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Jüdische Rundschau · 1902-12-05 · Heft 49 (5.12.1902) · p. Seite 74

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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Seite 74• Jiidisclie Ruudseliau. Ko. 49. Jüdischen Volkscharakters starke Hemmuugsinoinentc j für unsere Idee finden wollen, weil eben dadurch der | Jude sich dem Deutschen wahlverwandt fühle und umso j Inniger sich assimiliere. Herrn A. erscheint diese Logik geradezu absurd, und er sucht sic, durch einen wenig! geschmackvollen und auf beiden Beinen hinkenden Ver- | gleich Ins Lächerliche zu ziehen. Im übrigen durchaus י sachlich, richtet Herr A. seine Hauptkritik gegen meine! Auffassung von den Schwierigkeiten, die die tiefiuner- I liehe Anhänglichkeit unserer Juden au deutsche Kultur j dem Vordringen des Zionismus bereitet. Ich habe j in meinem Aufsatz ein Problem berührt, das unter tut- > seren zahlreichen inneren Problemen vielleicht das j difficilste und in seiner ganzen Tiefe und Breite noch wenig studiert ist. j Dies Problem kann ich auch hier nicht ausführlich behandeln, nur andeuten möchte ich, dass cs sich da tun ■ einen ganzen Komplex von Prägen handelt. Staats־; bürgertreue, Heimatsgefiihl, Vaterlandsliebe, Kultur-! empfinden - - die Präge nach dem Verhältnis dieser einzclnen Komponenten zum jüdischen Nationalgcfühl, ob und wie dieses mit jenen innerlich verknüpft werden; kann, ob und wieweit sie unvereinbar sind, die Präge! wird die verschiedenste Beantwortung finden, je nach i dem Mischungsverhältnis jüdischer und deutscher Krziehungs-, Bildtmgs-, Milieu- und sonstiger Lehenselemente im Einzelindividuum. Diejenigen, bei deren Entwicklung neben den deutschen . auch jüdische Kultureinflüsse hinreichend zur Geltung gekommen sind, werden wohl imstande sein, beide Kulturwelten rasch und am Ende ohne Bruch zu ver- I schmelzen, — bei der runden Vereinigung dieser Möglichkeit für alle Fälle bin ich in meinem Aufsatz ent- : schieden zu weit gegangen —. Die meisten deutschen : Juden jedoch wissen wenig vom Judentum, haben fast : nichts von jüdischem Empfinden innerlich erlebt oder gar durchlebt, niemals echt jüdisches Leben um sich! gesehen; darum muten sie diese Kulturwerte fremd an * und ״ihrer Bekehrung zum Zionismus muss ein hartes Ringen mit der Anhänglichkeit an die liebgewordenen : deutschen Kulturgüter vorausgehen“. Dabei bleibe ich auch jetzt, nicht weil es in ein aphoristisch aufgebautes 1 Anschauungssysteni gut hineinpasst, sondern weil ich « selbst diesen Vorgang oft genug aus nächster Nähe be- : obachtet habe.*) * ) Unser lieber Dr. Jeremias verallgemeinert hier wohl zu sehr, indem er von den deutschen Juden behauptet., was ausschliesslich auf die ostelbischen Juden zutriift. Die Redaktion. Die praktischen Gesichtspunkte meiner Studie anlaugend, war ich der Meinung, dass eine gesunde, zielbewusste Organisation unerschrocken den besonderen Schwierigkeiten ihres Arbeitsfeldes ins Auge schauen muss, dass sic bei allem Optimismus doch gut tut, sich von Illusionen frei zu halten, die zwar eine Zeit lang stimulierend wirken können, bald aber lähmender Enttäuschung weichen müssen. Trotz der Erkenntnis von den gewichtigen inneren Hemmungen, denen wir begegnen, steht es mit den Aussichten des Zionismus in Deutschland nicht so iibcl, wie cs nach Herrn A. notwendig aus meinen Betrachtungen folgen müsste. Denn die von mir betonten inneren Gründe des Widerstrebens der deutschen Juden siiid durchaus nicht so unabänderlieh feststehende. Sorget nur, dass, noch vor Rückkehr ins Judenhnd, eine neujüdische