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Jüdische Rundschau · 1902-11-21 · Heft 47 (21.11.1902) · p. Seite 59

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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No. 47. JUdi8<*11e l^«111<ls-c<*11?11t. Zur Erforschung von Palästina. Es Ist so merkwürdig wie wahr, dass man die selbstverstäiidiichsten Dinge zuletzt begreift. Ks wäre so natürlich, dass sich die indische Nation um die Erforschung ihres alten Stammlaudcs am meisten bemühen sollte. Aber es giebt jüdische Forscher auf allen Gebieten menschlichen Wissens, die Hervorragendes in ihren Wissenschaften leisten, nur auf dem Gebiete der Palüstinaforschung ist das Judentum unfruchtbar geblieben. 'Jnd doch wäre cs sein ureigenstens Gebiet, ein Gebiet, wo cs steh neidlos und unbeneidet ernst und■ flcissig betätigen ‘kannte. Wir wollen die Gründe nicht erörtern, die den jetzigen Stand dieser Sache verursacht haben und noch immer neu wirken, wir stellen, nur die Tatsache fest, dass alle andern grossen Kuiturnationcn .diese Aufgabe mehr zu ihrer eigenen gemacht haben, als gerade die Juden. Itt einer Zeit, wo das Judentum anfängt, sich auf eigene Kulturaufgaben zu besinnen,! wo cs beginnt, auf allen Gebieten geistigen Lebens unter Be- ' tonuug des jüdischen Stantmcharaklers zu arbeiten, da darf j cs wahrlich nicht Wunder nehmen, wenn es sich auch als F»»»ilic darum kümmert, sich nach dem Zustande des alten j Familienhauscs umzusehen, in dem es aufgewachsen und gross j geworden. ‘1 So ist denn zuerst unter dem Drucke einer Notwendigkeit ein Komitee entstanden, das durch seine platimässigcn Arj beiten den Boden vorbereiten will, auf dem eine Kolonisation j in grossem Stile einstmals allein möglich gemacht werden kann. J Dieses Komitee, das den wichtigsten Antrieb zu ficissigcr , Tätigkeit aus der immer wachsenden Not der Juden erhält, das ' eine Notwendigkeit ist, wie jener ernste Versuch, die Juden- : .frage zu lösen, sich aus der bittern Notwendigkeit der bittem j Not ergibt, will sich die wirtschaftliche Erforschung Palästinas! als unverrückbares Ziel vor Augen halten. Das Komitee hat seine Arbeiten so geschickt und umsichtig in Angriff genommen, und erfreut sich schon jetzt eines solchen Erfolges, dass cs früher als geplant war, mit dem Aufrufe zur Gründung eines Vereins zur wirtschaftlichen Erforschung Palästinas hervortreten konnte. . So wichtig es nun ist, dass ein solcher Verein seine wirksamc Tätigkeit eröffnet, so geschieht damit nur sehr wenig für die eigentliche Palästinaforschung. Diese kommt nur so weit in die Erscheinung, als sic Handlangerdienste für praktische Arbeit leisten soll und kann. Das ist so ganz in der Ordnung. Denn Hunderttausende und Millionen schreien nach Brot und cs ist notwendig und unabweisbar, in Palästina die Mittel ausfindig zu machen, um* Broterwerb für die Vertriebenen vorzubereiten. Wer das dem herumirrenden Voikc geben will. :oite 59. muss sich notwendig an der wirtschaftlichen Erforschung Palästinas beteiligen. Aber auch kein Volk lebt nur vom Brot allein. Sondern ein jedes Stück Wissen von seinem eigenen Leben, von seiner Geschichte und Altertumskunde, von seiner Litteratur und Kultur Im weitesten Sinne, ist ein Stück seines nationalen Lebens und ein Integrierender Teil seiner Volksseele. Dieses geistige Volksvermögen muss aber ebenso vermehrt werden, wie das Brot, nach dem unsere Brüder hungert. Und in diesem Sinne ist das Verlangen einer Erforschung Palästinas durch Juden eine eminent nationale Forderung. Gewiss, wir müssen zugeben, dass es uns nie gelingen wird, die Vergangenheit im Lichte der W issenschaft so aufleben lassen zu können, u׳ie sic war, und selbst die kühnste Phantasie und die exakteste Arbeit des historischen Forschers und Wissenschaftskfinstlcrs wird niemals ein solches Bild des Altertums schaffen, das über den Zweifel erhaben w׳äre. Denn, w׳enn heute ein Athener aus der Zeit des Pcrikles oder ein Alexandrincr des Altertums aufstünde und in ein Museum des klassischen Altertums seine Blicke werfen würde, so müsste er glauben, dass man gleichsam zum Hohne zerbrochene Stücke find ßbriggchlicbcnc