Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit© ßC. Jiidkcltc Rimdschmi. Ko. 48v Juden mit der deutschen Kultur. Aber ״jeder Bekehrung eines deutschen Juden zum Zionismus geht ein hartes Ringen mit der Anhänglichkeit an die liebgewordenen Kulturgüter voraus, die Loslösung ist stets langsam und . bleibt immer schmerzhaft.“ Daher die langsame Ausbreitung des Zionismus. Das hier aufgerollte Problem‘erscheint uns wichtig genug, um es mit allem Ernste, der uns zu Gebote steht, zu behandeln. Die Grundlage der ganzen Anschauung ist es, die ich aufs energischste bestreite: dass der Bekehrung zum Zionismus ein Lossagen von der Liebe zur deutschen Kultur vorhergehen müsse. Es ist dies eine Frage so intimer Natur, dass ich am besten zu tun glaube, wenn ich sie ganz ins Gebiet des persönlichen Empfindens hinilbertrage und nur von mir und meinen Gefühlen spreche. Und da möchte ich Dr. Jeremias, trotzdem er ein werter und rüstiger Arbeitsgenosse ist, fragen, wie ich den Gegner frage: Wer sagt Euch denn, dass ich weniger Liebe zur deutschen Kultur habe, als Ihr? Beugt Ihr Euch in tieferer Achtung vor den Heroen deutschen Geistes als ich? Seid Ihr mehr in deutscher Bildung aufgewachsen als ich? Lest Ihr Goethe und Schiller inniger? Könnt Ihr die nationale Wiedergeburt des deutscheu Volkes eindringlicher erfassen als ich, der• ich für die nationale Wiedergeburt meines Volkes arbeite? Ihr solltet einmal hören, wie ich von deutscher Kultur gegenüber dem Mitglied eines anderen Volkes spreche! — In mir selbst aber, muss ich gestehen, kenne ich keinen Zwiespalt zwischen Deutschtum und Judentum, der midi zu der schweren und grausamen — vielleicht 1111• möglichen — Entscheidung für das eine oder andere zwingen müsste. Nicht ein Ringen ist cs, das ist ein i'alsches Wort, sondern ein bedauerndes Gefühl, das mein Wesen aus diesen unharmonischen Elementen gebildet, kein einheitliches, geschlossenes Ganzes ist. Aber das hat mit der Stellung zum Zionismus nicht das Geringste zu tun, au diesem Uebel krankt der zionistische Jude ebenso wie der nichtzionistische, cs ist das allgemeine Elend der Verbannung. Eins aber empfinde ich wahr und tief, die Sehnsucht, aus diesem Zustande herauszukommen, deren Erfüllung für uns unmöglich sein mag, aber unsere höchste Arbeit für unsere folgende Generation ist. Hier eben gehen wir hinaus über Lublinski und all die Weichen und Weichlichen und Schwankenden, die wir verstehen, aber nicht so ganz entschuldigen können. Wir wollen. Was ihnen fehlt, ist der harte, runde Wille zur entschlossenen Tat, die jugendliche Kraft der starken Hoffnung. — Es kommt hier also gar nicht in Frage, was den deutschen Juden so eng'an das’ Deutschtum fesselt; sehr bezweifeln jedoch möchte ich, dass es eine Wesensverwandtschaft zwischen Deutsch-' tum und Judentum ist, was wohl auch der Deutschnationale schwerlich zügeben wird. Es ist nicht angängig, zum Beweise einer solchen Verwandtschaft nur die einigenden Momente allerallgeineinster Art anzuführen, die trennenden dagegen ausser Diskussion zu lassen. Das ist keine Methode, mit der man Völkerpsychologie treibt; mit dieser Methode getraue ich mich alles zu beweisen, auch eine Verwandtschaft zwischen Judentum und Franzosentum (noch eher sogar!) oder Englündcrtum. Nun, und wenn wirklich Deutschtum und Judentum so wählverwandt wären — so wäre das ein Hilfsgrund mehr, den deutschen Juden zum Zionistnus kommen zu lassen. Auf die Beweisführung des Dr. Jeremias scheint mir d!e alte Fabel zu passen: Erstens habe ich den Topf nicht zerbrochen, zweitens