Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1902)
- Date
- 1902-12-24
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 98. Jüdische R1mdsQl1a.11. No. 98. schah nicht etwa immer, indem sie sich offen vom alten Volkstume loslösten, vielmehr blieben sie in einem gewissen lockeren Zusammenhänge mit der übrigen Nation. Sie übten auf diese Weise einen unheilvollen Einfluss aus, da sie dem Volke, das geneigt war seinen Geld- und Bildungsaristokraten zu folgen, eindringlich anempfahlen, sich den Sitten und Gesetzen der herrsehenden Nation anzubequemen. Das Volk, das keinen Begriff von der wahren Freiheit einer Nation hatte, sah es täglich, dass diese Aristokraten umso höher stiegen, je mehr sie sich vom historischen Judentume entfernten; und so war cs nur natürlich, dass sic bewusst und unbewusst sich in diese Bahn zur Assimilation an das Griechentum drangen Hessen. Es wäre dies begreiflicher, ja verzeihlicher gewesen zu einer Zeit wie der perikleischen, wo das Hellenentum trotz mancher Fehler und Schwächen doch einen idealen Gehalt hatte, der im Stande war, ein Volk zu adeln. Aber der Grieche jener Jahrhunderte war um nichts besser, in mancher Beziehung sogar um vieles schlechter als etwa der moderne Franzose oder Russe. So war es denn kein Wunder, sondern nur der natürliche Lauf der Dinge, wenn der Jude bei seinen Assimilationsbestrebungen viel weniger den geistigen Gehalt des Hellenismus sich aneignete, als vielmehr sich mit einem Firniss griechisehen Geschmacks und europäischer Bildung begnügte, dagegen alle Untugenden seiner entarteten Umgebung mit staunenswerter Schnelligkeit annalim. Die griechisehe Sittenlosigkeit, die besonders in den’ grossen Städten ihre Orgien feierte, von der aber auch vielfach die Landbevölkerung infiziert war, vergiftete in erster Linie die Jugend der vornehmen Kreise in den grossen Städten, die sich am ehesten und eifrigsten den neuen ״Idealen“ hingab. Unter dem Namen der griechischen Kultur wurde ausgeretuei, was in diesen Schichten der Bevölkerung von jüdischer Familienreinheit existierte. Zwar schloss sich eine kleine Schar zusammen, die mit Schaudern sah, wohin dieses Leben führen musste, und sie betonte umso eifriger jene nationalen Formen, weleben der Glaube eine religiöse Weihe verliehen hatte, aber die Zahl dieser Frommen war gering, weil sie in einseitiger Abwehr nicht das ganze Volkstum, sondern nur die Religion mit ihrem Mystizismus und ihrem ausgeprägtesten Formalismus betonten. Die grosse Masse des Volkes, die sich zwar scheute, das Judentum gänzlich abzustreifen, jener grosse Mittelstand, der in allen Krisen der jüdischen Geschichte sich aus seiner Lethargie und Bequemlichkeit aufrütteln Hess, hatte kein Bewusstsein seiner Bestimmung, weil ihm kein festes nationales Ziel vorschwebte, weil es nicht ständig daran denken wollte und konnte, dass das Judentum eine Zukunft haben müsste. Am meisten neigte dieser Mittelstand noch zu den Griechlingen, wenn er auch nur langsam den Verschmelzungsprozess mit seiner nichtjüdischen Umgebung begann. Schliesslieh gab es noch eine Gruppe, die eine äussere Anpassung an das Hellenentum mit ihrer sonst konservativen Beobachtung des Gesetzes für vereinbar erachtete. