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Jüdische Rundschau · 1902-12-24 · Heft 52 (24.12.1902) · p. Seite 100

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 52 (24.12.1902)
Date
1902-12-24
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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Suite 100 Jüdische Rundscl1a.11. No. 52. Das nationalgefufyl als psychologisches Phänomen. Dr Friedemann kritisiert einen Artikel von Hans Richter, der in den preussischen Jahrbüchern unter den! Titel: ״Das Nationalgcfiihl als psychologisches riianomen“ erschienen ist, Dr. Friedcmann in seiner Kritik and der Verfasser in seinem Aufsatz gehen davon aus, dass das Nationalgefühl ein Ergebnis des Willens sei. Dr. Friedcmamt geht dann aber in der Analyse weiter als Hans Richter und fragt, woher dieser Wille zu einer; Nation zu gehören, komme. Indem er annimmt, dass der i Wille sich krystallisicre aus einem gewissen Instinkt, j glaubt er, dass das jüdische Nationalitätsgefiihl nicht willkürlich sein könne, sondern Folge ererbter Faktoren י sei. Besonders klar drückt er das in den Schlusswor« : ten aus: ן ״Indem das Nationaljiidentum erstand, also der Wille zum indischen Volke zu gehören, war bereits das Vorhandeusein der Eigenart bewiesen, weil ja eben der j Wille nur das bis zum Selbstbewusstsein gesteigerte Triebleben verkörpert und die Trieb? Folgen der Verj anlagung sind.“ j Die Ausführungen von Dr. Friedcmann scheinen mir j nicht zutreffend. Das Nationalgefühl hat mit dem mensch-! liehen Triebleben nichts zu tun, sondern ist das Ergebnis! der Reflexion, und es besteht mir durch den Gegensatz zu einer anderen Nationalität. Ein Volk, welches aui einer Insel leben würde, abgeschlossen von allen andern Völkern, hat das Triebleben aller gesunden Menschen, aber.Nationalgefühl hat es nicht, und es kann ein solches erst haben durch den Gegensatz anderer Nationalitäten. Das jüdische Nationalitätsbcwusstsein ist sehr deutlich das Ergebnis antijüdischcr Bestrebungen. Das Triebleben ist vor dreissig und vierzig Jahren dasselbe gewcsen wie heute, wenn cs damals ein jüdisches Nationalbewusstscin noch nicht oder kaum gab, muss dieses eben das Ergebnis von äusseren Faktoren gewesen sein. Im Mittelalter, in welchem die Anfeindungen der Juden sich in das religiöse Gewand kleideten, hatte auch das jüdische Kollektivgefühl religiösen Charakter. Zugegeben muss werden, dass die Juden im allgemeinen gewisse Ideen gemeinsam haben, z. B. ist bei ihnen das Gefühl für Gerechtigkcit stärker ausgcbildct. Dies braucht man aber nicht auf eine besondere Veranlagung zurückzuführcn, sondern erklärt sich genügend daraus, dass die Juden eine Minorität sind und zu allen Zeiten waren, schon zur Zeit der Abfassung der Bibel. Juden, denen cs gut geht, haben cs an diesem Gefühl oft genug fehlen lassen, worüber man in zionistischen Kreisen mit Recht geklagt hat — ein Beweis, dass es sich hier um Eigenschaften handelt, welche das Ergebnis äusserer Lebcnsumstände sind. Zu so schwanken Begriffen wie ״Rasseeigenschaf־ ten“ braucht man bei dem Nationaljudentmn gewiss nicht seine Zuflucht zu nehmen, wo es als Ergebnis geschiehtlicher Faktoren sich doch genügend erklären lässt. H .C. Hitneuland. I. Dr. Theodor H c r z l wollte uns ein soziales Zukunftsbild Palästinas entwerfen, die gesellschaftlichen und ökonomichen Zustände, wie sie dereinst in einem jüdischen öffentlich-rechtlieh gesicherten Heim beschauen sein werden, schildern und er schrieb seinen Roman ״Altnculand“. Wer dies schlichte und anmutsvolle Buch, welche» m:; ein ernster Mann mit ernsten Absichten schreiben konnte, mit Aiiinierksenikeit liest, merkt cs sogleich, dass es dein Verlasser fern lag, blos den Sozialpolitiker zu spielen und, gleich den Jüngern Thomas’ Morus, Zukunitsträumc in den schönsten und lebhaftesten Karben dem Leser vor/.ugauke!n. Schon in seinem ״Judenstaat“ wehrt sieh H c rzl dagegen,!den Utopisten zugezählt zu werden, und seinem Romane setzt er das Motto voran: ״Wenn Ihr wollt, ist cs kein Märchen.