Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 89 (sequence 1)
- Language
- German
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kJ L.'Vl/© Abonnementspreis (Zusendung Inbcgri(Jcn) Vierteljährlich! I. daroh dio Expedition: a) in Berlin M. —,9a b) nach auswärts M 1,— C) für das Ausland M. 1,5a Ü. im Postabonnemont M. 1,25 1• bei Sammelbezag daroh . die Ortsgruppe M. — &X Pootseitungslisto No. 3703. Insorato d;* viergcspaltcne Petitzeile 25 Pt. Inseratenbeilagon 15 M. $ Organ der ■ Zionistischen Vereinigung , für Betstschland•'. JErselieiiit | edlen. Freitag•! h Adresse für Geldsendung und Bestellungen:!Mag BüdlsAe RundsAm, e. a m. b. H. Setfia 622, BugusisfTasse I&.40S. Sprefistu ndea: 4-6 Uhr nachmittags. Redaktion: Dr. Heinrich fcocue, Berlin n$, 4$, behrterstresse 14/15. S^recbsCubdett: ’ Mmrng nd 4״ö IM. No. 51. Berlin. 19. Dezember 1902. 19. Kislew 5663. vil. Jahrgang. Das nationalgefüi)l als psychologisches Phänomen. ln einem Artikel der Preussischen Jahrbücher unter dem Titel ״Das Nationalgefiilil als psychologisches Phänoincn“ beschäftigt sich Hans Richter (Bromberg), mit dem jüdischen Nationalgefiilil im Allgemeinen und dem Zionismus im Besonderen. Vor allem ist cs der Ent- Schluss des Verfassers, der zu eingehender Erwäguu, auffordert, nämlich dass das Nationalgefühl lediglich ״als psychologisches Phänomen zu betrachten sei, als eine freie Tat des Individiums, und dasselbe infolgedessen auch von einem Volke zum andern übertreten könne.“ Richter kommt zu diesem Ergebnis du reit folgende Erwägungen. — Er meint, das Nationalgefühl habe zwar schon früher latent im Volksempfinden gelegen, habe sich aber im Lokalpatriotismus, Rassebewusstsein, Gefühl der Kulturzusammengehörigkeit erschöpft. Von diesen Verbindungen sei cs mit elementarer Plötzlichkeit frei geworden. Frage man nach dem Kriterium des Nationalgcfiihls, so scheide die Abstammung als höchst unsicheres Merkmal ebenso aus wie die rein zufällige Staatsangehörigkeit. Die Eigentümlichkeiten des Volkslebcns seien dem Wechsel unterworfen und die Sprache sei nur die Brücke für die Wechselbeziehungen der lndividuen gleicher Denkform, weil sic und nicht etwa die Kunst —• die Art unseres Denkens bestimme. Habe doch bereitsVischer nachgewiesen, dass die küustlerischcZusammenfassung dcrGesarntkräfte einesVolkcserst eintreton könne, wenn nach Erreichung praktischerZweckc das Volk subjektive Produktivität entwickeln könne. In Wirklichkeit sei das Einigende der Wille: die Kraft, die als Selbstbewusstsein aut die Reize der Aussenwclt reagiert, die verhindert, dass unsere Vorstellungsweli in ihre Bestandteile zerfällt. Gerade die Juden sind Richter ein besonderes zünftiges Beispiel für seine Behauptung. Denn da hier die Brücke der Verständigung, die gemeinsame Sprache fehlt, so sei dem einzelnen Juden kein sicheres Kriterium dafür gegeben, welches Volk sein Volk sei. Es ist nur logisch, wenn Richter nunmehr auch den Wechsel der Volkszugehörigkeit in besonders hohem Grade bei den Juden lediglich von der freien Entschliessung des Individuums abhängig machte.- Auf den ersten Blick hat diese Beweisführung etwas sehr bestechendes. Wenn mail zugibt: ״unbestreitbar schafft der Wille, der sich im Selbstbewusstsein objcktiviert, den Einzelnen,“ so muss man lortfahren: ״Ebenso schafft der GesanmvIÜe, der sich in vielen objcktiviert, ein Volk.“ Aber dieser Schluss ergibt nicht d:e \on Richter gezogene Konsequenz sicher zum Leidwesen vieler Nationaljuden, wie Assimilanten, für die er das Verlockende haben mag, ihnen die Begründung ihres jeweiligen Standpunkts leicht zu machen. Denn der Wille des Einzelnen beruht, wie gesagt, auf der Entwichlung des Triebes, des Instinkts, durch äussere Reize. Durch letztere wird also die Eigenart der Persönlichkeit, die bereits vorhanden ist, über das dumpfe Empfinden hinaus fortentwickelt. Genau so ists bei der Vielheit. Auch hier sind dumpfe Empfindungen, Instinkte, Triebe vorhanden, auch hier lebt bereits eine Eigenart, die ihrer selbst noch nicht bewusst ist und das Selbstbewusstsein einer individuellen Einheit wird durch äussere Reize ausgclöst. Richter selbst sagte zu Anfang seiner Beweisführung: ״Latent war das Nationalgefühl stets vorhanden." Ja, wenn cs eine psychologische Erscheinung ist, ein reines Willensmoment, so kann es doch nicht latent, d. h. unbewusst gewesen sein. Das Wesen des Willens ist doch gerade das Selbstbewusstsein! Es war also ein anderes schon früher vorhanden und im Willen hat es Klarheit erlangt. Und weil dieses Andere, schon früher da war, kann auch der Wille die Nationalität frei zu wählen, nicht konzediert werden. Denn der Wille als Folge der Eigenart kann eben nur nach einer bestimmten Richtung gehen, oder die Willensäusserimg ist gefälscht, widernatürlich, steht im Widerspruch mit dem Menschen und offenbart sich als Lüge bei jeder nach aussen erkennbaren Willensäusserimg. Nun könnte man einwenden, dass der Wille zur Volkseinheit eben etwas rein zufälliges sei, - dass eine Eigenart der Völker überhaupt nicht bestehe und deshalb der Individualität freiester Spielraum gegeben sei. Aber eine solche Behauptung hat Richter selbst nicht einmal aufgestellt. Sie würde auch der alltäglichsten Erfah-