Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50. Jüdische Runds<»i»au. Seite 80. und er müsse seiner und seiner Kollegen Entrüstung über die Form der Adresse Ausdruck geben. Bel diesen Worten erhob sich Im Saale ein Sturm der Entrüstung, welche In begeisterten Worten unseres Gesinnungsgenossen Winter Ausdruck fand. — Unter den übrigen Einwänden, die gegen die Bewegung erhoben wurden, sind zwei religiöse hervorzuheben. Der eine gipfelte darin, man dürfe die Erlösung nicht hcrbcizu führen suchen, der andere, es dürfe eine jüdische Kultur nur auf religiöser Grundlage aufgebaut werden. Auf den ersten Einwand erwiderte Dr. Sandler dem Dr. mcd. Auerbach, die Besiedelung Palästinas sc! eines der wichtigsten Oebotc unserer Weisen, und man könne Ja nach dem Talmud die Ankunft des Messias eben so gut in Palästina erwarten. Auf .den zweiten Einwand wurde erwidert, dass es dann desto mehr Pflicht der sich orthodox nennenden Mehrheit im Judentum wäre, durch tatj kräftige Unterstützung das grosse Werk nach ihrer An-! schauung zur Vollendung bringen zu helfen. Um Übrigen wäre auf diese Einwürfe zu bemerken, dass der streng orthodoxe Jude sich in religiösen Dingen stets nach dem betreffenden Rabbiner richtet, dass aber hiersclbst an zuständiger Stelle das Urteil abgegeben worden ist. religiöse Gegengründe gegen den Zionismus seien nicht vorhanden.) — Einem andern Herrn, der uns den wohlgemeinten Rat gab, mit dem Gclde, das zu agitatorischen Zwecken verwandt würde, lieber den armen Juden aufzuheücn, musste wieder einmal von Dr. med. Sandler klargemacht werden, dass dies nur ein Palliativmittei sei. dass wir aber das Uebcl mit Stump! und Stiel ausrotten müssen und wollen. — Besonders interessant wurde die Versammlung durch { das Auftreten eines Antisemiten. Derselbe hatte selbstredend ־ die Absicht, die Versammlung durch einen Radau zu unterbrechen, was er auch beinahe erreicht hätte. Denn als dieser Herr, seinem Berufe entsprechend, sich in Beleidigungen und Beschimpfungen der Juden ergehen wollte, warteten einige Gäste das Glockenzeichen des Präsidenten nicht ab. sondern begannen den Redner mit ״Raus“-Rufen zu unterbrechen. Nur mit Mühe gelang es dem Vorsitzenden Blum die Ordnung wiederherzustellen. Dem Antisemiten wurde auf sein Versprechen, weitere Beleidigungen zu meiden, ferner das Wort gestattet Diesem Herrn wuidc von den verschiedensten Rednern eine so schneidige Abfuhr zu teil, dass es bedauerlich gewesen wäre, wenn er nicht zu Worte gekommen sein würde. Der hochinteressante Vortrag und die schlagfertigen Erwiderungen des Referenten hatten unter den Nichtzionisten eine Klärung der Meinungen zur Folge, und unsere Bestrebungen können hier um so eher auf Erfolg hoffen, als Assimilanten hiersclbst vcrhfdtnismSssIg in geringer Anzahl vorhanden sind. Breslau. Am Sonnabend, den 0. Dezember sprach in der Breslauer Zionistischen Vereinigung Herr Dr. Jur. Kahn- München über die soziale Funktion des Zionismus. Er führte aus, wie die Juden ursprünglich Ackerbauer, dann Handwerker und Grosshändler, schliesslich meist Zwischenhändler, aus Jeder ihrer wirtschaftlichen Positionen herausgedrängt werden, I nicht nur aus ökonomischen, sondern vor allem aus Rassenmotiven und nationalen Gründen. In Deutschland sei diese Krise, die anderwärts, besonders In Rumänien und Russland bereits den wirtschaftlichen Ruin der Jüdischen Massen herbeigeführt, erst im Entstehen. Dem gegenüber könne nur die־ Solidarität der Juden helfen, nicht Wohltätigkeit. Ein nationalcs Zentrum müsse als einziger Ausweg aus der Krise geschaffen werden. Hierfür könne aus den verschiedensten Gründen als das geeignetste Land nur Palästina in Betracht kommen. Ein solches nationale Zentrum würde auch einen Klassehaus־ gleich in der Judenheit herbeiführen. Materielle oder psychologische Momente werden dann die Juden teils in ihr neues Heim wandern teils kn alten verbleiben fassen, in welehern dann aber auch die Verhältnisse sich besser gestalten würden. Daher hätten auch ein Interesse am Zionismus die Zurückblcibcndcn, die aber vielleicht nicht identisch sind mit den Jetzigen Gegnern der Bewegung. Die Gegnerschaft sei meist nicht auf Verstandeserwägungen zurückzuführen, soudern auf instinktive Abneigung. Sie wollten nur die dem mosaischen Judentum fremde Wohltätigkeit, die Zionisten aber Solidarität. Nicht Emanzipation brauchen wir, sondern Selbstcmanzipation. Auch zeige sich jetzt schon eine