Trümmer aus allen Teilen der alten Kulturweit zusammcngesclileppt habe. Das müsste den tiefsten Eindruck der Vergänglichkeit!unterlassen. Und wenn wir es doch tun, wenn wir gleichwohl graben und schürfen, um diese Ruinen der Verschollenheit im Erdboden zu entreissen, so geschieht es, um aus diesen zufälligen!testen durch die dichterische Phantasie des Altertumsforschers entlegene Zeiten in ihrer Schönheit und mit ihren Schwachen wieder auflebcn zu lassen. Aus den gebrochenen Säulen, die einsam die Hochebene von HeHopoiis krönen, zittert der Schönheitszauber einer um Jahrtausende entschwundenen Zeit durch unsere schönhcitslUsterncn Herzen. Die Auferstehung zu neuem Idealen Leben ist das Museum für die alten Überreste vergangener Zeiten. Auch das Judentum hat ein Altertum gehabt, dessen Schönheit eine andere war als die des Griechentums. Das kiassisehe Hebräertum auf dem Boden Palästinas, das zuerst von allen Kulturen der Gerechtigkeit geweiht war, hat doch nicht minder dem Geiste der Schönbeit gehuldigt, wie alles Voll- Kräftige und Gesunde naturgemäss auch schön ist. Während aber eine reiche Arbeit, ein grenzenlos regsamer Eifer mit unendlichen Mühen und Opfern der Erforschung des Hellenismus seit Jahrhunderten in immer gesteigertem Masse zuteil wurde, Hieb das freie Kulturerbe Israels ein Tummelplatz kritisierender Steierer, die nicht einmal im Besitze philologischer oder gar historischer Methode w׳arcn, und die in absoluter Unkenntnis des historischen Bodens orientalischer Geschichte eine Kulturgcschichte Israels konstruierten, wie sie wünschten, dass sie Jahre 82S ein Privileg einigen wenigen Kaufleutcn gab, vort denen besonders hervorgehoben wird, dass sie nicht Juden, sondern Deutsche waren: ״Man solle dieselben nicht beunruhigen oder verleumden, sie etwa unter dem Vorwände einer Dienstleistung für den König ihrer Schiffe berauben, sondern ganz so wie den Juden solle es ihnen freistehen, nach ihrer Weise der königlichen Pfalz zu Diensten zu sein.“ Und eben unter der Regierung desselben Kaisers hatte (int J. 820) ein gewisser Ernaid den Auftrag erhalten, in den Wohnungen aller Kaufleute, seien es nun Christen, oder seien cs Juden, nachzuspüren, ob sich irgend welches Gesindel bei ihnen heriimdriickte. Freilich Wird der grösste Teil jener christlichen Kaufleutc der syrischen Nation angehört haben, deren Anteil am orientalischen Handel zwar bedeutend geringer als derjenige der Juden war, aber keineswegs zu unterschätzen ist. Soviel ist sicher, dass sich schon am Ende der Regierung Karls des Grossen die ersten Anfänge zu einem wohlgeglicdcrten Bürgerleben und einer rührigen, deutschen Kaufmannschaft unter dem Einflüsse jüdischen Handels und im Anschlüsse an denselben zu entwickeln beginnen. So halfen die Juden unj bewusst und ohne zu wollen, jene Stände zu schaffen, 4 die später einmal, als sie zur Zeit der Kreuzzüge sich genügend gekräftigt hatten, um jüdischer Beihilfe emhobei! sein zu können, den Kampf gegen das Judentum als soziale, politische und religiöse Gegner, in jener fürchterliehen Weise aufnehnien.sollten, die wir unter dem Namen des ״Mittelalters" zur Genüge kennen. Am Anfänge des Mittelalters sind für Deutschland die beiden Begriffe Jude und Kaufmann, sozusagen identisch, eine Wahriiehmung, die besonders aus dem Umstände erhellt, dass zuerst etwa um 815 von einem Juden die Rede ist, der nicht Kaufmann war.*) Es würde aber zu weit führen, und gehört auch nicht mehr in den Rahmen dieser Arbeit, wollten wir des Genaueren entwickeln, wie sich derdeutsehe Handel aus dem jüdischen entwickelt, ihn allmählich verdrängt und vernichtet hat, wie endlich aus den reUgiösnationalen Unterschieden jene Kluft sich entwickelte, *) Es ist dies: Salzburger Pormclbuch No. 38. Ein Erzbischof bittet einen Grafen, illum medicuni iudaicum v e I s c I a v i a n i s c u in N., sicut nuper in!110 loco vos rogavimus. quando loquebamur, et ille episcopus vester fidelis vos : postulavit antea, petimus, ut cum presente portatore istius | cpistolae cum nobis ambobus transmittatis. (Aronius, Regesten * No. 93, Zeumer, Formulae p. 448.)

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