Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651274-2651283--00071-2656841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 58. JiidiHolie Riindsolmu. Ko 47. wollen, zugeben, dass bei uns viel zu viel studiert wird, j Der Wert einer formellen Bildung wird unsererseits ן überschätzt. Und wir können das wohlgemeinte! .Witzwort yerstehen, das von einem der besten Freunde j seiner jüdischen Nation ausgeht, dass die 3 grössten Wohltäter der Juden die Monarchen von Preussen, Russfand und der Türkei wären. Denn allein durch das Ein- *wanderungsverbot habe der Sultan eine gedeihliche Be- *siedelung Palästinas möglich gemacht,' Russland durch seine Beschränkungen die Entstehung eines jüdischen Oelehrtenprolctariats erschwert, und endlich habe der König von Preussen — da doch einmal der Doktortitel für einen deutschen Juden beinahe unerlässlich sei — durch die Schaffung des Dr. Ing. die Möglichkeit geschaffen, dass deutsche Juden ein praktisches Fach studieren könnten. Das Witzwort ist eben c 11 tu g r a n 0 s a I i s zu verstehen und als Witzwort wahr. Es drängen stell speziell deutsche, aber auch andere Juden zum Studiuni, deren Begabung eine minderwertige ist, und es wäre dem jüdischen Volke besser, dass seine Begabten nicht studierten, als dass seine Unbegabten leider studieren. Immerhin ist es ein schweres Unrecht, dass man die Juden vom Studium ausschliesst, und es müssen Mittel und Wege gefunden werden, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Von diesem Standpunkte aus betrachtet wäre eine jüdische Hochschule immer doch ein Gewinn. Vom Nationalgedanken aus ist eine nationale Hochschule 11atürlich noch unendlich wünschenswerter. Denn dort könnte man sich die allgemeine und Fachbildung ancigneu und sich zugleich in die Wissenschätze des Judentums vertiefen. In diesem Sinne hat Schapira den Nachdruck bei seinem Plane auf die jüdisch - Wissenschaftliehe und auf die technische und agronomische Abteilung gelegt, und dementsprechend haben unsere mit dem Plane neu hervortretenden drei Parteigenossen den Techniker in den Vordergrund ihres Planes gestellt. Aber haben die Herren Weizmann. Buber und Fei,־ wel auch die Mittel ins Auge gefasst, die nötig wären, um in der Schweiz oder England die Studenten zu erhalten? Sie haben doch wohl nicht vergessen, dass der grösste Teil der in Betracht kommenden Studenten •gänzlich mittellos ist. Aber ihr Projekt und seine Verwirklichung in Europa birgt eine grössere Gefahr in sich, als die Verfechter des Planes ahnen. Wenn die Jüdische Hochschule in der Schweiz oder einem andern europäischen Lande gegründet wird, so wird es absolut nötig, dass sic nicht geringere Forderungen an die Aufztmehmenden stellt, als die entsprechenden europäischen Au* stalten, oder sic wird von vornherein als minderwertig gelten. Stellt sie aber diese Forderungen, so giebt sie auch den nichtjüdischen Hochschulen den ersten plausiblen Grund, jüdische Studenten aus Russland,*Galizien oder Rumänien vom Studium zu rtickzu weisen und sic würde daher nicht so sehr ein Asyl für die jüdischen Studenten, sondern ihre grösste Gefahr bilden. Endlich aber — und das ist das Gefährlichste — wird sie nicht eine jüdische Industrie, wie die Gründer wünschen, ins Lehen rufen, sondern eine russische, galizisehc und rumänische Industrie. Die theoretischen und praktischen Kenntnisse, welche die Jüdische Hochschule vermitteln wird, würden den Ländern und Völkern zu Gute kommen, welche die Juden ausstossen und vom Studium ausschliesscn. Für unsere Kosten würden wir Russland und Rumänien die Ingenieure gehen, deren sie