Wirtschaftliehe Wirkling des Zionismus: die Hoffnung wirkt belebend, alle Vorteile einer organisierten Masse zeigten sich schon heute bei den Juden des Ostens. Später aber erst, wenn das Ziel erreicht, würden sich alle Segnungen des Zionismus offenbaren, würden erst die Juden zu Kulturpionieren werden, vom neien Judentum würde Heil für die ganze Menschheit ausgehen. Das Erstreben der Neunationaüsierung sei nicht Engherzigkeit, nicht Rückschritt, sondern die notwendige Betonung der Volksindividualität. Die mit edler Begeisterung vorgetragenen wohldurchdachten Ausführungen des Redners fanden bei den den Saai füllenden Hörern lang anhaltenden Beifall. Die bis nach 1 Uhr währende Diskussion beschäftigte sich Indes wenig mit dem vom Redner Gebrachten vielmehr mit einem Vortrage, den am vergangenen Dienstag Rechtsanwalt J0C1 im hiesigen jüdiselten Litteralurverein gehalten hat R.-A. Jo«־l sprach über ■ den Einfluss des Antisemitismus auf die deutschen Juden. Er | glaubte, den A. nur auf religiöse Motive zurückführen zu köu-! neu, und unterschied gute und böse Wirkungen. Zu diesen zählte er auch den Zionismus, der wohl edlen Motiven ent- ׳ Sprüngen sein möge, aber doch nur aus dem Zorn hcrausge- Dttepatur&erlcW. Enquöfe über Jüdische Orlcnikolonisatlon. Der ״Verein zur wirtschaftlichen Erforschung Palästinas", welcher im Vorjahre unter der Leitung bewährter Freunde des Jüdischen Kolonisationswerkes in Berlin entstanden Ist, versendet-soeben eine Serie von Fragebogen, welche den Zweck hat, dem bis letzt so schmerzlich empfundenen und für die bisherige Kolonisationstätigkcit so verhängnisvollen Mangel an zuverlässigen wirtschaftlichen Informationen betreffs Palästinas und der umliegenden Länder abzuhclfen. Die Enauöte wurde von den Mitgliedern des Berliner Komitees Leo Motzkin, Dr. Alfred Nossig, Davis Trictsch ausgearbeitet und nach den Angaben der auswärtigen Mitglieder des Komitees U. Ginsberg (Achad Ha’am) in Odessa, A. Aaronsohn. Dr. S. Soskin, J. Treidel und Dr. H. Yof6 ln Palästina ergänzt. Sic besteht aus folgenden Fragebogen-Serien: A. Allgemeine Fragen über die Methode und den Umfang der jüdischen Orientkolonisation. B. Detailiragen: I. Landwirtschaftliche Kolonisation. a) Das Gebiet der Jüdischen Kolonien. b) Die von der jüdischen Kolonisation noch nicht berührten Gebiete. II. Städte und Industrie. Eine aufmerksame Prüfung der Erlaubte lässt es erkennen, dass sie einerseits allen wissenschaftlichen Forderungen der Volkswirtschaftslehre, andererseits allen Eigentümlichkeiten der Oiicntverhältnisse und des jüdischen Emigrationsmateriais Rechnung trägt. So Ist zu hoffen, dass die sorgsam vorbereitete Enquete wesentlich dazu beitragen wird, eine neue, gesujjde und zielbewusste Kolonisationstätigkea ins Leben zu ruien. Die Ergebnisse der Enquete, welche in wenigen Monaten vorlicgen werden, gedenkt der Verein einerseits für eine grundlegende wissenschaftliche Publikation, andererseits für einen populären Führer für jüdische Emigranten nach dem Orient zu verwerten. Die Enquete wurde an alle kompetenten Personlichkciten, deren Adressen dem Vereine bekannt waren, verschickt, Personen. welche sich für die Enquete interessieren und denen die Fragebogenhefte nicht zugekommen sind, erhal• ten dieselben auf Verlangen von der Expedition der Zeitschrift ״Palästina“, Bcrlin-Halcnsec, Ringbahnstrassc 125. Es Ist bezeichnend, dass schon der vom zweiten Kongress eingesetzte Kolonisatioiisausschuss am 31.' August IS9S in Basel beschlossen hat, eine Statistik der in Palästina vorhaiidenen arbeitsfähigen Juden zu veranlassen, dass aber dieser Beschluss niemals zur Ausführung gekommen ist. Es wurde auch,in derselben Sitzung beschlossen, ein Handbuch für Palästinareisende zu schaffen, welches alle Fragen enthalten sollte, auf die inan fachmännische Antworten im Interesse der Kolonisation für erwünscht erachtete. Im Handbuch sollten die Fragen in systematischer Weise geordnet sein. Auch dieser Beschluss Ist nicht zur Ausführung gekommen. Es wird die Mitglieder des damaligen Kolonisationsausschusses üopdcU freuen, dass ein kleiner Teil ihrer Wünsche jetzt von Outsiders verwirklicht wird. *י Sämtliche erschienenen Zionistischen Litteraturworke, insbesondere der Jüdische Almanach, Hnrzls Altneuland und Der J udensfcaat, Eine Jüdische Hochschule, ZIocisHs Vom Heimwege sind durch die Expedition der Jüdischen Rundschau, Berlin C 22, Augusts!r. 49 a. za beziehen.