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Jüdische Rundschau · 1902-11-21 · Heft 47 (21.11.1902) · p. Seite 60

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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Seite 60. No'. 47. jüdische Runcl«011a.u. gewesen wäre. Jedes Denkmal anderer orientalischer Völker, das in seiner Entstehung zur jüdischen oder israelitischen Oeschichte irgendwelche, auch nur noch so geringe Beziehungen hat, bricht breite Bresche in diese Theologen-Philologie. Man erinnere sich nur der Tontafeln über die Oeschichtc des Chammurabi und des Kudurlagamar. Wenn man aber nenrenswerte jüdische oder israelitische Altertümer aufdecken könnte, da würde bald die wahre Wissenschaft mit klingendem Spiele die schon morsche Feste der Aftergclehrsamkeit zwingen. Der Boden Palästinas selbst war bis jetzt völlig unfruchtbar für das biblische Zeitalter. Ausser der unschätzbaren Sileah-Inschrift und dem Mcscha-Stein sind bemerkenswerte Dokumente kaum zutage getreten. Wer aber einmal in den Katakomben Jerusalems lierunigekrociien ist oder in den Trotten unter der Omar-Moschec war, oder auch das Trürnmcrfeld von Jabnc oder Caesarea gesehen hat, wer überhaupt das Land in seiner Länge und Breite durchzogen und durchstieift hat, der weiss, dass auch in dieser Hinsicht Israels. Beden nur deshalb nicht ergiebig ist, weil cs an tätigen Arbeitskräften fehlt. Im Gegenteile enthält der Boden der alten Heimat Israels zu allen Perioden seiner Geschichte so zahlreiches Material, dass es beinahe glcichgiltig ist, wo n:an den Spaten in die Erde setzt. Da will ein Kolonist auf der Dorfstrasse Bäume setzen, muss aber davon abstehen, weil wenige Fuss unter der Erde ein fester Mosaikboden die weitere Arbeit unmöglich macht,?ein Nachbar versucht neben seinem Hause einen Brunnen zu graben, gerät dabei aber in die Gefahr, in ehe Tiefe eines ausgedehnten antiken Kcllergewöibes hinabzustürzen. Der Pflug bringt aus den Furchen griechische und römische, kutische aber auch hebräische Münzen zum Vorschein, und es ist auf das tiefste bedauerlich, dass all dieses wertvolle Material der ernsten Forschung verloren geht, weil es im Privatbesitze bleibt. Wir werden hier in Berlin noch im Laufe des Monats Gelegenheit haben, von einem hervorragenden Forscher, Prof. Sellin, über seine ausgezeichneten Resultatc einen Bericht hören. Aber wir wissen durch das, was unsere eigenen Augen gesehen haben, wie unendlich wertvolles Material unter dem Boden Palästinas ruht und nicht hcraufgebracht wird, weil cs an Arbeitern und an Verständnis fehlt. Die klassischen Ruinen von Caesarea werden gar als ergiebiger Steinbruch für arabische und bosnische Neubauten benützt. Ich sah einmal auf einem Ritt zufällig einen Stein mit einer lateinischen Inschrift, der mitten durchgcbrochcn war. Auf den! von mir gesehenen Stück waren u. a. die Worte ״La cI Na c" lesbar. Ich bat, mir den Stein aufzubewahren und bot entsprechende Belohnung für die Auffindung der anderen Hälfte, da mich die Eile der Reise veränderte, an Ort und Steile selbst nachzuforschen. Als ich nach fünf Tagen desselbigen Weges zurfickkam, hatte man auch meinen ״L a e 1 N a c“ in das Fundament einesNcubaues versenkt.*) In Teil Hüm haben die Mönche, wie ich selbst gesehen, die Gewohnheit, zufällig Ausgegrabcncs^ sorgfältig wieder einzuscharren. Und es handelte sich um hervorragend Wichtiges. Jedoch solche Vorkommnisse sind beinahe alltäglich und haben ihren Grund darin, dass die gesamte Bevölkerung wohl das grosse Schwindclgeschäft mit den AntiqAt gründlich versteht, dass aber ihr jedes noch so geringe historische Empfinden abgeht. Viel Schuld ist daran der Mangel an wissenschaftlich geleitetem Schürfen im Heiligen Lande. Immerhin haben die bestehenden gelehrten Gesellschaften, die sich dieser Arbeit widmen, schon bedeutende Verdienste