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Jüdische Rundschau · 1902-11-28 · Heft 48 (28.11.1902) · p. Seite 68

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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•' Seit© 68. r J iidixc'lio I { 111»dr-<*11;»11 No. 48. * verwechselte, habe sich einen Platz In der Weltlitteratur geschaffen. Ob der Zionismus sein Ziel erreichen werde, sei eine schwierige Frage, Aber wenn auch die Zukunft dunkel sei, so solle das die jüdischen Optimisten nicht betrüben; Glück sei nicht Genuss, sondern Sehnsucht, und was auch kommen möge, die grosse Sehnsucht nach der Volksheimat sei in den Zionisten lebendig und habe bereits herrliche Blüten getrieben. Der Zionismus bilde auch nicht eine Partei, sondern habe nur* ans praktischen Gründen die Organisationsform einer Partei wählen müssen; er sei das Judentum selbst, ״das Judentum unterwegs“. F.r wolle das alte Judentum mit seinen Ideen und Sehnsüchten heben und die Formen der modernen Kultur anwende!!, um seine Ziele 7,u erreichen, und darum sei eine Renaissanccbewegung im Judentum ausserhalb des Zionismus nicht möglich. Propagiert werde der Zionismus durch die Zusammenfassung aller Triebe mul Lebcnsüusserungcn, die zur Erhaltung des jüdischen Volkstums dienten." An dieses durchaus objektive Referat knüpft die ״Schics. Ztg.“ folgende Bemerkungen: Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommeii und erfuhr keinerlei Widerspruch. Vom Vorsitzenden war die Versammlung mit einigen den! letzten Tätigkeitsbericht des /ionistisciien Aktionskomitees entnommenen Mitteilungen über weitere Fortschritte der zionistischen Bewegung cingelcitct worden. Die männliche Hörerschaft In den hiesigen Versammluugc!׳, an denen sich stets auch zahlreiche Damen beteiligen, besieht vorwiegend aus jüngeren Leuten, die den verschieden* stell Berufsständen angeboren. Die reiferen Lebensalter sind nur spärlich vertreten. Die wirklich im praktischen Leben stehende jüdische Bürgerschaft Breslaus scheint also der Bcweguug kaum ein Interesse zuzuwenden. Bleibt aber die zio• r.istischc Agitation, die über anerkennenswerte rednerische Kräfte verfügt, auf die Dauer wirksam, dann vermag sic in nicht zu ferner Zukunft tiefgehende Differenzen zu erzeugen: sow oh! innerhalb, der jüdischen Bevölkerung selbst, deren mehr zu deutschen als zu jüdischem Wesen himicigende Mitglieder von den Zionisten als ״Assimüationsjnden“ gehasst und bcspöttelt werden, wie auch zwischen den Zionisten und den Deutschen überhaupt, die vielleicht nicht immer geneigt sein werden, eine solche Reorientalisienmg, eine immer aufdringlicher werdende Betonung jüdischen Nationalbewusstseins als mit dem Besitze der deutschen Staalsbürgerrechtc vertraglieh anzusehdn.“ Dies schrieb die ״Schics. Ztg.“ am 8. Nov. und folge•׳! den! mm am 16. N'ov. die folgenden Ausführungen: Der in Nr. 787 d. Ztg. veröffentlichte Bericht über den in einer Versammlung des Breslauer Zionistenvereins gehaltenen Werbevortrag des Dr. Zlocisti hat zu einigen Zuschriften au uns Veranlassung gegeben, die wir nicht vollinhaltlich hier wiedergeben können, da dies — so interessant diese symptomatische Bewegung im Judentum auch ist ־— uns doch zu weit führen würde, angesichts ihrer verhältnismassig geringen praktischen Bedeutung. Immerhin sind in den Zuschriften einige Bemerkungen enthalten, auf die hier mit einigen Worten cii'gcgatigen werden soll. (Schluss folgt.) Aus der Bewegung. Berlin. Die ,,Jüdisch-nationale Frauenvereinigung“ bringt hiermit zur Kenntnis, dass sie mit Rücksicht auf den zu gründenden Kinderhort in diesem Jahre kein CI! a 11 tt k a 11 k i 11 d c r f c s t veranstaltet. Die Vereinigung richtet nochmals an alle