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Mehrzahl der Juden damals die gleichzeitige Beobachtung jüdischer Gesetze und des Zeuskultus für keinen grösseren inneren Widerspruch ansah, als die Mehrzahl unserer Mitbrüder in Deutschland heute in dem gleichen Feiern des Jom- Kipur und der Ausputzurig eines Christbaunis sieht. Dass dies zugleich auf das Christentum wie auf den Judaismus ein unbeabsichtigter Hohn und Spott ist, fällt ja auch heute den allerwenigsten ein. So aber waren die Zeit und ihre Verhältnisse, in denen Mattithjahu seine erziehliche Tätigkeit begann. Man würde sich täuschen, wenn man glauben wollte, dass Mattitjalm erst an jenem denkwürdigen Tage seinen nationalen Freiheitskampf begann, wo er in Modim offen die Fahne des Aufstandes entrollte. Vielmehr hat er in langjähriger erziehlicher Tätigkeit teils in Jerusalem selbst, vor allem aber dem geringeren Mittel- Stande in den kleinen Landstädten sein langes Leben dazu ausgenutzt, immer und immer wieder auf die Ideale Israels hinzuweisen. Mit feinem Takt und grossem historisch-politischen Verständnis hat dieser einzigartige Mann erkannt, dass nur der Hinblick auf die grosse Vorgangenheit seines Volkes diesem auch das Verständnis für seine Aufgabe in der Zukunft offenbaren könnte. Und wie er in seiner letzten Rede an seine Söhne, in seinem politischen Testamente, sagt: ״Gedenket der Taten unserer Väter, die sie vollbracht in ihren Geschlechtern, so werdet ihr grossen Ruhm und ewigen Namen erlangen“, so hat er von Anfang seiner Tätigkeit an den nationalen Aufschwung durch den Hinweis auf die jüdisehe Geschichte vorbereitet und angebahnt. Es war ein schweres Werk diesem Volke, das erst erzogen werden musste, den Begriff wahrer Freiheit beizubringen. War doch ein Jahrhundert voraufgegangen, in dem sich der einzige Gegensatz gegen die hellenistische Assimilation in dem einseitigen Betonen religiöser Formen offenbarte. Aus meinem filärdjenbiidje. Von HelnrichLoewe. (Nachdruck verboten.) (Uebersetzuiigsrecht Vorbehalten.) D i e O r a 11 g c. Eine Chanukahgabe für unsere Kinder In einer alten Strasse der Stadt steht ein Haus, dem inan ansieht, dass es schon viel länger dasteht, als alle Nachbarhäuser. Ein hoher Steintritt mit eisernem Geländer führt hinauf, und von dort eine schwere Tür mit allerlei Metallbeschlag ins Haus. In der von einer hellen Lampe erleuchteten Wohnung im Erdgeschoss dieses Hauses spielte ein Knabe mit Zinnsoldaten in der Nähe .des Fensters, während draussen der Winterstunn die Schneeflocken vor sich her durch die Gasse wirbelte. Es war so kalt geworden, dass die Leute sich dicke Pelze anziehen mussten, wenn sie nicht frieren wollten. Drinnen aber im Zimmer, da war es hübsch warm, und 1 im Ofen flackerte ein lustiges Feuer; zuweilen knackte es im Ofen, und dann flogen jedesmal viele Funken aus der Ofentür, die aber sofort wieder erloschen. ״Mama, warum knackt denn das Holz immer so laut im Ofen,“ fragte der Knabe, ״wenn es so schön brennt, und die Funken herausspriihen?“ ״Weisst du denn nicht, lieber Jakob,“ gab die Mutter zur Antwort, ״dass das Holz von einem Baume ist, und dass die Bäume auch Leben in sich haben? Jeder Knall ist ein Schmerzensschrei des armen Baumes, und alle die hervorsprühenden Funken sind seine Tränen. Und wenn ein Funke dich auf die Hand trifft, — siehst du, — so schmerzt es dich ebenso, wie den Baum, und du musst auch weinen. Doch jetzt will ich den Ofen schliessen, weil ich heute noch mit Papa einen Besuch bei der Tante machen will, von der wir zu Chamikah eingeladen sind. Weil du aber zu Hause bleibst, so habe ich dir einen Teller mit Obst zugedacht, das du aber nicht alles auf einmal aufessen darfst. Sieh’, hier ist er!“ O, das war eine Freude, — die vielen schönen Aepfel, Birnen, Mandeln, Nüsse und oben auf lag eine grosse dunkelrote Orange. Jakob klatschte vor Freude i in die Hunde und war ganz artig, als ihm die Mutter die Kleider auszog, und ihn zu Beit brachte. Kaum war er eingeschlafeii, so gingen Papa und Mama fort, um bei der Tante das Chanukahfest zu feiern. Auf dem Tische, wo Jakobs Obstteller stand, blieb