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Jüdische Rundschau · 1902-12-05 · Heft 49 (5.12.1902) · p. Seite 75

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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No. 49. Jiidisolte Ri1iu18(,}iui Betonung Jüdischen Nationalbewusstseins als mit dem Besitze des deutschen Staatsbürgcrrcchts Unvereinbar angesehen. Der Einsender vergisst, dass die Rcoricntalisierung nicht unsere Erfindung, sondern von den! Redner des Abends (Dr. Ziocisti) proklamiert und dass der Betonung der jüdischen Nationalität - ebenfalls eine bisher nicht beobachtete Schärfe gegeben worden war. Hierauf bezogen sich die Schlussbemerkungen in Nr. 787 d. Ztg. Es ist daher durchaus deplaziert, wenn der Einsender der Zuschrift weiterhin schreibt:... ln diesen Sätzen vermengt sich das positiv-wirtschaftliche Ziel des Zionismus mit den Tendenzen, wie sie im ״Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ zuhause sind, in einer Weise, die der Sache des Zionismus kaum neue Sympathiecn verschaffe!; wird. Dass die Juden in Deutschland nur ״recht papierr.c Staatsbürgerrechtc haben oder haben sollen", ist eine Be* hauptung, die nicht verfehlen wird, einiges Staunen hervor* zurtifcn, denn bisher wurde nicht blos von christlicher, sondern auch auf Jüdischer Seite angenommen, dass die jüdische BevMkcrung recht erhebliche Rechte besitze und dieselben sic!» auch zunutze zu machen verstehe. Daran knüpft die ״Schlesische Zeitung“ weiter keine Bemerkung. Dass Dr. Ziocisti eine ..Rcoricntalisierung■' proklamicri hat, geht doch wohl aus dem sehr objektiven Bcrieh; der ״Schlesischen Zeitung“ nicht hervor. Das hat sie nur hincingclcsen. Sic hält das Wiederaufleben jüdischer Kultur in modernen Geiste dafür. Das ist aber doch wohl ein erheblich anderes. Interessant Ist die Bemerkung, ״dass Jis jüdische Bcvolkerung recht erhebliche Rechte besitze und dieselben sich auch zunutze zu machen verstelle". Wenn auch darrm die ״Schics. Ztg." mit dem Zionismus njcht mehr sympathisier!; eine Kritik der bestehenden Zustände lassen wir Zionisten uns auch nicht nehmen. Und wir lassen cs uns auch nicht nehme;•, .wenn wir auch ein neues Heim uns bauen wolxa, doch noch nebenbei daran zu arbeiten, dass das alte wohn’tchcr werde, schon für die, die selbst später einmal 0!׳G1 drin verweilen wollen. In der Tat hat auch die ״Schics. Ztg." vor 3 Jahren einen anderen Standpunkt eingenommen. Damals schrieb sie (30. Mürz 1S99) im Anschluss an einen Artikel der ״Conserv. Corresp": . . ״Für Deutschland würde ein Gelingen der über Erwarten angewachsenen Bewegung von Vorteil sein. Für die In» Eiend verkommenden jüdischen Massen im Osten zu sorgen, gebietet die Notwendigkeit. Erinnern sich die .,»de».' ihrer Stammesherkunft und der sich aus dieser ergehender. Verpflichtung, so wird deshalb niemand annchmcn, dass sic uripatriotisch seien. j Werden vielmehr die westeuropäischen Länder von dem dau- | ernden Zuströmen erwerbsloser armer Juden befreit, und wird; so der brennendste Teil der Judenfrage durch den Zionismus | praktisch gelöst, so wird man cs der Bewegung Dank wissen, j wie man ihren theoretischen Zielen schon heute die Billigung | nicht versagen kann." Das klingt nun doch etwas anders, als ucr Jetzige Stand* punkt. Sollten wirklich Dr. Zlocist's Aufführungen r.n der Sinnesänderung schuld sein? Beinahe glaube ich ein andere. Die jetzige Anschauung der ״Schi. Ztg." erinnert gar so sehr an eine, die uns Zionisten sehr wohl bekannt ist, die uns gar oft in unseren Ver- Sammlungen von unsern Gegnern vorgehalten wird. Ich.kann die Vermutung nicht unterdrücken, dass die ״Schics. Ztg." zu ihrem Gesinnungswechsel durch assimilatorische Stamu.esge- J nossen kam, denen die uns freundliche bisherige Haltung des J konservativen BJattes schon längst ein Acrger war. I"' ’ ־•׳' ' " ' ..; sorgt.