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Jüdische Rundschau · 1902-12-19 · Heft 51 (19.12.1902) · p. Seite 90

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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Seite 90. Jttdische Bundscliau. £0 51. rung Hohn sprechen. Er selbst gibt zu (S. 19S), dass zwar die nationale Eigenärt nicht so stark hervortritt, dass man dieselbe als statistisches Kennzeichen der Nationali* tät in Anwendung bringen kann, dass aber Familien• leben, Rechtsbewusstscin, Volksgcbräuche, Religion, körperliche Erseheiming u. s. w\, wenn ein gewandter Historiker sie anwendet, ein ziemlich getreues Porträt der Nation ergeben. ' Und dem ist in der Tat so. Man mag uns tausendmal beweisen, dass Spanier, Franzosen, Deutsche, Eng-!ander keine reinen Rassen seien, wir werden sie ohne weiteres im Leben als bestimmte Typen mit charakteristischen Merkmalen erkennen; die Eigenart ist ihnen nicht zu bestreiten und äussert sich vor unseren Augen in tausend Handlungen des Alltags, die nur eben deswegen nicht zur Statistik zu verwenden sind, weil sich Empfindungen und die aus ihnen resultierenden Niian zicrungen von Handlungen, trotz aller Versuche, sich nicht in die Zwangsjacke von Systemen und I Jerechr.tingcn eihpressen lassen. Diese gemeinsamen Eigenheiten sind eben Rasseneigenheiten und der Irrtum in der Beweisführung liegt auf der Gegenseite dari! . dass man den Begriff der Rasse lediglich als den der ürrasse verv endet. Angehörige einer Rasse sind eben nicht nur die, welche einer Urrasse angehören, sondern auch die Güeder einer Mischrasse, die vermocht hat einen cinheitliehen Typus zu schaffen. Wenn heute der Anthropologe auch noch so sicher die verschiedenen Mischungsclemente in der neuen Rasse durch Schädelmessungen u. dergl. konstatiert oder konstatieren will — für den geistigen Zustand der Einheit sind diese Versuche ganz bedeutungslos. Dem schärfsten Beobachter der aus Ur- Spaniern, Mauren, Gothen, Basken, Kelten zusammengesetzten spanischen Nation wird es nicht gelingen, aus der Geistesart des einzelnen die ursprüngliche Abstammung zu erraten. Geistig besteht eine Einheit, und gleichviel, wie sie entstanden ist, muss sie respektiert werden. Das Nationalgefühl wird also bedingt durch den selbstbewussten Willen, der die Entwicklungsfolge ist von bestimmten Rasseeigenschaften, die von den Nationalen als gemeinsames Merkmal empfunden werden. Nimm einem Volkszugehörigcn alle die Eigenschaften, die in den Augen des Volkes für seine Volkszuhörigkeit massgebend sind, und lass an seine Stelle einen Mann treten, der die obigen Begriffe völlig anders auffasst, als die Mehrheit — und der Wille wird nicht beim Ersteren und nicht beim Letzteren genügen, um ihn der grosseit Mehrheit als Volkszugehörigcn erscheinen zu lassen. Genügte der Wille, um einen Nationalen zu schaffen, die französischen Juden wären längst alle unverkennbare Franzosen, die deutschen Juden die unbczwcifclbarstcn Deutschen geworden. Am guten Willen hat es doch wahrhaftig nicht gefehlt!! Es stehen der Assimilation eben gewisse Eigenschaften entgegen, die nur durch ein langes, langes Zusammenleben hätten ausgeglichen werden können, und zu diesem allmählichen Ausgleich war viel guter Wille vor allem von der Gegenseite nötig und der hat gefehlt. Der einseitige Wille allein als Anpassungsmittcl hat bankerutt gemacht. Historische Belege für seine Theorie wird Herr Richter denn auch kaum finden. Wir wüssten keine Beispiele dafür zu nennen, dass Volksteile freiwillig sich einer anderen Nationalität mit Erfolg «!»geschlossen haben. Überall ist es der bittere Zwang oder aber die völlige Ertötung der selbstbewussten Eigenart, also die Negierung des Willens, die einen Wechsel der Nationalität bedingt, der