Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. •47. Jiidi^'lie Kiindscilmu, Keile 61. Endlich aber würde die Entstehung eines solchen Vereines bewirken, dass die zutage geförderten Überreste nicht mehr ins Ausland geführt und nicht mehr zerstreut würden. Denn wenn andere Völker vielleicht ein Interesse zu habe»* glauben können, möglichst viel in ihre eigenen Vaterländer zu schleppen, so füllt dieses Interesse bei den Juden fort und kehrt sich in das Gegenteil um. Wir dürfen versichert sein, dass die Gründüng eines jüdischen wissenschaftlichen Palästina-Vereines in Konstantinopel von Sr. Excell. Haindi Bey derartige Förderung erfahren wird, dass wir auch in dieser Hinsicht unbesorgt ans Werk gehen können. Freilich wird man zuerst sich damit begnügen müssen, etwaige Funde in der Bibliothek aufzustellen, bis genug beisammen ist, um ein eigenes Gebäude notwendig zu machen. Auch wird die von dem Palästina-Verein herauszugebende Zeitschrift einstweilen noch klein und In engem Rahmen sein, aber sie wird doch von vornherein sich mit allen wissenschaftlichen Fragen des alten und neuen Palästina ernst befassen können. Und cs wird nicht ausbleiben können, dass die gesamte wissenschaftliche Erforschung Palästinas sich einen Mittelpunkt schaffen wird in der Gründung eines jüdischen Museums zu Jerusalem. Heinrich Locwc. Ans der Bewegung. Berlin. In der Vereinigung zionistischer Akademiker, Abteilung für Volkswirtschaft und Palästinakuude, hielt am /Montag, dem 17. d. M., Herr Davis Trictsch einen Vortrag fiber ״die Landfrage im Zionismus“. Nach einer Kritik der bisherigen Arbeit des Aktionskomitees in dieser Frage entwickelte Redner in sachlicher und gründlicher Weise seine Ideen und Pläne von einem ״grösseren Palästina“, indem er besonders auf El Arisch. Cypern und Klcinasien hinwies, für deren augenblickliche Inangriffnahme er energisch eintrat. Die sehr lebhafte Diskussion, an der die Herren Dr. W. Lewy j Baum, Anerbach, Dr. M. Fricdlaender, Täublcr und der j Referent teilnahmen, gab sehr viel Anregungen und wird j die Grundlage der nächsten Arbeiten der Abteilung bi!־ j den. Herr T r i c t s c h hat sich bereit erklärt, einer. 1 öffentlichen Palästinakurs abzuhalten, der in ca. 14 Tagen beginnen wird. Herr Dr. M. F r i e d 1 a e n d e r wird J einen öffentlichen Geschichtskurs (Zeit des I. Exils bis zu 1 den Makkabäern) abhalten. Anmeldungen zu beiden : Kursen sowie zur Akademiker-Vereinigung überhaupt 1 sind zu senden an cand. mcd. Elias Auerbach. J Lehrterstr. 14/15. j Berlin. Die ״Jüdisch-nationale Fraucnvercinigung'‘ ver- J anstaltete am 12. November in Cassels Hotel einen Vortragsj abend, welcher einen! zahlreich erschienenen Publikum wirk-! lieh genussreiche Stunden bereitete. Herr Emit Levy sprach über ״das Buch Ruth", und sein bilderreicher, formvollendeter Vortrag erweckte bei allen Zuhörern regen Beifall. In poetischer Weise wurde die Perle unserer füdischen Lltteratar mit einer Wunderblume verglichen, deren Duit auf jeden Leser herzerfrischend wirke. Treffend klang der Vertrag aus in dem schönen zionistischen Gedanken, dass die von Gram gebeugte Nat-ml dem zerrütteten Zion zu vergleichen sei, und wie die bekümmerte Witwe nach schweren Tagen sich durcharbeitet zu einer frohen Zukunft, so wird auch einst das darniederliegende Zion nach einer bitteren, trüben Zeit sich durchringen zu einem schöneren Dasein, zu dein alten Glanze. A. Berlin. Dr. Kahn-München hat in dankenswerter Weise für Anfang Dezember 5 Vorträge in Norddcutschland zugesagi und wird voraussichtlich in Leipzig, Berlin, Breslau, Beuthen und Glciwitz sorcchen. Dr. Gronemann hat im Bezirk des Hiircau Berlin Vorträge in Ost- und Westpreussen übernommen; Dr. Klee wird in I.andsbcrg a. Warthe und in Dresden sprechen. Berlin. Der nächste Diskussionsabend der Jiidisch-nationalcn Frauenvcrcinigung findet Sonnabend, den 22. November, Auguststrasse *19a!., statt. Fräulein Fanny Fromm hält ein Referat über Nordaus Rede: ״Die allgemeine Lage der Juden.