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Jüdische Rundschau · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 87

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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Jüdische Rilndsolmii. Sdite 87. 8f>. 50. ergänzen, indem er namentlich die chlkanöse Schulpolitik der rumänischen Regierung den Juden gegenüber im Einzelnen darlcgtc. Erwähnt sei noch, dass gegen Schluss der Verpnmilung ein jugendlicher ״Ghibcllinc“, welcher eben erst in den Saal getreten war und somit d״n Vortrag gar nicht gehört < hatte, sich in einer mehr als selbstbewussten Haltung an die ־ Bekämpfung des Zionismus machte, indem er Brasilien als das einzig richtige I.and zur Kolonisation für die notleidenden Juden empfahl, während er Palästina für das allcrungccignetste erklärte, da nirgends die Juden so sehr bedrückt würden als in der Türkei, wo sie fortwährend unter der ״Knute“ Ständen. Diese Behauptung erregte, um so mehr Verwunderung, als cs ja allgemein bekannt ist, dass gerade in der Türkei von Alters her am wenigsten Antisemitismus herrscht. Die energische, etwas leidenschaftliche Erwiderung, welche ihm der Referent zuteil werden licss, dürfte den jungen Mann veranlassen, sich 1 in Zukunft etwas mehr mit der Sache zu befassen, che er öifeutlich darüber spricht. Die Expedit on der Jüdischen Rundschau, Beilin C 22. Auguststrasse 49 a, kauft Protokol l des 4. Z’orrstenkongresses zum Preise von 50 Pfennig pro ' Stück. Rundkijau. Berlin. Wie alljährlich, so konzc.trierte sich auch dieses Mal in den Wahlen zur A k a d e m i sc h c n Lesehalle die politische Tätigkeit der Berliner Studentenschaft. Damit überschreiten diese Wahlen den engen Rahmen ihres Inhaltes und gewinnen auch öffentliches Interesse. Im Vordergründe, oder vielmehr allein zur Erörterung steht die Judenfuge, sie bestimmt fast ausschliesslich die Gruppierung det Parteien. Zwei der parteilosen Körperschaften schieden dieses Mal aus, der aufgelöste Sozia! wissenschaftliche Studentenverein und die Finkcnschaft, welche Stimmenthaltung prokiamierte, weil den Wahlen zur Lesehalle eine Bedeutung bei-! gemessen wurde, die sie in keiner Beziehung verdienten. Neben diesem idealen Grurjdc mag doch wohl noch der kleine reale ir.Ugcsprochcii hahpn, dass nach den Erfahrungen des letzten Jahres die Existenz der Finkenschait durch die Wahlen oder besser durch die Judendebatte in Frage gestellt war. Damit war reiner Tisch geschaffen: Auf der einen Seite die amtsemitische ,.nationale** Partei mit der die katholischen Kor- Dotationen Zusammengehen, auf der andern Seite der die jüdische Sache vertretende Verein jüdischer Studenten und die Freie wissenschaftliche Vereinigung, die trotz vcrzwcifeltcr Gegenwehr von der nationaler, Partei immer als jüdische Gruppe betrachtet wird, zumal sie es leider nicht möglich machen konnte, christliche Mitglieder vorzuschicken. Dass grade sic am meisten autijüdisch wirkte, ist nicht zu verwundern. - Der Verein jüdischer Studenten legte in einer Sttidcntcnvcrsammlung durch den Mund unseres bewährten Gesinnungsgenossen Dr. Oppenheimer seine Prinzipien dar. und trotzdem sich die Freie wisseuschaftl.Vcr. und einige Finken redlich Mühe gaben, die Versammlung zu sprengen, dauerte die sachliche und für unsere Tendenz 'erfolgreiche Debatte bis fast um 3 Uhr nachts. - Bemerkenswert aber war wegen des Zusammentreffens aller Parteien besonders die vom ,Verein deutscher Studenten“ cinberufeuc Studentenversanimlung. Dr. D i b e l i u s (V.D.St.) hielt ein sachliches, ziemlich gemüssigtes Referat in dem er aber mit aller Entschiedenheit den antisemitischen Standpunkt der Partei hervorhob. Dr. Jaffa bemühte sich dann in langer Rede zu beweisen, dass die Juden auf den! besten Wege sind, sich dem Deutschtum völlig anzuvleichcn; er erntete viel Gelächter und höhnische Zurufe der deutschen Studenten. Von antisemitischer Seite war besonders Dr. W c n d l a n d interessant, denn er Ist durch seine berechnete und gehässige Methode ein würdiger Vertreter der Staatsbürger-Zeitungs-Richtung. Er zitierte Urteile über das Judentum aus ״jüdischen**- Autoren, nämlich von unserni braven Rathenau und den getauften Conrad Alberti. Als er Keim״ Schmutz um sich geworfen hatte, um glauben zu können, dass etwas haften geblieben sei. brachte er sein Urteil durch ein Hintertürchen in Sicherheit und nahm den donnernden Beifall seiner Gefolgschaft entgegen. Ihm gegenüber trat .die anständige Antisemitenperson des Herrn S e v i n sehr in den Hintergrund. Herr Hase, ein arischer Student der Finkcnschaft, sprach sich, wie er es schon ausführlich in der ersten Versammlung gethan hatte, als national, aber nicht antisemitisch Gesinnter aus. und wir hätten gegen seine würdigen Worte wenig ein/uwenden, wenn sie nicht so merkwürdig mit seinen verdeckten Angriffen auf das Nationaljudentum, wie er sie in der Hoclisclnilzeitung beliebt, kontiasticrcu würden. Ais Vertreter zionistischer Gesinnung 1 spraqh dann Herr Elias Auerbach, der zunächst zwischen ’־ nationalem Deutschtum und Antisemitismus eine scharfe Grenze zog und mit der durchaus nicht germanisch ehrlichen Kampfesir.cthodc der Antisemiten h la Wcndland schonungs-, los ins Gericht ging. Die Pille w׳ar bitter, aber wirksam. Darauf nagelte er die ״Nationale:!