erworben, allen voran ״Palcstinc Exploration Fund“ und der ״Deutsche Palästina-Verein“. Mit tiefem Bedauern aber muss cs uns erfüllen, dass diejenigen am wenigsten hierfür taten und tun, deren Ehrenpflicht cs wäre, gerade auf diesem Gebiete exakter Forschung die allerersten zu sein. Tut es doch sogar die russische Nation in der ״Orthodoxen Russischen Palästina- Gesellschaft“ den Juden zuvor. Ja. wenn es sich um eine technische Erschliessung Palästinas handelte, könnte man es begreifen, wenn die Juden cs denen ü beritessen, die ein vitales Interesse daran haben. Aber liier bandelt es sich um keine politische, um keine I’arteisachc. sondern um den friedlichen Wettbewerb auf dem Felde wissenschaftlicher Ehre. W'ir sollten doch wahrlich liier die ersten sein, wo wir leider die allerletzten sind. Es ist eine Ehrensache der Gcsaintjudenheit. einen jüdischen Verein zur Erforschung Palästinas ins Leben zu rufen, der darum keine Konkurrenz, für andere Unternelnnungcn bildet, weil jeder Konkurrent und jeder neue Arbeiter den alten neuen Arbeitsstoff zu bringen gezwungen ist. Die leitenden Kreise des ״Deutschen Palästina-Vereines" wenigstens würden gewiss die Entstehung einer jüdischen Gc- Seilschaft zur Mitarbeit willkommen heissen lind fördern. Denn ganz abgesehen von der Pflicht der Juden, an der Erforschung ihres eigenen Altertums hervorragenden Anteil zu nehmen, ist auch ein jüdischer Palästina-Verein, der keinerlei religiöse Nebenabsichten hätte, inehr dazu geeignet, tüchtige und opfer-!»ereile Teilnehmer in allen Ländern zu gemeinsamer Tätigkeit zu verbinden, als irgend eine andersnationaic Gemeinschaft. Aber auch die zahlreichen, in ganz Palästina ansässigen Juden würden erst dadurch zu gedeihlicher Mitarbeit herangezogen werden. •) En l<t ein geringer Tron, dass der Veruaftungsbau des Gan-Schcinuel darüber errichtet ist die es bewirkte, dass der Jude vom Handel ausgeschlossen wurde, so dass ihm nur noch das Zinsgeschäft unc! die Pfandleihe übrig blieben. Aber wir wollten uns eben nur das vor Augen führen, dass de: Handel der Juden im Anfänge des Mittelalters bis in׳ die Zeit der sächsischen * und salischeti Kaiser eine der bedeutendsten Kulturmäclite | in Deutschland war. Es ist dies um so mehr hervorzu-; heben, weil seit der Zerstörung des jüdischen Staates j die Juden auf allen Gebieten von Kunst, Wissenschaft : und Verkehr die allerbcdcutendste Vermittlerrolle gespielt haben, was ihnen eben gerade durch ihre Stellung als Handclsvolk möglich gemacht wurde. Es wäre zu wiinsehen, dass sich bald ein Historiker finden möge, der diesem Gegenstände die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden und uns eine auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebaute Geschichte des mittelalterlichen Handels der Juden liefern würde. €it!e £rzäl;I!!!)0 für meinen €nhel$of?n- Es war einmal eine Nacht, so finster, wie wenn die ganze Welt ein grosser, grosser Sarg wäre. Da lag irgendwo in einer Gegend, die bei Tag eine schöne griine Wiese war, eine Menge von Männern. Wäre es hell gewesen, so hätte man sehen können, was für Leute das waren. Alle schliefen; aber sie lagen nicht säuberlich in Reih’ lind Glied, wie cs anständige Menschenkinder tun, sondern es herrschte eine fürchterliche Unordnung. Bald waren es Einzelne, bald waren cs Gruppen. Manche hatten ihre Füsse in bedenklicher Nähe der Köpfe ihrer Nachbarn. Hätte man die Gesichter dieser Männer sehen können, so wäre seltsames aus ihnen zu lesen gewesen. Verzerrte Mienen waren es, scharf geworden von vielem Elend und dabei edel durch einen grossen Stolz. Hoch waren die Stirnen und frei; aber durchfurcht von den Spuren des Schicksals wie Felsen, denen Sturm und Wetter Narben eingruben. Hinter den gcschlossenen Lidern mussten diese Menschen merkwürdige Augen haben.

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