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Jüdische Rundschau · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 81

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 81 (sequence 1)
Language
German
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Wem sind nicht Orbasan, der j Herr der Wüste, der Dr. mit dem langen Namen Chakamankabudibaba, der klappernde Khalii Storch und das treue Glasmännlein von Jugend auf lieb und vertraut? Kein Haus, in dem Hauffs Märchen fehlen, kein Kind, * das nicht ihrer sich freut! ,Und doch hat der Verfasser! Bedenken getragen, ob er mit seinen Märchen auf! Gegenliebe rechnen dürfte. Er hat die Form eines Kalenders gewählt, um sie unter die Leute zu bringen. Das Märchen vom Märchen, mit dem er seine Geisteskinder einführt, erzählt, wie der Kalender wandert und wie er an den Toren von kritischer Hand geprüft wird, ob er in die Stadt einzulassen sei, und wie man endlich Fräulein Märchen in ihm findet und erkennt, die man für ungefährlich, für politisch unverdächtig ansieht. Es sind Ja nur Märchen, ist ja nur ein Kalender. Hauffs Märchen haben sich die Welt erobert, und die deutsche Lftteratur, deren integrierender Teil sie sind, hat es nicht nötig, sich des Kalendcrgewandes zu bedienen, wenn sie etwas Neues, etwas ״Modernes“, Modernes mit Gänsefüssclien auf den Büchermarkt werfen will. Wohl aber ist unsere jüdische Litteratur gezwungen, sich fein säuberlich in den ausgetretenen Gleisen zu bewegen, wenn sic überhaupt Litteratur genannt, wenn sie anerkannt und gelesen sein will. Und dabei haben wir auch auf dem jüdischen Littcraturgebiete in dieser Beschränkung eine solche Armut an Litteraturcr- Zeugnissen, dass jede neue Erscheinung von uns mit Freuden begrüsst werden muss. Freilich haben die Jüngsten Tage, wie es scheint, einer kleinen Wandel darin gebracht. Immerhin ist es ein Wagnis, sich an einen jüdischen Leserkreis mit jüdischer Litteratur zu wenden. Ob die Herausgeber des neuesten eigenartigen Litteraturerzeugnisses dies genügend bedacht haben, ob sie sich hinreichend bewusst waren, ein wie grosses Wagnis sie auf sich genommen haben mit ihrer Fubiikation, wissen wir nicht. Aber sie haben eine Form gewählt, die immer die Entschuldigung zulässt: ״Es ist ja nur ein Luach!“ ״Das Jahr 5663 ist das 1833ste nach der Zerstörung Jerusalems und das 339Sste nach dem Ausgange aus Aegypten. Es ist ein volles Gemeinjahr von 355 Tagen mit 51 Sabbaten u. s. w.“ sagt der Kalendermaclier, indem er seine astronomischen Berechnungen uns zu Nutz und Frommen publiziert. Es ist das ein Kalendarium mit Gedenktaieln und allem Zubehör eines guten Kalenders, ein Luach, wie wir ihn uns nur wünschen können. Ein Luach, der dem Sucher eines Datums Freude macht, und bei dem die Zusammenstellung der Gedenktage durch den künstlerischen Rahmen, den ihr Wilhelm Wachtel verliehen, eine feine Symbolik erhält. Und doch möge uns unser lieber Kalendermaclier Jakob H. Wagner verzeihen, wenn wir gerade heraus sagen, dass sein Luach das ist, was am wenigsten den Reiz der Neuheit für sich hat. ״Der jüdische Almanach 5 663“ ist zwar nur ein Luach, aber ein so eigenartiger Luach, wie er bisher noch nicht existiert hat. Wenn man weiss, dass Bcrthold F e i w e 1, E. M. Lilien und Martin 13 u b e r sich in das unzweifelhafte Verdienst teilen, den Almanach herausgegeben zu haben, so hat man von vornherein das geistige Milieu, dem der Almanach angehört. Man begreift sofort, dass die Kalendenortn nichts ist als eine Entschuldigung, dass man es wagt, jüdische Litteratur dem verwöhnten Gaumen schmackhaft machen zu wollen, dass man jüdisches Leben und jüdisches Fühlen in jeder Form kulturgerecht uns vorsetzt. Man versteht, dass uns etwas geboten wird, was zu dem Bedeutsamen im jüdischen Leben gehört, aber man weiss auch, dass die Gesamtheit dessen, was .uns hier sich bietet, seine bestimmte Farbe durch die drei Leute bekommt, deren Namen es trägt. Wer jemals eine Zeichnung von Lilien gesehen und genau betrachtet hat, wird immer die Eigenart des Künstlers so scharf auifassen, dass er immer seine Zeichnung auf den ersten Bück wieder erkennt. Und wenn auch der Almanach in seinen! von Lilien redigierten künstlerischen Teile Reproduktionen von Antokolski, Göttlich, Israels, Max Lieberinann, Struck, Lesser üry und so vielen andern bringt, die vielfach so ganz anders ais Lilien sind, so trägt doch der Almanach in seinem künsticr!׳::ben Teile

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