“ j Der deutsche Kaiser sagte neulich in Posen: ״Das König- | reich Preussen setzt sich aus vielen Stämmen zusammen,! welche stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart, j Das hindert sic nicht, vor allen Dingen brave Preussen zu | sein.“ | Sollte das nicht auch von den Juden gelten, die stolz aut' ' ihre Eigenart sind und sie nicht vergehen lassen wollen? j Mit ihrer früheren Stellungnahme zum Zionismus war die ״Schics. Ztg.“ zum Staunen aller, die sic kennen, zum ersten Male objektiv in einer jüdischen Frage. Sollte ihr das leid getan haben? Wie dem auch sei: Die Sympathie der ״Schles. Ztg." konnte uns nicht fördern, ihre Antipathie wird uns ebenso wenig schaden. Hugo Schachtel. Bus der Bewegung. Berlin. Am Mittwoch, dem 3. Dezember, begann der von Herrn Davis T r i c t s c h geleitete Palästinaktrsus der Akademischen Zionistischen Vereinig u!1 g. Dieser Kursus findet allwöchentlich am Mittwoch um halb nenn Uhr statt, und ist öffentlich. des Kaisers Nikolaus kam der Pariser Friede zu Stande lind mein väterlicher Freund und ich bezogen wieder unsere früheren Quartiere in Simtcropol. Von letzt an begann für diesen meinen Gönner eine schwere Leklcnszeit. So lange Kaiser Nikolaus lebte, wagte sich niemand an ihn heran, obschon er Neider genug bcsass, welche ihm die Kaiserliche Gunst und seine hohe Stellung missgönnten. Auch noch während des Krieges musste die Missgunst sich ruhig verhalten, der furchtbare Ernst des Krieges hielt alle Leidenschaften im Zaume. Die Gegner hatten bald herausgetunüen, wie dem edlen Manne belzukommcn, wie er am leichtesten zu schädigen sei. Sein herrliches, unvergleichliches Weil) sollte ihm zum Verderben gereichen. Es hatte nicht verschwiegen bleiben können, dass sic eine Jüdin sei, jüdisch lebe und ihre Kinder im jüdischen Glauben er* ziehe, ein todeswertes Verbrechen nach dem Gesetze des Staats und der Kirche für einen angeblich dem ortliodox-gricchtschen Glauben angehörenden Mann. Zunächst erging an ihn von seiten des Generalkoininandos die Weisung, entweder sich von seiner Frau scheiden zu lassen oder seine Steife niedcrzulegcii. Er I ־ war durchaus nicht abgeneigt auf seinen Posten zu ver- ' zichten. denn er bcsass Vermögen genug, um auch ohne j die wenig clnbringcude Staatsanstellung leben zu könneu. Daneben aber drohte ihm eine Anklage beim heiligen Syucd, die leicht mit einer Verbannung nach Sibirien und gewaltsamer Trennung von Frau und Kindern hätte enden können. So grausam durfte man jedoch mit dem hochverdienten Manne nicht verfahren, zumal inan auf seine erprobte und viclbernfene ärztliche Kraft und Kunst nicht verzichten wollte. Zunächst erhielt er eine Versctzungsordre, welche ihm seinen Wohnsitz in einem unbedcutoten Orte des Kaukasus in der Nähe des Kriegsschau- Platzes anwies. Ich bewunderte die grosse Ruhe, womit er diese Ordre hinnahm und alle Veranstaltungen traf, um derselben iiachzukommcu. Alles Besitztum wurde veräussert, alles, bis auf das Notwendigste, zu Geld gemacht. Am bestimmten Tage reiste er ab — die Seinigen hatte er bereits vorausgeschickt; allein anstatt sich an seinen nestimmungort zu begeben, ging er und die Seinigen, mit welchen er unterwegs wieder zusanmieiigetroücn war, ins Ausland. Niemand suchte ihn daran zu!lindern,

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