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Jüdische Rundschau · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 83

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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No. 60. JUdisohe Kundsctiaii. Seite 83. 1 Lieber Herr Seligman! . Es freut mich immer, von Ihnen etwas Aber irgend einen Gegenstand zu hören, aber es war für Sie nicht nötig, meine Entrüstung inbetreff der rumänischen Qrausamkciten (atrocitics) zu erregen. Sie sind einfach monströs und rütteln die zivilisierte Welt auf. Ich habe soeben das ״Rumanische Bulletin‘* von London erhalten und man hat kein Dokument, das ihm au Grausamkeit nahekommt, gesehen, seit der Reihe von Gesetzen, durch •welche Ludwig XIV. die Hugenotten , vt!folgte. Aber selbst diese, welche man für den Gipfel der Grausamkeit hielt, werden durch die im ״Bulletin“ mitgeteilten Übertroffen. Ich kann nicht glauben, dass rechtlich denkende Rumänen oder die zivilisierten Möchte erlauben können, dass dieser Zustand der Dinge fortdauert. Es erscheint als eine offene Verweigerung (defiance) von Recht, Ger e c h t i g k c i t und g cw ö h n I i c h e tn Anstande. Wollen wir das Beste hoffen. Sic erinnern sich dessen, dass, was die Sklaverei in unserem eigenen Lande betrifft, es gerade vor dem Anbruche des Tages am dunkelsten war, und so ist cs in vielen anderen Fällen und bei vielen anderen Nationen gewesen. Die Vereinigten Staaten sind nicht ohne Schuld bei der Behandlung einiger ihrer Bürger gewesen, aber sie haben ihr Unrecht im grossen Massstabe gutgemacht und werden cs bald vollständig tun. Wollen wir dasselbe für Rumänien erhoffen. Die R u m ii n c 11, mit denen ich bekannt bin. sind Männer von hohen! Charakter und ich kann nicht glauben, dass sic sich rechtlichen Massregeln zur Verbesserung der Lage ihrer hebläischen Mitbürger widersetzen werden. Was die von Ihnen vorgcsclibgene Methode aubetriüt, so will ich darüber naehdenken, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, dieselbe anzuwenden versuchen, obgleich ich fiirclue, dass es kaum möglich sein wird, es zu tun. Mit vielen freundschaftlichen Grössen an Ihre Familie und Sie selbst sowie mit meinen ernstlichsten Wünschen für die gute Sache, die Ihr Briet unterstützt, verbleibe ich aufrichtig der Ihrige (gez.) A 1t d. D. W 11 i t e. Mit dem im Briefe des Botschafters erwähnten ״Rouroaniau Bulletin“ ist eine Aufzählung der vielen Gesetze gemeint* die in Rumänien seit 20 Jahren erlassen worden sind, um die Erwerbsfähigkeit der rumänischen Juden cinzuschränken und deren Kinder von den öffentlichen Schulen fernzuhalten. Von befreundeter Seite wird uns ein Brief zur Verfügung gestellt, den ein zur Zeit in Rumänien weilender Student einer deutschen Hochschule an einen Freund und Studienkameraden richtet. Wir entnehmen diesem Privatbriefe eine grössere Stelle, die ein recht bezeichnendes Bild von der Lage unserer unterdrückten Brüder im Lande, wo die Lyrik aui dem Königsthrone sitzt, gibt: ״Ich weiss nämlich kaum, was Dir zuerst zu schreiben. Es gibt so viel Trauriges zu berichten, die Auswahl ist viel zu gross. Im zivilisierten Europa ist man müde geworden über die hiesigen Juden zu schreiben und zu lesen, und daraus schliesst die Allgemeinheit, dass es hier besser geworden. Wie falsch das ist! Nur eine kleine Auswähl von den zahllosen Chikanen will ich Dir im folgenden schildern und mich dabei jedes Kommentars enthalten. Jeder kann sich den Rest und die Tragweite hinzudenken. 1) Die rutnän.'Beamtenvereinc (jüd. Beamte giebt es Ja [ nicht) geben oft Bälle, um dadurch ihre Fonds zu verstärken. 1 Die Präfekten der Bezirke schicken die Eintrittskarten den j Polizcihcamten, die sic bei den jüd. Kaufleuten zum Preise vor. i 3 Fr. das Stück, u. zw. mindestens 2—3, absetzen. Will ein . Jude die Karten nicht mehr haben, indem er sagt, er habe I schon von anderen Polizcihcamten Billcts genommen, dann j bekommt er nach 15 Tagen eine Vorladung wegen ״Contraj Ncntlc“ (d. h. er hat sich irgend etwas gegen öfftl. Ordnung, j Reinlichkeit u. dg!, zu Schulden kommen lassen) u. am Tage : des Termins bekommt er eine ״Amenda“ (Strafe) von 5—10 j Lei. Solcher Termine giebt es regelmässig wöchentlich in ׳ Jeder Stadt 30—40 u. zw. nur gegen Juden.! 