** durch direkte Anfrage auf den Grundsatz fest, dass sie auch, trotz ehrlicher Assimilatiosversuche aller Juden bei ihrer Bekämpfung des Judentums b I e i b e 11. w fi r ü c n . und hatte so die beste Waffe in, Händen gegen den tückischen Angriff des Dr. Wendland, der grade den nationalen Juden die Gleichberechtigung absprach, weil sie besondere jüdische Intcrcssen verfolgten. Endlich versicherte er, dass an ein Aufgeben des Kampfes von jüdischer Seite nicht zu denken sei. Seine Ausführungen genossen, trotzdem sie recht scharf waren. I peinliches Schweigen hei den Antisemiten. Nicht zu vergesscii sei noch das amüsante Auftreten des Herrn Wciss von 1 der F, W. V.. der sich als der Vertreter der Intelligenz bezeichnete. Wie tut uns die arme FAV.V. lei(., deren Intelligenz Herr Wciss darstellen soll! Die Debatte datierte noch ziemlich lange, öfter unterbrochen durch Beschwerden über parteiische Geschäftsführung des Piüskiiums (so etwas kommt also auch bei Germanen vor!). Nun sind auch die Waiden selbst vorbei. Die FAV.V. hat (gegen 1<יי im Vorjahr), der V.J.St. 201 (gegen 17S im Vorjahr) Stimmen erhalten. Von den etwa 309 Stimmen, die durch die ausscheidenden Parteien frei geworden waren, sind demnach INI auf d׳e FAV.V., 23 auf den V.J.St. übergegangen. Das also war die famose Wahlenthaiuing 1!>r Finken, die Herr Hase mit so viel Feuer proklamiert hat! Die Freie wissenschaftliche Vereinigung fristet nunmehr ihre unrühmliche Existenz an der Lesehalle durch anderer Leute Gnaden wieder auf ein Jahr. Unserem wackeren Mitkämpfer aber, dem Verein Jüdischer Studenten, wünschen wir Glück zu dem grossen moralischen Erfolg, den er errungen hat! Berlin. Die •Sitzung der Rcpraseiitantenversammlung war noch müder als gewöhnlich. Der einzige Punkt, der beinahe ein klein wenig Leben hätte schaffen kennen, war die Mitteilung | d.es Geniciudevorstandes in Sachen der Errichtung einer Betriebskrankenkassc. Ein Gutachten des Justizrat Dr. Ladmunn sprach sich gegen diesen Plan aus. der vom Vorstände mit viel juristischem Scharfsinn und wenig Wohlwollen behandelt wird. Die Synagoge in der. Lützowstrasse hat schon jetzt eine Reparatur für die Heizuugsanlage im Betrage von 1299 Mk. nötig gemacht. Der Rechnungsabschluss des Krankenhauses wurde von Prot. Baginsky lür minderwertig und dornig als ärztlicher Bericht bezeichnet. Der Rechnungsabschluss der Zentralstelle für Wohltätigkeitsanstaltet» hätte die Unterlage zu sozialen Beobachtungen von grossem Werte abgeben können, wenn er sich nicht auf das Dürftigste beschränkt hätte. Es folgte eine geheime Sitzung. Berlin. Die Jüdischnationale Frauenvereinigung veraitstaltctc am Sonntag zu Gunsten des von ihr begründeten Jüdischen Kinderhorts einen zweiten litterarisch-künstlerisciien Jtmgjiidischen Abend. Der Saal im Architektenhaus war geiiilit und. wie man uns von kompetenter Seite mitteüt. soll ein Uebcrschuss von 2*30 Mark erzielt sein. Die Darbietungen waren zum grossen Teile ausgezeichnet, und wenn die Dekiamation vielleicht hinter dem ziirückblicb, was im vorigen Jahre geleistet wurde, so war der musikalische Teil dem vorjährigen um so mehr überlegen. Besonders Fräulein Opfer trug zu dem überaus guten Gelingen Wesentliches bei. Wir hatten nur ein Einziges auszusetzen. Der Grundton aller dieser Vereustaltungen ist ein viel zu trauriger, wie er dem jüdischen Volkscharakter fremd ist. Leichter Sinn und froher Mut, nicht zu verwechseln mit Leichtsinn und Übermut, sind bezeichnende Seiten des jüdischen Staimncscliarakters. und es gibt ein schiefes Bild, wenn man nur ernste und traurige Sachen zur Darstellung bringt. Warum gibt man nicht einmal das reizende Volkslied vom ״Stodtsniann und Darfstnann** oder das Lied vom ״Ormen Schtnelkc“ oder ein anderes von den unzähligen lustigen Volksliedern zum Besten? Doch wir wollen den Ruhm des Abends nicht scliriiülcrn und uns diese Auseinandersetzung für eine andere Stelle aufsparen. Die Jüdischnationale Frauen- Vereinigung hat wieder einmal mit ihrer Veranstaltung Ehre eingelegt und der Zweck, um dcsscntw’illcn sic es tut, ist ein sehr empfehlenswerter. Kleine e&ronih. Berlin. Die ״M ,0 r g e 11 p o s t" schreibt anlässlich der Waiden zur Akademische!» Lesehalle: ״Von der Universität. Die Zahl der zum Studium an der Berliner Universität zugelassenen Frauen ist iti diesem Winterhalbjahre etwas geringer | als im Vorjahre. Sie beträgt 5J9, gegen 611 im letzten Winter. : D<;r.nicht erhebliche Unterschied ist im wesentlichen auf die

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