“ ״Altnculand“ ist keine Utopie, analog Bellamy’s ״Rückblick“ und llertzka's ״Frciland“, das Haifa vom Jahre 1923 ist nicht Boston im Jahre 2000, und das historisch merkwürdige Palästina ist aut der geographischen Karte leichter auffindbar, als der Keniaberg an der ostafrikanischen Küste unter dem Aequator. Hiermit, dass Ile rzl zur Entstehung Altneulands blos den Zeitraum von zwanzig Jahren wählt, hat er der Phantasie ihre Flügel beschnitten und Altneuland vor dem Vorwurf gesichert, dass es nichts mehr als ein Chimärenhattes Schlaraffenland sei. Um schön zu träumen und Zu* kumtsbilder zu malen, die einen wie entzückende arabische Zaubermärchen anmuten, müsste man die Neue Gesellschaft mindestens aui hundert Jahre weiter hinausschicbcn. Aber He rzl wollte nicht blos träumen und uns für die Mussestunde eine interessante, unterhaltende Lektüre verschaffen. Herzl wollte •vor allem ein Tcndenzstück schreiben, einen Gedanken ausdrücken, der uns alle zur Tat anregen sollte, Zustände schildern, die kommen dürfen und kommen können. recht weiss, wie alt er eigentlich ist; einmal aber ist er doch gebaut, wenn es auch schon sehr lange, lange her ist. Und es ist ein berühmter Ort. Als ich nämlich einst meine Wurzeln tief hinunter in die Erde steckte, fühlte ich plötzlich einen brennenden Schmerz in ihnen, so dass ich sie eiligst zurückzog. Als ich näher nach dem . Grunde des Schmerzes forschte, sah ich ein uraltes Schwert, an dessen Schneide ich mich verletzt hatte. ״Warum schneidest du mich," fragte ich, ״ich habe dir doch nichts zu Leide getan?“ ״Ich habe dich nicht ge* schnitten, aber ich bin so scharf, dass jeder, der mich an der Schärfe berührt, sich schneidet.“ Da bemerkte ich denn, dass das Schwert lang, breit und krumm war, und einen gewaltigen Knauf hatte. Als ich es staunend betrachtete, sagte es zu mir, indem es vor Freude bebte und klang, dass'es jemandem seine Geschichte erzählen konntet1 ״Schatf mich an; ein solches Schwert wie mich,׳ findest du unter tausenden nicht, hat mich doch Jehudah Makkabi geführt in seinem Kampfe für sein Volk und seinen Qott.“ ״Wer ist denn Jehudah Makkabi,“ fragten die Nüsse und Birnen, ״das ist ein Name, den wir nie gehört haben.“ ״Mir erging es nicht besser, erwiderte die Orange, 1 ״und da ich es auch nicht wusste, so fragte ich das Schwert, wer er gewesen sei!“ Da streifte das Schwert seinen Rost ab, um stattlicher zu erscheinen, und fragte ganz verwundert: ״Das weisst du nicht, hast du denn nie von den Makkabäern gehört?“ ״Nein.“ ״Nun, so höre einmal zu: Es gab einmal eine Zeit, da herrschte ein böser König über alle diese schönen Länder, und er hiess Antiochus Epiphanes und war König von Syrien. Und das schlechte Beispiel des Königs verdarb die Leute, und stiftete auch viele Juden zum Bösen au; denn Palästina war damals noch von Juden bewohnt und gehörte dem König von Syrien.“ ״Das kann doch nicht stimmen,“ meinte die grosse Nuss ungläubig, ״die Juden sind ja über die ganze Welt zerstreut!“ : ׳ ״Nein,“ sagte eine Mandel, ״damals wohnten sie noch alle in einem Lande, in Palästina.“ ״Meinetwegen, ist mir so auch recht,“ brummte die Nuss, und die Orange konnte in ihrer Geschichte fortfahren: ״In jenen Tagen gab es nun böse und ruchlose

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