Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48. Seit© 67 JUdiselie Rundschau. dass* von hier eine ganze Reihe tüchtig arbeitender Zioj nisten ausgegangen ist. Hier liegt eine lohnende Aufgabe für die zahlreichen jungen Akademiker, die alljährlich längere Zeit in Posen weilen, und cs soll in Bälde anders und besser in Posen werden; besonders von Berlin aus werden grade die akademischen Kräfte durch besondere Organisation in nutzbringender, geordneter Weise verwendet werden. Es ist wohl am Platze, auf den Eisass hinzuweisen, wo sich bis vor kurzem nichts rührte, und wo durch die emsige Tätigkeit von anfangs wenigen Oej sinnungsgenossen ein kleines Zentrum des Zionismus aus j der Erde gewachsen ist. Und im übrigen Deutschland? j In Berlin, Schlesien, Rheinland, Baden .regt es sich tüch- { tig, und fast überall ist wenigstens der Anfang gemacht.; Aber wir stehen ja auch erst am Anfang der Arbeit, und j es kann und muss noch viel mehr geschehen, als bisher; geschehen ist. Wir wollen durchaus uns keinen rosigen! Schimmer vormaleu und uns über die Mühe und den Erj folg täuschen, aber wir haben auch keinen Grund trübe I dreinzublicken und uns die Arbeitsfreudigkeit durch! künstliche Schwierigkeiten zu verkümmern. j Zionismus und ״Scl)lcsi$cl)c Zeitung“ | ln einer öffentlichen Versammlung der Breslauer ZionPiij scheu Vereinigung am 4. d. M. hielt Dr. Theodor Zlocisti rn:: Berlin einen Vortrag über das Thema: ״Jüdische Renaissance“, worüber die konservativ-antisemitische ״Schlesische Zeitung“ folgenden Bericht brachte: ״Sei! einer Reihe von Jahren -- so führte der Redner au־: -■* sei nicht nur bei den Juden im fernen Osten, sondern auc'1 bei uns in Deutschland ein Wiedererwachen des jüdisch« •1 Nationalbewusstseins bemerkbar. Zu diesem Zwecke musste allerdings erst ein gewisses künstlich konstruiertes Band gelöst werden, womit man das Judentum salonfähig hatte machen wollen: es handelte sich darum, das in langjährigen Entnationalisiennigsbestrcbungen neu geschaffene Prinzip der Konfession zu tilgen und an seine Stelle wieder das zu setzen, was immer die Basis des Judentums gewesen war, das Volkstum. Man sollte steh nicht mehr damit begnügen, vielleicht zAveintal im Jahre in die- Synagoge zu gehen. Der Redner erinnerte daran, dass schon int Jahre 1S4S ein Breslauer Philologe, Dr. Wilhelm Ereuud — der Verfasser der bekannten Klassikerfthtiset/ungen — in seiner Zeitschrift ״Die Judenfrage“ festgestellt habe, dass die Juden gottseidank bereits cntoricntalisiert seien und dass cs sich nur noch darum handle, das Judentum zu entnationalisieren. Als Wesen des Judentums wurcle von ihm auch nicht der Glaube an einen Gott, sondern die soziale Hilfstätigkeit lungestellt. So war auch auf dem Gebiete des Konfessionalismus der tiefe Gehalt des Judentums verloren gegangen. — Um nun ein neues Erwachen des Judentums, eine neue Entwickelung jüdischer Kräfte herbeizuführen, genügte nicht die Basis des Konfessionalismus, sondern es w*ar — zumal in der Diaspora — die Setzung eines positiven Zieles notwendig. Man sagte sich: wir müssen streben, dass das jüdische Volk die Schmach wieder auswfetzc, die cs in der Diaspora erlitten, dass es die Quelle dieses Elends verstopfe, und diese Quelle ist die Verbannung in die Fremde, die Zer- Streuung, durch welche Klüfte entstanden zwischen den cinzclnet: Angehörigen des jüdischen Stammes In den verschiedenen Ländern. Es handle sich darum, im Gegensatz zu dem passiven Geschichtslebcn. welches das Judentum 1900 Jahre lang gcführt habe, jetzt wieder ein aktives Geschichtsleben zu beginnen, d. h. Knltnrwcrtc zu schaffen, so gross und mächtig, dass sie Direktionsmittel würden für die Kultur der übrigen Völker. ..Darum sind wir Zionisten.