir stiften eine Demokratie glcichherrücher, gleichbeseligter Götter..Denn in der Tat sagt uns Herzl in seinem Buche nichts mehr und will uns, scheint’s, nichts mehr sagen. Lemberg. Samuel Weisels. €ln alter Brief von unferm Dr. I. Rülf. In den Argumenten der Gegner unserer Bewegung kehrt der Einwand immer und immer wieder, dass der Zionismus keine Fortschritte mache. Und wenn •schon einmal die tmableugbare Tatsache zugestanden wird, dass in Russland und Rumänien unter dem Drucke einer unglaubfichen Judennot der natioual-jiidischc Gedanke doch fortschreite, so will man doch es für Deutschland durchaus nicht wahr haben. Aber das Gegenteil ist der Fall. Leider sind freilich nur wenige selbst unter den Zionisten in der Lage, im Geiste die ganze Linie rückwärts zu durchmcsseu, die unser National- Judentum in den letzten Jahren siegreich durchschritten hat. Sonst würden sie staunen, wie aus dem ״Nichts“ die macht- •volle zionistische Bewegung in Deutschland erwachsen ist, und wie gewaltig der unaufhaltsame Fortgang des Zionismus war. Uni sich das zu vergegenwärtigen ist es gut, sich auf einen Augenblick in die Zeit zu versetzen, wo der Zionismus eben anfing, den ersten schüchternen Versuch zu machen, an das Tageslicht zu treten. Das war das Erscheinen der Wiener ,.S e I b s t e 111a n z i p a t i 0 n“, die einen Merkstein in der Geschichte des national-jüdischen Gedankens bildet, fn dieser Zeit wurde von Dr. Rülf an einen deutschbürtigen Studenten ein Brief geschrieben, den wir zum Abdruck bringen, um 7m zeigen, wie es noch vor 12 Jahren in unserm lieben deutsehen Judenturne aussah. Dieser Brief lautet: Dr. J. Rülf, Rabbiner. Memel, den 26■'12. 1890. Mein theurer Herr ***•יי liircn bei der Sendung von •lö M. allgekündigten Brief Leute unter den.Juden, und die beredeten viele, indem sie sagten; Lasst uns gehen und einen Bund schüessen mit den Völkern, die rings um uns sind; denn seitdem wil־ uns von ihnen abgesondert, haben uns viele Leiden getroffen. — Und da diese Rede in ihren Augen gefiel, so warfen sich einige aus dem Volke auf, und reisten zum Könige hin, und er gab ihnen Erlaubnis, die Sitten und Bräuche der anderen Völker einzuführen. Dann dauerte es jedoch nicht sehr lange, da kam der König selbst, verwandelte den Tempel in eine Wüste, raubte alles Gold und Silber und den Schatz der Witwen und Waisen, der darin lag, und verbot, die Gesetze des jüdisehen Volkes zu beobachten. Wer aber den Sabbath hielt, oder andere Gebote treu beobachtete, der wurde vor den Augen des Volkes erschlagen.“ ״Der König muss schlechte Ratgeber gehabt haben,“ warf die Nuss dazwischen ein, ״ja, wenn Ich sein Minister gewesen wäre! Aber der Klügste bekommt nicht immer die einflussreichste Stelle. Aber erzähle weiter, Freundin Orange!“ ״Na, der König wollte, dass die Juden aufhören sollten, Juden zu sein; sie sollten Griechen werden. In jenen Tagen machte sich nun der greise Priester Mattitfahu mit seinen fünf Söhnen auf aus Jerusalem und liess sich in M o d i m nieder. Dort warteten sie ab, was geschchcn würde, und erhoben Klage und Trauer darüber, dass ihr Volk so rühmlos zu Grunde gehen sollte. Da kamen die Leute des Königs, welche zur Abtrünnigkeit zwangen, nach der Stadt, um den Göttern der Griechen zu opfern. Und als ihnen viele von dem jüdischen Volke zuliefen, da versammelten sich Mattitjahu und seine Söhne und kamen zum Marktplatz.“ 0״, da haben die auch geopfert, und den Götzen der Griechen gedient.“ klagten die Birnen. ״Still, stört doch nicht immer," sagte die grosse Nuss, ״erzähle nur weiter, Orange; du bist gerade da, wo Mattitjahu auf den Markt kam.“ ״Als sie ihn sahen, hüben die Leute des Königs also an: Ein Oberster und Angesehener und Grosser bist du in dieser Stadt und umgeben von Söhnen und Brüdern. So tritt du zuerst heran und vollbringe den Befehl des Königs, wie alle Völker getan; und du und dein Haus, ihr werdet zu den Freunden des Königs gehören, und du und deine Söhne, ihr werdet geehrt werden mit Silber und Gold und vielen Geschenken.“ ״Oho, da haben sie gewiss nein gesagt,“ unterbrach