habe ich ihn mir gar nicht geborgt, und drittens war er schon zerbrochen, als ich ihn bekam. Wir stellen demnach den Leitsatz auf: Kein deutscher Jude, der zum Zionismus kommt, gebe sein Deutschtum oder die Liebe zum Deutschtum auf. Er habe nur das Bewusstsein, dass unser jetziger Zustand ein innerlich kranker ist, und den Willen, an einer Ent- Wicklung mitzuarbeiten, die dem jüdischen Volk gestattet, seine natürlichen Anlagen zur Entfaltung zu bringen, ohne dass sie durch fremde Einflüsse verdeckt und verkümmert werden. Die Aussichten des Zionismus in Deutschland wären allerdings übel, wenn Dr. Jeremias Reclit hätte, denn seine ״inneren“ Schwierigkeiten lassen sich nicht beiseite schieben, den Einfluss des Deutschtums können wir nicht ausschalten. So aber liegt die Sache nicht, das hoffe ich gezeigt zu haben, wir haben zunächst noch immer am meisten gegen die ״äusseren“ Hemmnisse uns zu wenden und können das jüdische Gefühl, überall als latent voraussetzen. Wie stellt es dann? Nehmen wir als Beispiel wieder die Provinz Posen als das am wenigsten bearbeitete Gebiet. Was hier zu einem Gedeihen des Zionismus fehlt, ist eine Anzahl von Kräften, die einzelne Punkte scharf und systematisch in Arbeit nehmen. Denn dass die •Provinz mit ihrem trotz des Niedergangs der kleineren Gemeinden so eminent spezifischen Judentum für den Zionismus unzugänglich sein soll, mag ich nicht glauben; dem widerspricht schon die eine Tatsache, Bilder aus dem russischen ßeicljsgijetto.ן Bündel der Rossarzt. ■ Von I)r. J. Külf-Bonn. (Fortsetzung.) Die Tscherkessen im Bunde mit d.jn übrigen Kaukasusstünunen fochten unter ihrem geistigen und weltlichen Oberhaupt, dem.Heerführer und Propheten Schamyl (Samuel), wie die Verzweifelten. Immer mehr russische Soldaten wurden herangezogen und das Heer bis weit über 200 000 Mann verstärkt, ohne dass man 1 wirklich vorwärts gekommen wäre. Oftmals glaubte j man den Führer im Netze zu haben, aber jedes Mal. I wenn man näher kam, war er entwischt. Nicht allein j die Tscherkessen, auch die Russen glaubten, dass er I sich unsichtbar zu machen vermöge, oder aber, dass ihm ein höheres Wesen zur Seite stiindc, das ihn Jedes Mal durch die Lüfte entführe. Sein Ruf und Ruhm gewann dadurch 111 den Augen der leicht- und abergläubischeii Menschen von lag zu Tag. Man folgte ihm überall i!1 seine Felscnnester, von denen die meisten auch nach inia nach erobert und zerstört wurden; aiiem, der Krieg war damit nicht beendet. i Ich wurde nach den verschiedenen Schlachtfeldern dieses Krieges beordert; auch ich marschierte mit der Truppe, welcher ich zugcteilt war, nach der Krim. Hier unterbrach ich den Erzähler. ״Lieber Smidel, es ist mittlerweile wieder recht spät geworden. Widmen Sie mir noch einen Abend und wenn es sein muss and! noch mell re re Abende; denn Ihre Lebcnsgeschichte, die mich im höchsten Grade anspricht, muss ich zu Ende hören.“ Hierauf empfahl er sich mit herzlicher ״Gute Nacht!“ und ging. Smidel begann am folgenden Abend seine Erzählung mit Schilderungen der Kriegs- und Garnisonzustäude, die uns liier wenig interessieren. Hier, so fuhr er fort, trat ich auch wieder mit meinem ehemaligen Freunde mul Gönner, dem Arzt, zusammen. Er war mittlerweile zum ersten Generalärzte aufgerückt und stand in hoher Gunst beim Kaiser. Da cs in seiner Macht stand, seine Qehülfcn nach ■Belieben zu wählen, so behielt er mich in seiner nächsten Umgebung und meine seit tnchrcrcn Jahren gesammelten Erfahrungen kamen ihm sehr zu statten. Bald gab cs so viel zu tun, dass alle Kraft und Zeit