“ Leider habe die Diaspora die Eigenart der Juden gewandelt, und die Zionisten hätten dafür den Bcgriii geprägt: ״Assimilation“. Es gebe zwei Arten von Assimilationen: eine passive derer, die das Bestreben habe::, sich zu vergessen, sich in leidender Form der Art der andern anzuschliesscn, und die in der Tat zu den betrüblichsten Erseheinungen gehöre — und eine wertvolle aktive Assimilation, mit der man die von anderen Völkern geschaffenen KuUurwcrte in sich nufnchine und sich ganz zu eigen mache. In Anbetracht dieser letzteren bewussten Aufsaugung fremder Kulturen aber sei es vielleicht ein Segen gewesen, dass das Judentum in die Diaspora gegangen sei. Der Vortragende sprach die Hoffnung aus. dass die zweite Art der Assimilation die vorherrschende bleiben möge, damit das Judentum einst im Stande sei, sich wieder ein Kulturzentrum in Palästina zu schaffen. Per Zionisnsus aber gewähre wenigstens schon ein Heimatgefühl, noch ehe man die eigene grosse Volksheimat habe. Er habe eine iur.ge jüdische Kunst zum Leben erweckt, eine neue hebräisch•-• Literatur voll grosser, erhabener Gedanken, und sogar der die diiiereuziertestenAusdrucksmittel bietende jüdische Jargon* > den man bisher verachtete, weil man das Mauscheln mit ihm *) Die Bezeichnung ״Jargon“ für die Jüdisch-Deutsche Sprache mussten wir mit dem Bericht der Schlesischen Zeitung leider üliernelnnen. Die Jüdisch-Deutsche Sprache ist ein ebenso berechtigter Dialekt wie das Plattdeutsche oder das Schwäbische und wir müssen die Anwendung des S c h i m p f w׳ o r t e s ״Jargon“ auf sie auf das Entschiedenste und Nachdrücklichste zurückweisen. Die Red. nicht mehr ausreiehen wollte. Mehr noch als die Gej schosse der Feinde wüteten verheerende Krankheiten j unter unsern Soldaten und lichteten ihre Reihen. Wie j hätte das auch anders sein können bei dieser Anhäufung; von Heeresmassen, verpesteter Luft und 'elender Ver- : pflegung. Auch an Ärzten, Arzneien und Verbandstücken; war grosser Mangel. Wie gar viele gewissenlose Schufte in- und ausserhalb der Heeresleitung haben Millionen in; die Tasche gesteckt, für welche die Mittel zur Verpflegung; des Heeres, sowie zur Heilung der Verwundeten und erkrankten Soldaten angeschafft werden sollten und haben; durch ihre Unterschlagungen den Tod yon Tausenden 1 verursacht. | ־ ״Waren auch Juden unter diesen verbrecherischen ' Menschen?“ war meine Frage. I Nein, auch nicht ein einziger, war die Antwort. Wir j wollen ihnen das nicht zu besonderem Verdienste anrechnen. Ihre gesellschaftliche Stellung reichte damals; noch nicht hinan bis zum Armeelieferanten oder gar bis j zum Befehlshaber innerhalb des Heeres selbst. Man be- ן diente sich der Juden wohl hie und da zu Vermittlern bei! den Einkäufen, und noch weit mehr zu Fuhrleuten und I Arbeitern; allesamt mit sclilechtbezaliltcm Tagelohn, der ihnen auch manchmal vorenthaltcr! oder verkürzt wurde. ״War denn der Prozentsatz der jüdischen Soldaten im russischen Heere schon ein so bedeutender wie heutzutage?“ fragte ich. ״Auch das nicht“, war die A11tw׳ort. Die Jtidengemeinden hatten nach der Kopfzahl ihrer Zugehörigen alljährlich eine festbestimmte Anzahl Rekruten zu liefen*. Allein sie verstanden cs, diese Kopfzahl bis auf die Hälfte, oft bis auf ein Drittel des w irklichen Bestandes zu verheimlichen. Die meisten waren Ncclamim, das heisst, sie waren in den amtlichen Listen nicht eingetragen. Zudem konnten sic ja auch Rekruten kaufen, die nicht gerade Juden zu sein brauchten; ja es genügte, eine gewisse, festnormierte Summe Geldes statt der Rekruten dnzufiefern. Immer aber waren die Rekruten und gerade die jiindischcn Rekruten weit leichter aufzubringen als das Geld. Überall gab es hergelaufene, verwahrloste Burschen, die, wenn sie sich unnutz gemacht hatten, aufgegriffen, oft wochenlang eingesperrt gehalten wurden, bis die Rekrutierungs-Kommission sich einfand, um sie in Empfang zu nehmen. Diese Rekruten waren oft recht schlechte Kerle, aber mitunter recht gute Soldaten. Es