Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651274-2651286--00098-2656871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 82. JiidiAolie Ruadscliau. Ko. 50. und speziell das Titelblatt ganz unverkennbar Liliens 7füge. Und ebenso ist der unendlich reichhaltige litte rarische Teil wohl ein Sammelplatz der feinsten und originellsten Geister der jüdischen Renaissance, aber doch verleugnet er nicht seinen Ursprung von Feiwel und Buber. Beide Teile sind aber so ineinander gearbeitet, dass man billig staunen muss, wie sehr es den drei Freuudeti, die durcli die Kunst und das Judentum zusammengeführt sind, gelungen ist, gewissermassen ein einheitliches Ganze zu werden. Der jüdische Almanach ist das erste Zusammenwirken von jüdischen Geistern verschiedener Länder auf dem Gebiete der litterariseken und darstellenden Kunst, und darf den Anspruch er!:eken, als ein hervorragendes Werk im Neubau der jüdi• scheu Renaissance angesehen zu werden. Denn das ist wesentlicher Unterschied dieses unter j dem Siern des N'ationaljudcntums entstandenen Kultur-! werks. dass cs sich hier um eine jüdische Renaissance j handelt, während das vorhergegangene, besonders von j deutschen Juden geschaffene höchstens den Anspruch j erheben durfte, jüdischer Humanismus zu heissen. Es ן ist so ganz was anderes, wie alles bisherige auf dem I Gebiete jüdischer Dichtung, wenn in Hugo Salus’ Dichj tung: ״Vom hohen Rabbi Löw“ die Jugend und die glatte Haut dem jüdischen Weibe zum Bewusstsein kommen, wenn gewissermassen die Sinnlichkeit in die ihr gebührendeii Rechte wieder eingesetzt wird. Das ist ein Gcdicht, an dem viele Anstoss nehmen werden und vielleicht schon nehmen, das aber darum nicht minder Bedeutung hat und verstanden sein will. Und ein schöner Zug ist, dass man nicht vergessen hat, im ersten Littcraturwerk des jüdischen Verlags unsern jungen Genossen zu verewigen, der nicht mehr unter uns weilt, den das finstere Verhängnis in seinem gan- . zen kurzen Leben verfolgt hat, und der aus Verzweit- : lung im Liebeselend auf dem Marktplatz von Florenz i als Selbstmörder endete. Wir haben uns wehmütig gcj freut, unter den Mitarbeitern des jüdischen Almanach unsern Weltwandcrer, den unglücklichen Joseph Marcou- Baruch zu iinden. Er ist der Märtyrer seiner Liebe zu einem Volk und zu einem Weib geworden. Seine verstreuten Gedichte sind sein Grabstein, der unzerstörbar ist. Es ist hier nicht der Ort, um die einzelnen Artikel und künstlerischen Beiträge zu besprechen, das muss später gesondert geschehen, aber es kommt dem AImanach zu, dass man auf ihn hin weist als auf eine Tat! Und diese Tat geht aus von Lilien, Feiwel und Buber, den Vertretern der Demokratisch-Zionistischen Fraktion. Wir haben wiederholt ausgesprochen, dass wir die Fraktioniorung für bedauerlich und sicher für sehr verfrüht erachten, wir bedauern diese Abspaltung freiheitlicher Elemente des Zionismus gerade im Interesse der freiheitlichen Ideen im Zionismus und wir müssen immer wieder unsern ablehnenden Standpunkt der Fraktion gegenöber klar stellen. Das soll uns nicht hindern, frei und offen zu erklären, dass der Jüdische Almanach eine Tat ist, die erste Tat der Demokratisch-Zionistischen Fraktion! Sie ist auf diesem Gebiete positiven Schaffens und Sammelns den übrigen Zionisten mutig und erfolgreich vorangegangen und wir dürfen kein Bedenken tragen ihr hier zu folgen, wenn auch der Geist, den ihre Schöpfungen atmen, nicht immer der unsrige ist. Auf diesem Gebiete werden wir freudig neben einander und miteinander Hand in Hand arbeiten können. Es war unnötig die Entschuldigung des Kalenders in Anspruch zu nehmen. Aber doch würden wir es bcdauern, wenn der Aimanach eine vorübergehende Erscheinung wäre und nicht alljährlich wiederkehrte. Nur einen Fehler hat das prächtige Buch: Es ist so billig, dass man zu wenig erwartet, und cs darum vielleicht nicht genügend in weiteren Kreisen bewertet. Jeder Jude sollte cs in seinem Hause haben, wenn er es kann: ״Es ist ja nur ein Almanach, es ist ja nur ein Luach!