Gesinnungsgenossen die herzliche Bitte, durch reichliche Geldspenden den Kinderhort gründen zu helfen und somit eine dauernde Institution zu schäften, in welcher unsere heranw achsendc Jugend eine dem jüdisch nationalen Geiste entsprechende Erziehung erhalten und zu Menscheu hcraugebildct werden, die ihr jüdisches Volkstum über alles lieben. At!1 Sonntag, dem 7. Dezember findet zugunsten des Kinderhortes im Arehitcktenhause in der Wilhelmstrasse ein ״Jung-jüdischer Abend“ statt, zu welchem hervorragende Künstler und Künstlerinnen ihre Mitwirkung zugesagt haben. Anfragen und Geldsendungen sind an Frau Bianca Lesscr. Luitpoldstrasse 22 zu richten. Der Vorstand I. A.: Lina Tauber, Neue Königstr. 14G5. Berlin. Oie ausländische Untergruppe ״Ahawath-Zion“ der Bahner Zionistischen Vereinigung hielt ihre Generalversammlung am 11. November in Schneiders Festsälen ab. Der Vorsitzende. Herr Engländer, gab ein Bild über die bisherige Ent- *) Im Anschluss hieran teilen wir mit, dass die ״Berliner zionistische Vereinigung“ auch in diesem Jahr eine Makkabäerfeier grossen Stiles veranstaltet. Zeit und Ort werden noch bekannt gegeben. Weitere ofu-• zielle Chatmkahfeicm sind zionistischerseits nicht geplant. Die Red. wurde aber auch oft schwerer, verbrecherischer Missbrauch mit dieser Rckrutenlieienmg der Gemeinde getrieben. Junge Leute, die höhere Lehranstalten besuchtat und durch.ihre neuzeitlichen Lcbensanschattungen und Lebensführung bei den finsteren Altgläubigen Ärgernis erregten, wurden, wenn sie etwa zu den Ferien die Ihrigen besuchen wollten, festgenommen tmd dem Landmarschall als ״Rekruten" überliefert. Ganz Recht, entgegnote 'ich. Ich seihst habe dergleichen Fälle in den siebziger Jahren mehrfach erfahren und war dabei auch in Mitleidenschaft gezogen worden Ein verwaister Junge aus einem der jüdischen Städtchen, einige Meilen von der preussischen Grenze entfernt, kam zu mir und erbat sich eine Empfehlung zur Weiterreise-. ״Ich will studieren.“ war seine Antwort auf meine diesbetreffende Frage. Er scliitig sielt durch bis zur Scliw eirund fand dort Gönner, welche ihm die nötige Vorbildung geben Hessen. Von liier ging er nach Italien, besuchte einige Jahre.die Rabbinerschute, ging nach England und Frankreich, um auch diese Sprachen zu erlernen, und ernährte 1 sielt in eittcr Gemeinde Siiddeutschlands durch Sprachunterricht. Eines Tags stellte er sich wieder bei mir ein, um seine Mutter jenseits der Grenze zu bsuchen, die er 1 länger als ein Jahrzehnt nicht gesehen hatte. Als er in seinem Heimatorte am nächstfolgenden Sonnabend die Synagoge verlassen hatte, w ollte man ihn fassen tmd als Rekruten abüetcrn. Er aber zog einen Revolver aus der Tasche, feuerte einen Schuss über die Köpfe der!Menge׳ hinweg und drohte einem Jeden, der sich ihm nähern würde, niedcrzuschicsscn. Niemand wagte sich au ihn heran und so entkam er wieder glücklich über die Grenze. Ein andere Fall war der folgende: Ein gut veranlagler Junge hatte christliche Gönner gefunden, welche ihn das Gymnasium in Mitau besuchen Hessen. Audi diesen Wollte man als Rekruten abliefern, er entkam aber mit Hilfe von Verwandten auf dem Transport zum Landmarschall. Dieser, der Fürst 0 . . ky, war mir persüdlich bekannt. Ich schrieb dicserhalb an ihn und erhielt zur Antwort: ״Lassen Sie den jungen Mann getrost sich stellen; ich werde die Sache genau untersuchen und nach strenger Gerechtigkeit entscheiden.“ Der junge j Mann w ar aber, zu sehr verängstigt tmd ging, trotz au- | tauglicher Bereitw illigkeit nicht zur Gestellung. Natiirj lieh konnte er nunmehr auch nicht nach Russland zurück- 1 kehren. Er wurde auf meine Empfehlung in das Berliner

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