Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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; Beite 92. Jüdische Hundsohau. Ko. Bi. Hmmover. Am verflossenen Donnerstag haben wir in» Konzerthause die erste öffentliche Versammlung in diesem Winter veranstaltet. Dr. Alfred Klee sprach über ״Die Losung der Judenfrage“ und wusste in seinem l’^stündigen Referate die Ober 500 Personen zählende Zuhörerschaft so hinzurelssen, dass man von den tagszuvor stattgehabten Qemeindcwahlen nirgends mehr sprechen hörte, dagegen überall vom Vortrag des Dr. Klee, wo Juden zusammen kommen. An den glänzenden Vortrag schloss sich, wie immer, eine Debatte. Gg. Dr. Salomon Hirsch gab seiner Freude über den Vortrag Ausdruck und teilte mit, wie er sich bezüglich des Zionismus ״von einem Saulus in einen Paulus“ umgewandelt habe. Gerade wegen seiner An^chtcn als gesetzestreuer Juda glaube er bei dieser Frage der Existenz unserer Nation nicht %on ierne stehen zu dürfen, sondern er halte sich für verpflichtet seine Kraft in den Dienst unserer Bestrebungen zu stellen. Landrabbincr Dr. Gronemann sprach seine Anerkennuug über das Fortschreiten unserer Bewegung aus. Das habe mau wohl längst eingesehen, dass der Zionismus nicht durch Erklärungen (!) und dergl. aus der Welt zu schaffen sei. Er selbst könne nur bei seinem ab’wartendcn Standpunkte beharren, denn ihm sei das Judentum auch eine Religions• gcmcinschaft. Nach einem Schlussworte des Referenten schloss die Versammlung. Der Erfolg machte sich in überaus zahlreichen Eintrittsmekhmgcn geltend. Noch bei keiner früheren Versammlung hatten, wir ein so günstiges Resultat zu verzeichnen. Für Dr. Klee ist dieser Erfolg der beste Dank. ’ Königsberg I. Pr. Die Königsberger zionistische Vereintgung hielt am Montag, dem 8. er. Im grossen Saal der Bürgerressource eine öffentliche Versammlung ab. in der Ref. G r oiicmann• Hannover über das Thema ״Der Zionismus und die deutschen Juden“ sprach. Der hochinteressante, etwa!צי Stunden währende Vortrag erfreute sich des lebhaftesten Beifalls des ganzen Auditoriums. Zur Diskussion meldete sich als Gegner Herr Dr. Silberberg. Rabbiner der hiesigen Gemcindc■ Adass-J isro.cl. Noch vor dem Auftreten des heutigen Zionismus, so etwa führte Herr Dr. Silberberg aus, existierten bereits die Kolonisationsvcrcinc und die jüdischen Allianzen, deren Aufgabe cs sei. die Lage der armen Brüder zu verbessern; der Zionismus sei daher etwas ganz Ueberflüssiges. Ja der Weg. welchen der Zionismus zur Erreichung seines Zieles cinschlage. sei für das wahre Judentum direkt gefährlich. Die meisten Anhänger des Zionismus wollen von der jüdischen Religion nichts wissen und es sei daher die Gefahr vorhanden, dass das alte, wahre jüdische Ideal ״Toraismus" von dem neuen Ideal ״Zionismus" verdrängt werde. ״Wozu nach Zion?" meinte Herr Dr. Silberberg; die Juden seien ein Religionsvolk und blieben auch ohne Land ein Volk. Wir haben unsere Mission noch lange nicht erfüllt, denn noch heute leben 750 Millionen Heiden. Zwei Tochtcrreligioncn habe das Judentum bereits hervorgebracht, hoffentlich werde es mit noch weiteren ähnlichen Tochtcrreligioncn die Menschheit bcglücken. Erst wenn die noch existierenden 750 Millionen Heiden zu einem monotheistischen Glauben bekehrt sein würden, dann wäre cs an der Zeit, an Zionismus zu denken, fn •überaus glänzender Weise, von tosendem Beifall fortwährend unterbrochen, widerlegte Dr. Oroncmann diese Einwände. Die Kolonisationsvereine und Allianzen hätten einen philantropischen Charakter; sie vermögen höchstens eine relativ sehr geringe Anzahl von Juden aus ihrer unglücklichen Lage zu befreiet»; der Zionismus dagegen erstrebt eine nationale Selbsthilfe und will die Judenfrage lösen. Im Zionismus stecke durchaus keine Gefahr für die Religion; im Gegenteil. Wohl umfasse der Zionismus Juden der verschiedensten religiösen Richtung, aber es habe wohl noch niemals ein konservativer Jude infolge seiner zionistischen Gesinnung seinen religiösen Standpunkt auigcgebcn. Dagegen lehre die Erfahrung, dass so