dann meist erst nach Generationen clntritt. Vielleicht wäre auch für die Juden die Assimilation möglich gewesen, — wenn die völlige Emanzipation später gekommen wäre. Die Emanzipation hat den starken Willensentschluss bei den Juden hervorgerufen, Deutsche zu sein; und sic vermochten cs nicht, weil ihre Eigenart noch zu stark war. Darum war die Vermischung unmöglich. Vielleicht hätte ein freier Willensentschluss zum Amgehe!! i!» Deutschmit Rechten ausgestatteten Juden mit Deutschen die besonderen Eigenschaften ersterer vernichtet. Dann wäre ein freier Willensentschluss zum Aufgehe!! in Deutschtum nicht widernatürlich gewesen und der Rückschlag von der Gegenseite vermieden worden. Man kann wohl sagen, dass England allein sich so lange vom Antisemitismus freigehalten hat, weil eben dort die Assimilation längst vollzogen war, als das Gesetz den bestehenden Zustand sanktionierte. Der Entschluss völlig anglisierter Juden Engländer zu sein hat nach der Emanzipation dort nicht die Reaktion Itervorrufen können, wie in unserer Heimat der Entschluss oft recht w enig germanisierter Elemente, sich als Deutsche und Österreicher zu geben. Heute ist, wie die Verhältnisse liegen, auf einen Ausgleich in den kontinentalen Staaten überhaupt nicht mehr zu rechnen. Auch der Hinweis auf Amerika nützt Herrn Richter nicht. Es gibt heute keine amerikanische Nation, zu der man übertreten könnte, sondern nur Bilder aus dem russischen l!?ekIj$gl)etto. Bündel der Rooaarzt. Von Dr. J. Hülf-Bonn. (Fortsetzung.) Da hatten sie denn doch allesamt die Rechnung ohne die Wirtin, besonders aber ohne die Wirtstochter gemacht. Die letztere erklärte mit der grössten Entschiedenheit, dass sie nie einen anderen heiraten wrerde als mich und dass kein Mensch der Welt sie von diesem ihrem Entschlüsse und von der Liebe und Zuneigung zu meiner Person abw׳endig machen solle. Die Brüder, als sie sahen, dass da nichts auszurichten sei, fügten sich. Meine Person, meine Stellung, mein kleines Vermögen mochten doch mich dazu beigetrage« haben, sie milder zu stimmen. Genug, unsere Verlobung W'urde öffentlich bekannt gegeben —* wir waren Bräutigam und Braut. Die meiner künftigen Schwiegermutter wenig sympathischen Anverwandten ihres verstorbenen Mannes wollten sich jedoch nicht beruhigen, besonders der bezeichnete junge Mann, der selbst das Mädchen heimzuführen gedachte, konnte die Zurückweisung nicht verschmerzen und brütete heimlich Rache. Ich ging ihm, wo ich konnte, aus dem Wege, denn überall, wo wir zusammentrafen, und er suchte geflissentlich nach soldien Gelegenheiten, wollte er mit mir Händel anfangen. Seine beleidigenden Worte trachtete ich — w,cnn es mir auch sehr schlecht ankam — zu überhöre!!; als er jedoch einmal handgreiflich wurde, fasste ich ihn und warf ihn so heftig zu Boden, dass er sich nur mit Mühe wieder erheben konnte und als er nun wie ein Rasender mit gezücktem Messer auf mich eindrang, versetzte ich ihm mit dem Seitengewehr einen flachen Hieb auf den Arm, dass das Messer seiner Hand entfiel. Er vcrliess hierauf die Gaststube, die furchtbarsten Drohungen ausstosseud. Ich kümmerte mich wenig um diese Drohungen, denn ich glaubte, da ich ein sei״ kiufiigcr Mann und stets gut bewaffnet war, nicht nur diesen einzelnen, sondern auch noch etwaige Helfershelfer bewältigen zu können, tröstete meine Braut und Schwiegermutter, die schlimmcrcsMbefürchteten und w׳ar auf meiner Hut. Von nun an Hessen mich meine Widersacher in Ruhe und gingen mir überall aus den! Wege. Ich nahm das zuerst für Furchtsamkeit. Wenn es aber, wie ich später vermutete, geschah, um mich sorglos zu machen und meine Wachsamkeit abzulenken und einzuschläfern, so ist ihnen dieser Streich allerdings gelungen.

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