bcdürfen, um Westeuropa Konkurrenz zu machen. Ganz anders liegt das Verhältnis, wenn man in Palästina die Jüdische Hochschule errichtet. Das ist zwar nach dem Plane nicht ausgeschlossen, aber erst in letzter Linie in Aussicht genommen. Wenn wir aber zu S c!1 a p i r a s Plan zurückkehren und nur in Palästina eine Hochschule zu errichten gedenken, so wird durch die Hochschule ein Mittelpunkt geschaffen, der in mandien Punkten an die zentralisierende Macht erinnern würde, die die Grosse Versammlung und das Synhedriuni in den Zeiten der ersten Rückwanderung nach Palästina ausgeübt haben. Es würde ein Kulturmittelpunkt werden, der Palästina tatsächlich von Neuem den Charakter des Jüdischen Landes geben würde, mehr als hundert neuer Kclonieen. Es würde der mächtigste Hebel zur Fortiiilinmg der Kolonisation sein und würde europäische Kultur in jüdischem Geiste in den Orient hincintragen. Dort würde auch die Gewähr einer jüdischen Industrie gegeben sein, und dort wären wir sicher, dass nicht der Geist einer falschen Assimilation uns unsere besten Kräfte rauben und ins Fcindeslagcr fiilircn würde. Dann erst würde auch unsere Nationalbibliothek anfangen, Bcdeutung zu bekommen. Ja, gewiss! Wir wollen und müssen dazu kommen, eine Jüdische Hochschule zu erhalten, aber keine solche, die dem jüdischen Volke schaden wird, sondern eine Hochschule, die die Gewähr der Zukunft in. sich trägt. Dann aber müssen wir zu Schapiras Plan zurückkehren, eine Jüdische Hochschule zu gründen, aber n u r i n P a 1 ä s t i n a. Zur Geschichte des Jüdischen Handels im früheren lilittelalter. Eine historische.Skizze von Heinrich Loewe. (Fortsetzung.) . Dieser jüdische Grosshandcl, besonders aber die durch Israeliten teils erhaltenen, teils neu angeknüpften Bedingungen haben nicht nur orientalische Luxusartikel dem europäischen Westen und Norden zugeführt, soudem vor allem für Mitteleuropa die Bedeutung gehabt, dass sich an geeigneten Punkten des deutschen Landes Zentren für Handel und Kauf bildeten, welche sich allmählich zu Städten entwickelten. Denn nicht der Macht- Wille eines Königs oder die Furcht vor einem Feinde gründet die Städte; ״denn stürmtest steht der Boden, den wir bauen“; sondern Handel und Gewerbe sind die eigentlichen und wahren Städtegründerinnen. Und wenn auch Lombarden, Syrer und Kawcrtschcn ebenfalls als mittelalterliche Kaufleuie nicht gerade die geringste Rolle spielen, so liegt doch ausser allem Zweifel, dass gerade am Eingänge des Mittelalters die Juden die hauptsächliebsten Handelsleute waren. Arnold macht in seiner Verfassungsgcschichte der deutschen Freistädte die Bemerkung, dass zu dem Rcgrific einer Stadt in jener älteren Zeit die Juden direkt hinzugehörten, und es ist wohl mehr als ein blosser Zufall, wenn in Köln das Rathaus mitten im Judenviertel lag. Und ebensowenig ist der Zusammenhang zwischen den beiden Tatsachen zu verkennen, dass es im inneren Teile des Herzogtums Sachsen nur wenige bedeutendere Städte gab und wiedaum die Juden in diesen Gegenden nur sehr spärlich wohnten, was wir getrost aus dem Umstände scltlicsscn dürfen, dass das sogenannte ״Judendeutsch“ überhaupt keine niederdeutschen Formen enthält. Eine Sache aber verdanken die Deutschen überhaupt nur■ dieser Einwanderung jüdischer Geschäitsmänncr in ihr Land, und das ist die Entstehung eines selbständigeh, deutschen Kaufmannsstandes. Diese fällt freilich in eine verhältnismässig späte Zeit, denn noch zu Ludwigs des Frommen Zeiten war ,der Judennieistcr, wie es scheint, ein und dieselbe Person mit dem magister mercatorum. Auch wissen wir, dass eben dieser Kaiser im