Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 47. Jlidische Huiidsoliau, Poile 63. Rundfcbau. Berlin. In der Repräsentantenversammlung an» jüngsten Sonntag wurden zuerst, wie fiblich, die Oeschenke und Stiftungen in Empfang genommen. Dabei befand sich eine solche von den Geschwistern Bahn, die Herrn Prof. Dr. Baginski zu der neugierigen Frage veranlasstc, ob die .Stifter nicht getauft seien, eine Frage, die allseitig bejaht wurde. Herr Prof. Baginski sprach sodann seine Meinung dahin aus, dass er damit konstatiercu wollte, dass es in diesen Kreisen Usus sei, so 800—1000 4\\k. zu spenden zur Erhaltung der Gräber *יuni eine solche Stiftung handelte es sich natürlich auch Im vorliegenden Falle — und dann wären sie au! diese Art die Eltern auf eine gute Weise los. Sodann wurde die Stiftung unter den obwaltenden Verhältnissen mit der Verpflichtung die Gräber zu erhalten einstimmig angenommen. Die wichtigste Frage der Sitzung war tmstreitig die Interpellation des Gymnasialprofessors Dr. Blaschke, was der Vorstand zu tun gedenke und bisher getan habe, damit erstlich der jüdische Religionsunterrieht auf den höheren Schulen, wo er statthabe, bis in die höheren und höchsten Klassen fortgesetzt werde, sodann in welcher Weise und ob er es erreichen wolle, dass auch an den andern höheren Lehranstalten, an denen bisher ein solcher Unterricht nicht stattiinde, er aber durch den Prozentsatz au jüdischen Schülern gerechtfertigt erscheine, jüdischer Religionsunterricht erteilt werden solle. Man mag nicht auf dem Standpunkte stellen, dass überhaupt Religionsunterricht in eine öffentliche Lehranstalt hineingchöre, jedenfalls wird man die traurigen Verhältnisse nicht verkennen können, welche bewirken, dass die Juden nichts tun, um ihren Kindern genügende und eingehende Kenntnisse von ihrem angestammten Erbteil beizubringen. Jedenfalls hat die Interpellation Blaschke den Zweck, unhaltbaren Zuständen immerhin höflich zu Leibe zu gehen. Im Namen des Vorstandes erwiderte in Vertretung des durch Unpässlichkeit verhinderten Schulvorstandes Dr. Lachmann der Syndikus Herr Rechtsanwalt Lilienthal, der von seiten des Vor- Standes jede Bereitwilligkeit und jedes Entgegenkommen verhiess, selbst über den Rahmen der Interpellation hin* aus. Aber um zu erreichen, dass an allen, nicht nur an den hölieren Lehranstalten, jüdischer Religionsunterricht erteilt werden müsse, habe der Vorstand der Gemeinde begonnen, sich offizielles statistisches Material zu besorgen. Man hätte an die städtische Schuldeputation und das Kgl. Provitizialschulkollegitim die Bitte gerichtet, dass sie durch die ihnen unterstellten Schulleiter Fragebogen beantworten lassen sollten nach Zahl der jüdischen Schüler, ihre Verteilung auf die einzelnen Klassen u. dgl. m. Die Städtische Schuldeputation sei so weit diesem Ersuchen cntgcgengckon.imen, dass sie zugleich als Antwort verlangt habe, ihr zu diesem Zwecke 330 Fragebogen zu überreichen, was auch bereits geschehen sei. Die Antwort des Kgl. Provinzialscliiilkollcgiunis stehe noch aus. Jedoch habe man schon jetzt an die Städtische Schuldeputation das Ersuchen gerichtet, schon im nächstjährigen Etat die Mittel vorzusehen, welche für einen regelmässigen jüdischen Religionsunterricht in allen Schulen und allen Klassen, wo Juden in erheblicher ׳Zahl unter den Schülern sind, sich als notwendig ergeben. Augenblicklich Hege ein Sonderantrag des Vorstandes vor dahin, für die 50 jüdischen Schüler des Leibnizgymnasiums und die über 100 des Louiseustädtischen Gymnasiums einen kombinierten Religionsunterricht cinzurichten. Der Vorstand werde keinen A.ugcnblick diese eminent wichtige