2) Die Sonntagsruhe scheint eigens deswegen eingeführt worden zu sein, damit” sich die kleinen Polizeibeamten au!! Kosten der Juden bereichern. Hat nämiieh irgend ein Kauf- | m.r»n dein in dieser Strasse stationierenden Polizisten nicht den! ״s Ibstverständlichen" Wochcnlohn gegeben, so wird er wegen t St rung der Sonntagsruhe angeklagt, obgleich der Ge- . schäftlad e 1! tatsächlich rechtzeitig geschlossen wor- 1 den! Solcher Prozesse gibt es wöchentlich regelmässig fast , 50 in hiesiger Stadt. , 3) Die Bäcker. Fleischer u. s. w. müssen den Polizciorgaj ticti Esswaren umsonst liefern. Kutscher bezahlen desgleichen; einen Tribut, sonst werden .sie angeklagt, ״mit unsauberem Wagen aiisgefahreu zu sein." Weigern sich der Fleischhauer u. s. w־., so freigebig zu sein, so bekommen sie ganz offen die Worte zu hören: ״Jidannc; (Jude), Du bist i.1 nnserni*Land11 ־.׳. musst geben: wenn es » Dir nicht gefällt, s^ geh' nach Palästina oder Amerika.“ 4) Bevor noch das Handwerkergesetz des Minister*. .Missir! in Kraft treten sollte, bat dieser saubere Herr ״konfidcmielic" Zirkulare an sämtliche Behörden des Landes geschickt, worin, dieselben ersucht werden, dafür zu sorgen, dass auch Privatk-ute die Juden mit keinen Arbeiten betrauen. Dies ist für die rumänischen Machthaber im Grossen und Kleinen heiliger Befehl, der genau exekutiert wird. — All das ist nicht Pliantasie oder — wie der Judcnstämrr.Üng Univ.-Proi. D. S. Hasdeu sagt — durch den Verfolgungswahnslnn der rumänischen Juden Eingebildetes, sondern reine Wahrheit. Ich könnte Dir selbst Namen und genaue Daten angeben, unterlasse das aber, weil es sich ins Endlose ausdehnen könnte. Unter den Juden gibt es überall Beschwichtigungsleutc. die uns den Ga.1 Eden in Rumänien prophezeien. Sie träumten — oder lassen uns träumen — von bürgerlichen Rechten für die Juden u. s. w. Mau ist aber tatsächlich in rumänischen massgebenden Kreisen wenig geneigt, diese Träume jemals zu verwirklichen. Die öffentliche Meinung ist in Rumänien immer verschieden, sie bildet sich nach den Acusserimgen hervorragender Personen. — In Rumänien gilt als der gelehrteste Mann der vo.1 jüdischen Grosseltern (wie er selber angibt) stammende Univ.- Prof. Bogdan P. Hasdeu. Dieser Mann veröffentlicht in der ״Cronica" vom 3./16. Nov, 1902 einen langen Brie! an Herrn J. G. Bibiccscu, worin er seine Ansichten in der . Judenfrage wiedergibt. ״Er sei eher als alle Rumänen seit 1 40 Jahren als Antisemit bekannt und seit jener Zeit bekämpfe j er ununterbrochen die Invasion der Juden nach Rumänien, aber! niemals aus ״bigotten Vorurteilen.“ Zum Beweis führt er seine Pferde zur Kur und Dressur untergebracht waren. Noch j einige Werst weiter ins Land hinein lag eine kleine gut- * gepflegte Besitzung mit Gastwirtschaft, die viel von städtischen Ausfliiglern besucht wurde. Die Wirtin, eine Wittwe, hatte eine hübsche, vielumworbene Tochter, die mir ausnehmend gefiel und ihrerseits auch mir, wenn ich die Wirtschaft besuchte, was häufig genug geschah, au! das Freundlichste entgegenkam. Ich beschloss, wenn ich es durchzusetzen imstande wäre, sie zu meiner Gattin zu machen und sprach sowohl der Mutter, als auch der Tochter gegenüber meine Absicht offen aus und weder die Mutter noch die Tochter wiesen meine Bewerbung zurück. Meine Vorgesetzten hatten nichts einzuwenden; denn sobald der Beamtete, ja selbst der Gemeine unter den Soldaten, welche ja allesamt Berufssoldaten waren, die Altersgrenze überschritten hatten, durften sie heiraten, weil angenommen wurde, dass die Söhne von Soldaten wieder zu Soldaten erzogen würden. Allein so leicht und einfach sollte ich doch nicht zum Ziele gelangen. -Die Anverwandten sträubten sich aui das Heftigste gegen diese Verbindung. Das Mädchen sollte einen •Mann aus der Familie heiraten, damit das | Besitztum und Vermögen der Frau nicht in fremde ׳ Hände gerate, und sie hatten auch, schon einen jungen Mann hierzu ausersehen; ich kannte diesen meinen Nebcnbuhler, der sich schon seit mehreren Jahren um die Gunst des Mädchens vergeblich bewarb, sehr gut — er wurde häufig zur Aushilfe im Geschäfte und Bearbeitung der Acker- und Gartengrundstücke herangezogen. Auch die beiden Söhne der Frau, die älteren Brüder des jungen Mädchens, welche auswärts verheiratet \vareu, wollten von dieser Heirat nichts wissen. Meine jüdische Abstammung schien ihnen offenbar widerwärtig zu sein, und aufgestachclt von den Anverwandten drangen sie darauf, mich abzuweisen und mir den Besuch der Wirtschaft zu verbieten. (Fortsetzung folgt). Bus meinem Inärcbcnbncbc. . ~ Von Heinrich L 0 e w e. (Nachdruck verboten.) (Uebersetzungsrccht Vorbehalten.) Der Sonnenstrahl. Der Regen hatte die letzten Wochen unaufhörlich angedauert. Dann war es plötzlich übe! Nacht kalt

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