“ Dresden. Dienstag, den 11. November veranstaltete die hiesige zionistische Ortsgruppe in Helbigs Etablissement eine öffentliche Versammlung, zu welcher Herr Referendar Sammy G r o 11 e in a 1111 - Hannover das Referat über ״Das Wesen des j Zionismus und seine bisherigen Erfolge“ übernommen hatte. Die Ortsgruppe hatte Einladungen an alle Gemeindemitgiieder ergehen lassen und cs fand sich auch ein Auditorium von über 300 Personen (Damen und Herren) ein. weiches den Ausiührungcit des Vortragenden mit grosser Aufmerksamkeit folgte. In seiner 11••-־ständigen Rede erklärte Herr G., wie seit dem Erscheinen von Herzis Judenstaat der Zionismus Verbreitung und Anhang gefunden und wie er nach dem I. Basler Kongress rapid angewachsen und so zu einem Machtiaktor von nicht mehr wegzuseugnender immenser Bedeutung, nicht nur für das jüdische Volk allein, sondern sogar für alle Völker geworden sei, unter welchen Juden leben. Redner hob sodann ganz besonders hervor, dass die westeuropäischen Juden, abgesehen von der selbstverständlichen Pflicht, ihren bedrängten Stammesgcnossen beizuspringen, ein grosses eigenes Interesse haben, den Zionismus zu fördern, da sie sich nur dadurch in ihrer Selbstachtung sowie in der Achtung der christlichen Mitbürger erhalten könnten. Die Bezeichnung ״Jude“ würde den ihr anhaftenden schimpflichen Charakter verlieren, sobald die Juden der Welt gezeigt haben würden, dass sie aus eigener Kraft imstande seien, sich aus der bedrängten Lage zu befreien, in welche sie durch die Gewalt der Schicksale gew;orien sind. Welch andern, schönen Klang würde der Name Jude haben, wenn man sich unter dieser Bezeichnung treie selbstbewusste Männer vorstellen könnte, welche auf eigener Scholle leben! Referent widerlegte die Behauptung, dass die Juden eine blosse Glaubensgemeinschaft bildeten. Wenn auch Rassengemein- Schaft, gleiche Sprache, Geschichte und Religion sic nicht zu einem Organismus stempeln, so müsste cs der eine Um- .stand allein schon tun, dass die überwiegende Mehrzahl der Juden im Osten Europas sich als zu einem eigenen Ganzen gehörig betrachten, ganz abgesehen davon, dass selbst der Aber die Schläfer waren unruhig. Viele bewegten Arme und Beine, ihre Körper waren von Krämpfen geschüttelt und manche sprachen abgerissene Worte wie aus angstvollen!'räumen. Ein Zuschauer konnte wohl auf den Gedanken kommen, dass in den Seelen der Schlafenden das Gewitter tobte, das in der Natur hätte wüten sollen; denn die Nacht war finster, ohne Sterne und der Himmel düster wie von verhaltenen Tränen. Schwerer und schwerer schienen die Träume der Männcr zu werden. Es mussten Träume der Verfolgung sein, die hinter diesen Stirnen ihr grauses Spiel trieben. Träume von der Bosheit und Gemeinheit der Menschen, Träume der Vertriebenen und Verbannten, Träume des Exils. Und über den Schlafenden lag der Zauberkreis der Unnahbarkeit, wie ein vorherbestimmtes Geschick, das keinen Eingriff duldet von fremder Hand. Sie aufzurütteln war unmöglich; sie mussten selber erwachen. Und so dehnten sich die qualvollen Träume wie die I Schmerzensaugenblicke der Schuldlosen auf der Folter- I bank, blutende Ewigkeiten ... j Endlich erhob sich einer; ihm folgten wenige, 1 mehrere, viele. Aber ein ewiges Verhängnis schien auf! diesen Männern zu ruhen: Hatte •ihr Schlaf zu lange! gewährt, so kam jetzt ihr Erwachen zu früh. Noch war I die Sonne fern und keiner erkannte den andern, fn die Finsternis hinein wirkte der Schreck der Träume, die Gewohnheit des Verfolgtw erdens, die Notw endigkeit der Verteidigung. Und als feindliche Brüder kämpften diese Menschen gegeneinander mit dem Mut und mit der Wut ihrer grossen NachtgesicUtc. Manch einer sank zu Boden. Und der Kampf dehnte sich wie vorher der Traum. Wie die Sclunerzensaugrnblickc der Schuldlosen auf der Folterbank, blutende Ewigkeiten . . . Dann kam die Sonne. A. S. 1 I