“ Heinrich Loewe. Die Cäge der pulen 1» EsoSsfe». Als vor zwei Wochen der amerikanische Botschauer in Berlin, Herr A ndre w D. W hi t c, seinen 70. Gcburtstag feierte, haben deutsche Blätter aller Parteien dem amerikanischen Staatsmann(?, wegen seiner Gerechtigkeitsliebe und Unparteilichkeit volle Anerkennung gezollt. Aeusserungen eines solchen Mannes verdienen daher sicher weitestgehende Beachtung. Wir entnehmen der ״Frankfurter Zeitung" ein Schreiben, dessen Vorgeschichte die iolgcnde ist: Herr Henry Seligman in Frankfurt a. M. hatte sich in einem j Schreiben vom 24. September an Herrn Andrew Dr. White gewandt, in welchem er ihn unter Hinweis auf den Berliner Vertrag und die Note des Staatssekretärs Hav bat, bei Kaiser Wilhelm ein gutes W ort für die armen verfolgten rumänischen Juden cinzulcgen und dahin zu wirken, dass die rumänische Regierung ihr feierlich gegebenes Versprechen erfülle. Darauf antwortete Herr A. Ü. W׳ h i t c in einem Briete, der ,in der Uebersetzung aus dem Englischen wörtlich folgcndermasscn lautet: Bilder aus dem russischen ßeUMetto. Sundei der Roooarzt. Von Dr. J. Rölf-Bonn. (Fortsetzung.) Auch zu meiner Rechtgläubigkeit schien inan wegen meiner Beziehungen zu der Familie des Arztes kein rechtes Zutrauen mehr zu haben. Auch wollte man mich dem häufigen Verkehr mit jüdischen Kaufleuten und Händlern, die mir meine Angelegenheiten besorgten und Bedürfnisse lieferten, entziehen. Ich erhielt den Befehl, mich nach Rostow am Don zu begeben, in dessen Nähe eine Art Sanatorium fiir verwundete und erkrankte Pferde eingerichtet war. Das war mir ganz recht. Der Aufenthalt •in Simferopo! schien mir'gefahrvoll zu werden, durch Übereifer mancher Glaubensgenossen, die mich zur Flucht nach der Türkei zu bereden suchten. Dazu aber war mein Mut und mein Wille nicht mehr stark genug. Ein ganzes Regiment Soldaten, welches zur Ver- Stärkung nach dem Kaukasus geschickt wurde, nahm denselben Weg; dem schloss ich mich an und langte nach mehrwöchentlichem Marsche In Rostow an. Dort erhielt ich eine angemessene und angenehme Stellung als angcstelltcr und besoldeter Assistenzarzt. An Arbeit fehlte es auch hier nicht, doch war diese mehr freiwilliger Art. Der Russe ist gerade kein allzufleissigcr Arbeiter. Er lässt sich nicht gern stören in seinem Wohlleben und seiner Bequcmlichekit. Da hiess es denn immer, ach, Lcskin ich bin heute anderweit. beschäftigt, Ich habe gerade keine Zeit, ich bin verhindert, vertreten Sie mich, tun Sie dieses, tun sie jenes fiir mich — und ich willfahrte umso lieber, als die Arbeit oft sehr gut honoriert wurde. : Ich begann — auch so eine echtjüdische Eigentiimlichkeit — zu sparen, so viel ich konnte und jeden Kopeken, den ich erübrigen konnte, meiner sehr heimlieh und sehr sorgfältig verwahrten Sparsumme hinzuzufügen; bcsass auch schon nach einigen Jahren eine stattliche Zahl der sehr kunstvoll ausgcstattetai, damals wenigstens als nicht fälschbar geltenden Hundertrubelscheinen. Und da ich Geld hatte — auch das ist so ein Erbteil des jüdischen Blutes — war ich sehr eitrig und fleissig bestrebt einen Hausstand zu gründen. Ich hatte meine Wohnung nicht innerhalb der Stadt selbst, sondern in der Nähe der Baracke, worin die