Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 65 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich wähle dazu die ״Jiidisehe Rundschau“, weil die Angelegenheit uns deutsche Zionisten vor allen andern angeht und es mir vor ijllem wichtig erscheint, hier in unseren Kreisen keine irrtiimer aufkommen zu lassen. Wir widerspreelien dem Aufsatz nicht, weil uns sein Inhalt unangenehm ist — obwohl auch das der Fall ist —, sondern weil wir eine ganze Reihe sachlicher Berichti- Klingen vorzubringen haben, weil seine Anschauung und ihre Konsequenzen uns durch nichts gerechtfertigt erscheinen. Vielleicht geht man nicht fehl in der Annahme, dass manches in den Ausführungen des Dr. Jeremias subjektiv geschrieben ist und so vielleicht eine gewisse Berechtigung hat; aber cs ist unrichtig, ein Urteil, das mit räumlicher und zeitlicher Einschränkung gelten mag, auf den gesamten deutschen Zionismus auszudehnen. Dr. Jeremias steht auf einem ganz besonders exponierten Posten, auf einem ganz besonders unfruchtbaren Boden, und das erklärt vieles in seinen Anschauungen. Er ist einer der sehr wenigen, die in der Provinz Posen arbeiten, dem bisher so gänzlich vernachlässigten Stietkinde des deutschen Zionismus. 111 der ganzen Provinz gibt es noch keine zionistische Organisation, denn die kleinen; Gruppen in Schönlanke und Filehnc sind erst winzige j Anfänge. Und hier ist auch die Arbeit am schwersten.! Da wären wir denn beim Thema des Dr. Jeremias: Wa- | rum will der Zionismus in Deutschland keine Fortschritte; machen? \ Aber, wertester Herr Doktor, macht denn hier der Zionismus keine Fortschritte? Wollen Sie bitte unser Blatt zur Hand nehmen und Woche für Woche verfolgen, wieviel neue Gruppen im letzten Jahre entstanden sind, wieviel erfolgreiche Versammlungen allerorten abgchalten worden sind, erfolgreiche nicht nur durch den ״tosenden Beifall“, sondern durch Beitritt, Scliekelzalihmg und Sammlungen für den Nationalfond! Hat doch selbst ein j Mann, der in ganz Deutschland sich!ungesehen hat, auf I dem letzten Kongress den Ausspruch wagen können, wir könnten mit dem Erfolg unserer Arbeit zufrieden sein! Die Wahrheit liegt vielleicht in der Mitte, sicherlich aber nicht auf Seiten von Dr. Jeremias. 1 Bei der Beleuchtung der Schwierigkeiten will ich mit! der Provinz Posen beginnen, erstlich, weil Pr. Jeremias; von ihr aus die Dinge betrachtet, ferner, weil ich als | sein Landsmann die Poseucr Verhältnisse beurteilen zu j können glaube. Nirgends gibt es soviel Judentümer wie! hier, und so wenig Zusammenhang des Ganzen; jede ן Gemeinde existiert für sieb und kennt fast nur ihre eigeneu Interessen. Und in den einzelnen Gemeinden, wie sicht's da mit jüdischem oder überhaupt mit geistigem oder öffentlichem Interesse aus? Dass Gott erbarm! Die Sorge um den notdürftigsten jüdischen Kult und ein Litteratur- (lies: Vergnügungs-) Verein ist das Höchste, wozu sich eine Posener Gemeinde mit wenigen Ausnahmen atifraftt. Es ist traurig, dass man ein so herbes Urteil zu fällen hat, aber hier ist zu reformieren an Haupt und Gliedern. Unter solchen Umständen dringt nicht nur Zionismus schwer ein, sondern jede grosse jüdische Idee. Man frage doch einmal in der Provinz herum, wie-; viel Juden das Wort ״Deutsch-israelitischer Gemeinde- I buud” kennen oder eine Ahnung von der Tätigkeit des ״Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ haben! -- Hinzu kommt noch, dass die Wirklings-; kreise derer, die im Zionismus arbeiten, bisher nicht in der Provinz Posen lagen. Zieht mau alles dies ab, was den Pessimismus des Herrn Dr. Jeremias zum guten Teil psychologisch erklärt, so bleiben für die Ausbreitung des deutschen Ztoüismtis eine Anzahl äusserer und innerer Schwierigkeiten. Ucber die Rolle, die das satte Beilagen der deutsehen Juden als passiver Widerstand spielt, bin ich mit •Dr. Jeremias ganz einer Meinung, aber die ״inneren Schwierigkeiten“, die er so eingehend bespricht, fordern mehr als alles andere zur Kritik heraus. Die Anschauung, die Dr. Jeremias zum Ausdruck bringt, ist kurz folgende: Bel vielen Juden, grade in Deutschland, ist die Vaterlandsliebe keine Heuchelei, son dern tiefes und wahres Gefühl; sie beruht auf der Wesensverwandtschaft zwischen Judentum‘ und Deutschtum und auf dem innigen Zusammenhang der deutschen