Frage aus dem Auge lassen. Abgesehen von kleinen Sachen, so dem Ankauf einer Tora rolle aus dem Besitze des Herrn Siegmund Blum in Dricsen für 200 Mk., wurden einstimmig die Mittel zum Neubau der Mädchenschule in Höhe von 310 000 M. bewilligt. Sehr interessant war der Bericht der Armenkemmission, der nur den einen Fehler hatte, dass der Referent auf die Berichterstatter so wenig Rücksicht nahm, dass diese beim besten Willen nichts verzeichnen konnten. Der Vorsteher der Arnienkoninüssion Herr Martin Simon wird in liebenswürdiger Weise dies privaiim wieder gut machen. Es standen sich etwa 271 000 Mark Einnahmen und 200 992 Mk. Ausgaben entgegen. Der Gemeindezuschuss betrug 85 000 Mk. In 168 Sitzungen wurden 5736 Gesuche nebst 510 solcher beim ״Fond“ eiledigt, also im ganzen 62*16. Von den Unterstützten waren 1634 Deutsche. 398 Personen erhielten laufende Unterstützung. 313 verschämte Arme fanden Unter- Stützung mit in Summa 178 436,45 Mk. — Das zweite Waisenhaus hat einen Minderverbrauch von 73,51 Mk. aufzuweisen. Dem Vorstande davon wurde ebenso wie der Arincnkominission einstimmig Dechargc erteilt. Die Abrechnung des Krankenhauses wurde vertagt. Die Koscherileisehkcmmission Iiarre einen Mindervcrbrauch von 1783.55 Mk. bei einer Cjesamtzurüekzahlung von 27SS.55 Mk. Sodann wurde an Stelle des Oberlehrer Dr. Scliäicr, der sein Amt in der Bibliothekskonimission niedergelegt hat, Prof. Dr. Salomo Kalischer von der Technischen Hochschule gewählt. Es wurde beschlossen, den Vorstand des Krankenhauses um zwei Mitglieder zu erweitern. Sodann wurde der alte Vorstand wiedertmd die Herren Prof. Dr. Landau und Prof. Dr. Baginsky neu gewählt. Es scliliesst sich eine geheime Sitzung an. Berlin. Am Sonntag, d. 11. er. hielten der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands und nachher die Bodenkultur- Gesellschaft m. b. H. ihre Hauptversammlungen ab, in welchen Berichte über die Tätigkeit Im verflösseneu Jahre erstattet und dem Vorstand des Vereins resp. dem Aufsichtsrat und dem Geschäftsführer der Gesell- Schaft Entlastung erteilt wurde. Die Verhältnisse des Vereins haben sich wesentlich gebessert; er zählt fetzt 47 Ortsgruppen mit 1400 Mitgliedern und hat ein Einkommen von 6800 Mk. (gegen 3700 Mk. i. V.). Das ׳wichtigste Ereignis des Vcreinslebens im verflossenen Jahve war die Gründung der Bodenkultur-Gesellschaft m. b. H., die ihrerseits das Gut Neuhof erworben hat. Die Ge- Seilschaft ist das Organ des Vereins, durch welches er seine Bestrebungen ins Praktische umsetzen will. Sie wurde mit einem Stammkapital von 20 000 Mk. begründet und weitere 50 000 Mk. wurden ihr von einem Vorstandsmitgliede des Vereins vorgestreckt. Am Sonntag wurde das Stammkapital auf 40000 Mk. erhöht. Sowohl den Vcreinsmitgliedem, wie den Gesellschaftern wurden von dem Vorsitzenden, Oberamtmann Colin und dem Geschäftsführer der Gesellschaft, Mülilenbcsitzcr Rosentlml, eingehende Mitteilungen über das Gut Neulio! und seine Einrichtungen gegeben. Das Gut hat zwar leichten Boden, ist aber doch in verschiedener Hinsicht als Lehr- und Lerngut sehr geeignet. Die Ernte war befriedigend und hat erwiesen, dass Neuhof die erwartete Rentabilität aufweisen wird. Es sind Bauten für die Eleven errichtet und die Aufnahme*) wird vom 1. 1. 1903 ab erfolgen können. Die Elövcn werden unter der Leitung eines tüchtigen Fachmannes praktisch die Land- Wirtschaft von Grund auf erlernen und im Winter theorctisclicn Unterricht von Lehrern der Ackerbauschule in Samter erhalten. *) Aufnahmegesuche sind an Herrn Dr. Ernst Tuch. Charlottenburg, Herderstr. 6 zu richten, von dem auch die Bedingungen zu erfahren sind.