mancher, welcher dem Judentum als Religionsgemeinschaft entfremdet sei, durch den Zionismus dem Judentum wieder gewonnen worden wäre. Betreffs der jüdischen Mission, wolle Gronemann keineswegs daran glauben, dass Dr. Silberberg die Christliehe Heidenmission beispielsweise irgendwie zu unterstützen empfehlen würde. Der Erfolg des Abends war für uns ein recht erfreulicher und hat bei vielen Zuhörern manches Miss- Verständnis über die zionistische Bewegung beseitigt. Mehrere der Anwesenden erklärten auch sofort ihren Beitritt zur hiesigen zionistischen Vereinigung. Zum Schluss noch eine persönlichc Bemerkung zu der jüdischen Mission des Herrn Dr. Silberberg. Der lächerliche Missionsgedanke eines grossen Tctis der deutschen Rabbiner ist ja an und für sich uns nicht mehr neu; Herr Dr. Silberberg scheint aber eine ganz eigenartige Auffassung von dieser Mission zu haben. Wir sollen warten, vielleicht bringt das Judentum noch weitere Tochterrcligionen hervor, um die noch übrigen 750 Millionen Heiden zum Monotheismus zu bekehren. Welch ein naiver Gedanke! Wir Zionisten glauben, das Judentum täte besser daran, diese Mission den anderen monotheistischen Religionen zu überlassen. Mögen jetzt die jüdischen Tochterrcligiouen neue monotheistischc Religionen hervorbringen, damit wir einst die Freude erleben, dass unsere alte jüdische Religion auch einmal ״Gross m a!11 a'! werde. Z. Danzig. Am 9. Dezember hielt Ref. Oroncmann- Hannover im Apollo-Saale des Hotel du N״rd vor zahlreicher ser Seite nicht Im geringsten mehr um mich. Die drei Mordgesellen, welche ich namhaft machen konnte, wan* derten In die Bleibergwerke Sibiriens, und ich war eben so schlimm daran, wie diese. (Fortsetzung folgt.) Cittcraturbcrlcht. המדריך על כמתי יט התלמוד כולל ליקוטי הש׳ס וכר Abrah. u. Wllh. Singer: Hamadrlch. Auswahl talmudischer Stellen für den ersten Unterricht im Talmud. Nach pädagogischen Grundsätzen methodisch und systematisch gcordnet, mit Raschi-Kommentar und ausgcwnhUe» Tossaphot, grammatischen und lexikalischen Zusätzen, vergleichenden Noten und einer Abbreviaturentafel versehen. Bd. I. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Pressburg 1902. (Selbstvcrlag der Verfasser Adr. Bezlrksrabb. in Var-Palota (Ungarn). (38 Bl.) 4. , Eine vorzügliche tälmudischc Anthologie liegt uns vor, vorzüglich vom Standpunkt dessen, der seinen Schüler in die Anfangsgründe der talrnudischcn Rechtshegriffe eimühren will. Sie ist aber eben so sehr eine gute Einführung wie eine treffliehe Uebcrstcht. gewissermassen ein Extrakt talrnudischcn Wissens. Dabei kann man nicht verkennen, dass der pädavoeische Zweck nirgends ausser Acht gelassen ist, und dass | trotz tles in dieser Hinsicht schweren und spröden Stoffes das Schwerere doch stets dem Leichteren folgt. Es ist bedauerlich, dass die Ausstattung des Werkes diesem inneren W'crtc nicht entspricht, wenn cs auch nicht schlechter gedruckt und ausgestattet ist, als die meisten der gleichen Litteratnr augehörigett Wfcrkc. Uehcrall da, wo man nicht beim Unterricht auf den Codex zurückgehen kann oder will, kommt der Sittgerschc Humadrich als wichtiges und vorzügliches Unterrichtsmittel wesentlich in Betracht. Jacob Gcrzon, Die jüdisch-deutsche Sprache. Eine grammatisch-lexikalische Untersuchung ihres deutschen Grundbestandes. Frankfurt a. M. 1902, (133 S.) 8׳\ Das Buch, das Rezensent auch noch in einer philologischen Zeitschrift besprechen wird, ist eine eigentümliche und höchst erfreuliche Frucht des Zionismus. Ein in Köln geborener Jude, * dessen Vorfahren, soweit sich zuriiekdenken lässt, im Rheinlaude gewohnt haben und der selbst germanische Philologie studiert hat, ],veröffentlicht hier die erste wirklich wissenschaftliche Grammatik.des in Osteuropa gesprochenen jüdischdeutschen Dialekts. Teilnahme für seine verfolgten Brüder war cs ebenso wie die Freude daran, Jüdisches und Deutsches in innigster Wechselbeziehung zu sehen, was ihn dazu getrieben bat. das Jüdisch-deutsche, das ilun zuvor völlig fremd war, eigens zu erlernen und grammatischlexikalisch zu bear-