Kultur immer voller und schöner erblühe, so wird auch dem deutsch fühlenden Juden die ganze zionistische Weltanschauung immer liebenswerter erscheinen! Dann werden auch diejenigen, die heute erst langsam und unter Schmerzen der Fesseln deutschen Wesens ledig werden müssen, um uns folgen zu können, sieh rascher und impulsiver unseren Ideen zuwenden. Vor allem aber wird die jüdische Renaissance auf die heranwaehsende Generation machtvolle Wirkung entfalten; diese wird nicht mehr in einseitig deutschem Knlturmilieu sich entwickeln, nicht später ver die schwere Wahl zwischen zwei Kulturwehen geteilt werden. Sie muss gleich in das neujüdische Bildtmgs- und Empfindungslebcn, in die alte Heimatsselmsucht und das neue Vaterlandsgefühl hineinwachsen und so noch im üolus ein geschlossenes jüdisches Lehen führen lernen, das ״durch fremde Einfliisse nicht verdeckt und verkümmert“ wird. Dass mit also exklusivem J u d a i s m u s sich die Hochachtung vor einer ..fremden“, z. B. der deutschen Kultur, sehr wohl verträgt. — das bedarf keiner Ausführung. D r. Jeremias, Posen. Zionismus und ״St&IcsIsc&e Zeitung“. (Fortsetzung.) Die eilte Zuschrift, von der hiesigen zionistischen Vereinigung ausgehend, wirft zunächst der Schics. Ztg. Wankelmiltigkeit in der Behandlung des Zionismus vor. Sie habe diesen früher objektiv betrachtet, ihm einen günstigen Fortgang gewünscht und ihn mit der ״Cons. Corr.“ als praktisch und theoretisch billigcnswert bezeichnet. Nun werde auf einmal im Zionismus eine Reorientalisierung erblickt und die Bilder aus dem russischen ßelcl)$<11)etto. 8mtdd der Rossarzt;. Von Dr. J. Rütf-Bonn. ־ (FortseUung.) Die karaitische Gesetzlichkeit, wie solche von den Lehrern und Meistern der Sekte für alle Folgezeit ist festgesetzt worden, ist ja weit strenger und unanpasslicher gegenüber den Erfordernissen der Zeit und der menschlichen Bedürftigkeit, als die t a l m u ־ dlsche Gesetzlichkeit. Das karaitische Gesetz stellt übermenschliche Anforderungen und wird darum von den Wenigsten in aller seiner Strenge erfüllt. Die Masse steht stets anstatt vor der Entsagung vor der gänzlichen Absage. Das ist der Grund der endlichen Auflösung der ganzen Karaitergemeindc. Doch bleiben wir bei der Sache. Von eigentlichen Kriegen sahen und hörten wir in den Sanitäts-Kompaniccn sehr wenig. Wir arbeiteten bis zur völligen Er- Schöpfung in den elenden Baracken und sonstigen Baulichkeiten für die verwundeten und erkrankten Soldaten. Die Sorge für die Sanation war aber noch weit mangelhaftcr als für die Verpflegung. Wer nur irgend konnte, der blieb dem Lazarette fern, selbst wenn er sich kaum iortschleppen konnte. Denn die meisten vcrliessen es lebend nicht wieder. Alles war dort vergiftet und verpestet. Dass wir, die Arzte und ihre Gehilfen niclu auch alle den Anstrengungen und Ansteckungen erlegen sind, betrachte ich heute noch als ein Wunder. Monate und Jahre vergingen, unsere Arbeiten blieben stets dieselben. Im März 1855 starb plötzlich Kaiser Nikolaus. Ob er eines natürlichen Todes gestorben, uh er vergiftet worden oder wie viele behaupten, sich selbst vergiftet habe, hat nicht bis zur völligen Gew issheit festgestellt werden können. Kaiser Alexander, sein Sohn und Nachfolger, hätte gern Frieden gemacht, wenn nur ein ehrenvoller Friede zu haben gewesen wäre. So musste er denn den Krieg weiter führen. Die Verluste auf beiden Seiten, besonders vor Sewastopol, waren ungeheure. Endlich sahen die verbiindeten Regierungen selbst ein, dass dort nicht viel zu gewinnen sei und gerade ein Jahr nach dem Tode

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